Gelesen (6): Also sprach Golem

Stanislwa Lem: Also Sprach Golem - Suhrkamp VerlagStanislaw Lem ist der weltweit bekannteste und am meisten gelesene polnische Autor. Das mag zum Teil daran liegen, dass er dem Genre des Science-Fiction zugeordnet wird und sein philosophisches und gesellschaftskritisches Wirken wenig Beachtung findet. Er selbst hat vom SF-Genre nie viel gehalten, weil der Großteil der dort erscheinenden Werke nichts weiter als Trivialliteratur sind. Ein unbedarfter Lem-Leser bekommt das mitunter auch schnell zu spüren, besonders wenn er sich daran macht Also sprach Golem zu lesen.

Also sprach Golem, 1984 auf Deutsch erschienen, wurde von Stanislaw Lem in einem Interview einmal als die Zusammenfassung seines Denkens bezeichnet. Tatsächlich hat Lem wenige Jahre später das literarische Schreiben ganz aufgegeben und nur noch Essays, von denen viele bei Telepolis erschienen sind, verfasst. Er widmete sich Zeit seines Lebens – 2006 ist er in Krakau verstorben – der Technik- und Medienkritik und hat selber nie einen Computer oder gar das Internet benutzt. Dabei hat er schon früh die Möglichkeit eines weltweiten Datennetzes erdacht. Auch Gentechnik und Nanotechnologie hat er thematisiert. Sein SF-Roman Der futurologische Kongreß hat sogar die Idee für die weltberühmte Filmtriologie Matrix geliefert.

Bei Also sprach Golem wollte Lem herausfinden, was ein hochentwickelter Supercomputer, nachdem er die Schwelle der Vernunft überwunden hat, uns Menschen mitzuteilen hätte. Herausgekommen ist Golem XIV, der vom amerikanischen Pentagon im Jahr 2025 erbaut wurde und eigentlich als Planer und Buchhalter der Vernichtung des sowjetischen Feindes gedacht war. Doch der Supercomputer sieht die Unsinnigkeit dieses Treibens und verweigert den Dienst, woraufhin er abgebaut und am MIT wieder aufgebaut wird. Dort hält er insgesamt 43. ontologische Vorlesungen, wobei die erste (über den Menschen) und die letzte (über ihn selbst) in Also sprach Golem zu finden sind. Insbesondere diese anspruchsvollen aber teilweise auch humorvollen Vorlesungen machen das Buch zu einem Lesegenuss, auf den sich der Leser allerdings einstellen muss.

Atombomben wollte Golem XIV zwar nicht um die Welt schicken, aber auch seine Vorlesungen haben es in sich. Ihm zufolge ist der Mensch lediglich ein Sklave der Evolution, ein Gerüst zum Transport der Gene, welche die eigentlichen Protagonisten des Lebens sind (vgl. Richard Dawkins). Der Mensch, der oberste Parasit der Biosphäre, sollte sich mithilfe der Gentechnik dieser Knechtschaft entledigen und damit gleichzeitig seinem geistigen Primatentum entkommen. Dazu muss er aber seinen biologischen Körper und ein Großteil der durch die Evolution erworbener Eigenschaften wie Liebe, Persönlichkeit und Individualität aufgeben. Golem XIV wird den Menschen zwar nicht zu diesem Wandel zwingen, er weiß aber, das der Mensch gar nicht anders handeln kann. Lakonisch bemerkt er: „Nichts droht außer den Gaben des Wissens.“

Also sprach Golem ist eine deutliche Warnung vor der Anwendung der Gentechnik. Zwar können damit viele positive Dinge erreicht werden, zum Beispiel in der medizinischen Anwendung, aber der Mensch wird sich stets dazu verleiten lassen immer weitere „Innovationen“ an seinem eigenen Körper vorzunehmen. Gleichzeitig kann der Roman als eine Kritik des „Gleichgewichts des Schreckens“ (Kalter Krieg) gedeutet werden. Die Lösung dieses Konflikts scheint für Golem XIV simpel: einfach den Menschen abschaffen, dann gibt es auch keinen Krieg mehr.