Medienschau am Sonntag (4)

In der heutigen Medienschau ist wieder einiges an Sprengstoff versteckt, besonders was den politischen Nahbereich angeht. Da muss man schon beinahe befürchten, dass die anderen Themen kaum Beachtung finden. Jedenfalls konnte ich es diesmal mit der Zeit nicht so genau nehmen, weil ich sehr interessante Artikel gefunden habe, die vor dem vergangenen Montag erschienen sind. Dafür ist es diesmal nicht allzu taz-lastig. ;-) Nach dem gründlichen Lesen wird der Leser jedenfalls eine etwas andere Vorstellung zum Thema Piraterie haben.

Bleiben wollen“ (Jungle World vom 16.04.2009)
Weil es so schön und interessant ist wieder ein Artikel zum Themenbereich Stadtsoziologie/Gentrifizierung – und obendrauf eine Steile These: Es ist naheliegend, dass die Anwesendheit von jungen links-alternativen Menschen den Beginn einer Gentrifizierung einläutet, da die sogenannten Yuppies ja gerade den Lebensstil dieser Szene schätzen. Die Anti-Gentrification-Bewegung sollte also mehr die städtische Miet- und Wohnpolitik kritisieren meint der Soziologe Andej Holm (ebenso wie Hartmut Häußermann am 06.04. in der taz). Der Begriff „Yuppisierung“ ist nach dieser Argumentation eher obsolet.

Wohl kaum mehr Zweifel am Auseinanderfallen des internationalen Währungssystems“ (GEAB Nr. 34 vom 18.04.2009)
Die These ist steil, aber ziemlich konkret: Im Sommer 2009 droht den USA der Staatsbankrott, da die Ausgaben aufgrund der Rettung der Finanzmärkte um 41% gestiegen, die Einnahmen aber um 28% eingebrochen sind. Ein Indiz für den Bankrott ist der Versuch Chinas sich von seinen Dollar-Reserven (1.700 Mrd.) zu befreien. Ein weiteres Indiz ist die chinesische Initiative auf dem G20-Gipfel zur Einführung einer neuen, weltweiten Referenzwährung. Die Europäer (ohne GB) hätten das Know-How zu einer grundlegenden Reform des internationalen Währungssystems, doch die Regierenden besitzen nicht die Courage die Entwicklungsländer zu unterstützen. Die Ergebnisse des G20-Gipfels deuten auf eine langjähige Weltwirtschaftskrise hin!

Exzellenz als Geist und Geistlosigkeit“ (Forum der Wissenschaft 1/2009)
Mit dem Bologna-Prozess wurden die Universitäten in einen darwinistischen Evolutionsprozess hineingeworfen. Das Exzellenz-Prinzip „the winner takes it all“ sorgt für eine Selektion in verschiedene Klassen von Hochschulen. Jacques Derridas‘ Idee von einer idealen Universität wurden bei der Reform der humboldtschen Universität fundamental verfehlt. Der Autor dieser Analyse lehrt politische Wissenschaft in Leipzig und dürfte bald zu den letzten Hochschullehrern seiner Art gehören: den Denkern, die ohne monetäre Steuerung denken möchten und können.

Unverzüglich versenken“ (german-foreign-policy.com vom 20.04.2009)
Wo doch plötzlich die ganzen Piraten herkommen? Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag jedenfalls gibt sich nicht weiter überrascht und kündigt das unverzügliche Versenken der (somalischen) Piratenschiffe an. Das wurde bisher vermieden, kann es doch zu Verwechslungen mit Fischerbooten kommen – wie im ersten Fall einer Versenkung im Rahmen des aktuellen Flottenaufgebots durch die indische Marine geschehen. Die Verwechslung mit Fischerbooten kommt ja auch nicht von ungefähr: die Gewässer vor den Küsten Afrikas werden zunehmend von auswärtigen Flotten – mitunter unter Anwendung von Gewalt – leergefischt. Was also machen mit den vielen Fischerbooten?

Diese bürgerliche Gewaltdiskussion langweilt nur“ (taz vom 21.04.2009)
Ein interessantes Interview hat die taz mit dem Sprecher der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin, Jonas Schiesser, geführt. Zuvor hatte die CDU den dummdreisten Vorschlag unterbreitet alle Demonstrationen am 1. Mai zu verbieten, weil von diesen eine Gefährdung ausginge. Ins gleiche Horn blies der Staatssekretär des Bundesinnenministeriums: dort wird vor dem Erstarken des Linksextremismus in Berlin gewarnt. Jonas Schiesser konnte in dem Interview die Realität wieder etwas ans Tageslicht führen, konnte aber von unreflektieren Äußerungen auch nicht ablassen: Ihm zufolge braucht es keine Diskussion um Militanz zu geben, weil dies „bürgerlich“ und „langweilig“ sei.

Charles Darwin“ (spektrumdirekt.de vom 22.04.2009)
Vor 200 Jahren hat Charles Dawin das Licht der Welt erblickt und vor 150 Jahren hat er sein revolutionäres Werk über die Entstehung der Arten veröffentlicht. Die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft hat zu diesem Thema ein Dossier veröffentlicht. Die meisten Artikel sind frei verfügbar. Neben Darwins Forscherleben und der Evolutionstheorie wird auch die antidarwinistische Indoktrionation in Deutschland thematisiert. 30% der Deutschen halten die Evolutionstheorie für falsch.

