Kulturkampf in Berlin?

Mehr Demokratie eVDer Wahlkampf um den Volksentscheid zu „Pro Reli“ am 26.04.2009 ist deutlich aus dem Ruder gelaufen. Sowohl Gegner als auch Befürworter der „Pro Reli“-Kampagne neigen bei ihren Plakaten zu Übertreibungen, so dass das Thema maßlos überhöht wird. Die „Pro Reli“-Anhänger gehen aber noch ein Stück weiter, indem sie auch vor juristischen Mitteln nicht zurückschrecken – mal ganz davon abgesehen, dass sie bei ihren Kontrahenten ehemaligen Stasi-Spitzel auszumachen glauben, was die einschlägigen Gossen-Postillen natürlich genüsslich ausweiden. Der Freitag und die taz geben da einen guten Überblick.

Das eine solche Kampagne im hochatheistischen Berlin überhaupt möglich ist, das erstaunt doch sehr. Kaum 30% der Berliner sind in einer christlichen Kirche Mitglied – Tendenz fallend. Allerdings mobilisieren auch muslimische und jüdische Vereinigungen für die Kampagne. Dennoch hat „Pro Reli“, je nach Umfrage, einen kleinen Vorsprung in der Wählergunst. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die Wähler dem Gezanke der beiden Kampagnen wenig Bedeutung beimessen. In der Tat gibt es ja gute Argumente für beide Seiten.

Eine aktuelle Studie der Humboldt-Universität hat untersucht, ob bekenntnisbezogener Religionsunterricht interreligiöse Kompetenzen fördert. 84 Prozent der Schüler gaben an, dass der Unterricht ihnen dabei geholfen habe Menschen mit anderen Glaubenüberzeugungen besser zu verstehen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei diesem Unterricht eine Selektion nach dem Glauben vorgenommen wird und aufgrund der wenigen konfessionell gebunden Schülern in manchen Gegenden Ostdeutschlands kein Unterricht sinnvoll möglich ist. Außerdem ist Religionsunterricht aufgrund des bekennenden Charakters ein Fremdkörper im Schullehrplan. Das spricht eindeutig dafür, dass Religionsunterricht nur freiwillig erfolgen darf. Die Freiwilligkeit ist aber bei beiden der konkurrierenden Modelle mehr oder weniger gegeben.

Eine Trennung der Schüler erfolgt beim Ethikunterricht, wenn er verpflichtend ist, nicht. Auch christliche Verfechter des Ethikunterrichts heben hervor, dass eine Fixierung auf das Christentum in der Geschichte zu Unfrieden und Intoleranz geführt hat. Der Ethikunterricht ist besonders bei verschiedenartigen Meinungen eine Einübung in pluraler Demokratie. Oft wird der Unterricht aber auch in seiner Bedeutung überhöht, da auch er nicht wertfrei sein kann, da dies maßgeblich von der Lehrkraft abhängig ist. Hat die Lehrkraft das Weltbild des bekennenden Atheismus verinnerlicht, dann ist auch der Ethikunterricht nicht mehr bekenntnisfrei. Außerdem muss erwähnt werden, dass auch in anderen Fächern wie Deutsch, Politische Bildung oder Geschichte über Ethik diskutiert wird.

Ein Ausweg aus der Trennung von Ethik- und Religionsunterricht wurde in Brandenburg konzipiert, aber leider nur dem Namen nach umgesetzt. In der Theorie soll der Unterricht beim Fach „Lebensgestaltung-Ethik-Religion“ (LER) von einer wertneutralen Person geleitet werden, in den Unterricht werden aber Vertreter verschiedener Glaubensbekenntnisse eingeladen. Das Fach wurde 1998 von kirchlichen Jugendmitarbeitern entwickelt, wobei der zunehmend multikulturellen Gesellschaft Rechnung getragen werden sollte. In der brandenburgischen Praxis erfolgt die Integration verschiedener Glaubensgruppen aber nur unzureichend.

Das Religion ein bedeutendes Unterrichtsthema ist, das ist wohl unbestritten. Die Kenntnis religiöser Zusammenhänge erlaubt erst ein tieferes Verständnis einer Vielzahl menschlicher Konflikte und schafft die Möglichkeit des interkulturellen Dialogs. Inbesondere für das Studium eines geisteswissenschaftlichen Fachs sind religiöse Kenntnisse unabdingbar. Gemeint sind hier aber Religionskentnisse ohne bekennenden Charakter. Diese können in einem guten Ethikunterricht durchaus vermittelt werden, aber es gibt keinen Grund das Fach dann nicht beim vollständigen Namen zu nennen.

Am morgigen Sonntag ist es wohl am sinnvollsten für „Nein“ zu stimmen, da die Wahl ja eigentlich bei den Schülern liegen sollte. Die aktuell gültige Konzeption ermöglicht es immerhin beide Fächer zu belegen. Über die Ausgestaltung des Ethik-Unterrichts sollte dann eine nüchterne Diskussion erfolgen. Am besten wäre es aber das brandenburgische Modell des LER-Faches wiederzuleben. Dieses Fach wird allen Ansprüchen noch am ehesten gerecht. Dann kann der hässliche Pseudokulturkampf zu den Akten gelegt werden.

Foto: Mehr Demokratie e.V.


2 Antworten auf „Kulturkampf in Berlin?“


  1. 1 Machnow 27. April 2009 um 6:34 Uhr

    Bin echt froh, dass das versetzungsrelevant (!) Wahlpflicht Religion nicht eingeführt wird.

    Meiner Ansicht nach hätte ein konfessionsabhängiges Fach Religion als Pflicht zu Posaition der Amtskriche in den Schulne enorm verstärkt. Es ist gut, daß die Amtsträger nicht im Klassenzimmer sitzen. Sie können ihre Schäflein auch gut in den Kirchen manipulieren. Mensch muß ihnen nicht noch die Möglichkeit schenken bei Kindern zu missionieren und im „charktenildemden“ alten zu indoktrinieren.

    Also, gut daß die Popen zu Hause bleiben können!

  2. 2 M. A. Bakunin 27. April 2009 um 12:24 Uhr

    Ich glaube das die Bedeutung der beiden Fächer, also Ethik und Religion, überschätzt wird. Ein einzelnes Fach kann auch bein einem „guten“ Lehrer kaum wesentlich charakterbildend sein. Genauso gering schätze ich die Möglichkeit der Indoktrination in einem bekenntnisorientierten Fach Religion ein. Jedenfalls in dem einen Jahr, in dem ich einen Pfarrer als Religionslehrer hatte, hat dieser nie das Wort Jesus oder Bibel in den Mund genommen – was ich im Nachhinein sogar etwas schade finde.

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