Ruch der Karibik“ (Freitag vom 23.04.2009)
Der Kampf gegen die Piraterie hat etwas vom Kampf des Sesshaften gegen das Nomadische. Die echten Piraten, wie sie derzeit vor Somalias Küste verortet werden können, sind allerdings etwas altmodisch, denn sie glauben noch immer an die Realwirtschaft. Moderne Piraterie findet aber im virtuellen Raum statt. Der Pirat ist das nomadische Kapital. Dies widerrum führt wiederrum zur realen Manifestation von Piraterie – davon berichtet ein echter somalischer Pirat mit erstaunlich hohem Schulabschluss.

Warum es um Zensur geht“ (bei jensscholz.com am 25.04.2009)
Unter der Schirmherrschaft von Ursula von der Leyen und unter dem Vorwand der Bekämpfung von Kinderpornografie wurde in Deutschland die Technik zur Internet-Zensur eingeführt. Über die technischen Maßnahmen, die die Möglichkeit zu einer Ausweitung der Zensur z.B. auf politische Inhalte offen lassen, und die dabei wirkenden psychologischen Effekte berichtet Jens Scholz in seinem Blog.

Europäer lassen Atommüll vor Somalias Küste versenken“ (meta-info vom 26.04.2009)
Für die Ausplünderung somalischer Fischbestände haben auch die Europäer eine Verantwortung. Noch skandalöser ist aber die Versenkung von atomarem Müll, was vorwiegend von der italienischen Mafia organisiert wird, weil die Kosten dieses Entsorgungsweges hundertfach billiger sind, als wenn die „Atommüllendlagerung“ nach europäischen Standards erfolgen würde. Thomas Klau – Kolumnist bei der Financial Times Deutschland – fordert zurecht, dass zunächst die europäische Piraterie in somalischen Gewässern aufhören muss, bevor man sich an die somalischen Seeräuber heranmacht.


1 Antwort auf „Medienschau am Sonntag (4)“


  1. 1 Machnow 27. April 2009 um 8:03 Uhr

    Der jungle Wolrd Artikel zu Freiräumen spricht interessante Ideen zur Kritik der neuen Squatting Bewegung in Deutschland an. Die Abwehrkämpfe ohne echte Persepktive der Vergesellschaftung von (Wohnungs- / Haus-) Eigentum ist eine Schwäche, die eben der sogenannten Gentrifizierung nix entgegensetzen kann.

    An einem Punkt hackt die sonst spannende Argumentation. Denn die Parole gegen eine „Yuppisierung“ ist eben überhaupt kein „regres­siver an­ti­kapitalistischer Reflex“, sondern die Grundlage von freiRäumen. Es geht eben um eine ANTIkommerzielle, hierarchiefreie, emanzipative politik. antkapitalismus ist dabei weder regressiv noch ein überbewußter reflex. deshalb ist die oberflächlich analysierte „yuppisierung“, gemeint ist die kommerzialisierung, eben etwas, daß es gilt jedesmal auch in den fokus zu rücken. es reicht nicht sich auf die mietstruktur und verdrängungsmeachanismen im kiez zu konzentrieren, sondern viel mehr sollten alternative, also antikapitalistisch gesprochen, eben nicht-kommerzielle räume und strukturen geschaffen werden.

    Zum Thema Piraten sind es auch interessante Artikel. Wobei der Freitag artikel zwar anspricht, dass das kapital sich selbst spätestens seit der neoliberalen „transforamtion“ in nomaden / piraten verwandelt hat. dabei gbt es allerdings ‚bunker‘, die verteidigt werden müssen, nämlich copyrights, straßen (virtuell / geographisch) und vor allem ressourcen. die werden, wie die anderen artikel zum thema beschreiben, ökonomisch imperialistisch ausgeplündert (zb öl, fisch, gewürze usw).

    nicht vergessen werden sollte auch, dass gerade england durch seeräuberei zum interantionalen akteur wurde. somalia könnte es ähnlich gehen. auch das mittelalter kennt piraten. mit dem anwachsen und der wachsenden relevanz des import-/ export-handels wachsen die begehrlichkeiten. um freiheit geht es den piraten weniger. um respekt & ehre eben auch nicht. sondern piraten gings um kohle. deshalb waren bakschisch verträge – ganz westeuropäisch nach röm. recht – eben immer eine alternative zur militarisierung der handelslinien.

    jedoch leben wir zur zeit in einer epoche eines schwachen saates, der sich immer omniprpräsenter auf sein recht der machtausübung beruft. piraten stellen, wie guerilleros eben auch, die machtfrage. der staat antwortet mit der militarisierung der (versorgungs-) wege. das cyberspace und seine ’straßen‘ wird genauso (paramilitärosch) überwacht, wie die ’sesshaften‘ versorgungslinien.

    Piraten sind also kein Zeichen einer ökonomischen Krise, sondern vielmehr Ausdruck einer Schwäche staatlicher Mediationsorgane auf internationalem gebiet.

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