Der 1. Mai war also der Tag des Schirms. Für einige alleingelassene, verwirrte Akademiker_innen vielleicht. Der 1. Mai war Super! Spitze! Die Organisator_innen der Berliner Mayday Parade, die besser in akademischer Maispaziergang mit musikalischer Untermalung umbenannt werden sollte, haben offenbar nix von der Kritik an ihrer reinen Spaßdemo mitbekommen. Außerdem scheinen sie komplett positivistisch zu rezipieren. Erstaunlicherweise tauchen die kritischen Reflexionen zu ihrer Love – äh – Prekären-Parade in ihrem Pressespiegel gar nicht auf. Welche rosarote Brille haben diese Leute eigentlich auf?
Erstaunlicherweise war der Tagesspiegel in seiner Würdigung der Mayday Parade relativ treffsicher. Zunächst verband Jörn Hasselmann die Musikbespaßung mit den maoistischen und trotzkistischen Politsekten. Er faßt beides ironisch als Spaßdemos zusammen. Ich würde sie kritikresistente, autistisch-dogmatische Folklore für Rentner und entpolitisierte Akademiker_innen nennen.
Übrigens war das Routenverbot für den Mayday lächerlich. Einen black bloc, linksradikale Demostrant_innen und jenseits alternativer Partystrukturen nach freiRäumen suchende wird mensch bei dieser Parade lange suchen können. Sie waren nie da und werden nach diesem Jahr ganz bestimmt auch nicht mehr hinkommen.
Aber die Verstalter_innen fanden ihren 1. Mai gelungen.
Es war SUPER! Trotz Routenverbot ließen sich rund 5.000 Teilnehmer_Innen nicht den 01. Mai verderben und kamen mit Schirm, Charme und Melone zum Auftaktsort der diesjährigen Mayday-Parade. Nach dem Auftaktskonzert von Incredible Herrengedeck und der Einübung einer Choreographie, die nebenbei bemerkt von zwei wunderbaren ModeratorInnen vorgeführt und von noch viel wunderbareren hunderten Teilnehmer_Innen nachgemacht wurde, setzte sich die Parade mit sieben Wagen bunt, laut und kreativ in Bewegung. Tausende demonstrierten gegen prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse, den Zwang zur Lohnarbeit oder für eine gesundheitliche Grundversorgung für Alle!
Schon bei der Anzahl war wohl eher der Wunsch die Mutter des Gedankens. Auch von demonstrieren kann keine Rede sein. Nur wenig Parolen! Selten klare politische Ansagen! Viel mehr eine wunderbare Moderation und noch viel wunderbarere hunderte Teilnehmer_Innen, die wippend schnucklig ihre Regenschirme schwenkten und sich nicht mal fragten, warum sie das eigentlich taten. Wahrscheinlich weil es so hübsch aussah. Oder, vielleicht, weil kollektiv im Regen stehen und auch gar nix zu kapieren irgend wie ansteckend ist.
Die Farbeieraktion war nett und so einfach, wie eine Teilnehmer_in wohl meinte. (Un-) Politische Randale sollte es nicht sein. Vielmehr eine symbolische Meinungsäußerung, ein charmant vorgetragener Protest. Diue Erläuterung zur Farbei-Aktion ließt sich kämpferisch und lächerlich zugleich.
Wir sollen für die Krise bezahlen. Das tun wir heute – in unserer Währung. Die ist bunt, 300g schwer, liegt gut in der Hand und hat beste Flug-Eigenschaften. Der Kapitalismus ist in der Krise? Der Kapitalismus IST die Krise. Wer dieses System retten will und die Krise auf ArbeiterInnen, Erwerbslose und prekär Beschäftigte abwälzt, riskiert soziale Unruhe. Bitte schön.
Was für eine symbolisch, antagonistisch-intelektuelle Sprache. Was für ein naives akademsiches Gelabber. Sollen Eier soziale Unruhen sein? Mit Charme, einer netten Performances und wunderbaren Moderation_innen wird, wie Jutta Ditfurth schon auf der 18 Uhr Demo erläuterte, kein System geändert. Die Bastille wurde bestimmt nicht durch Farb-Eier und Regenschirme befreit. Die Kapitalist_innen lachen nur über derartigen Ungehorsam!
Mich verwundert schon, daß auch im Fazit nicht erklärt wird, was diese Performance soll, warum Regenschirme – stehen die eventuell für die staatlichen – durch die Gegend getragen wurden. War ihnen wohl dann doch zu unpolitisch.
Genauso wenig kapieren die Organisator_innen, daß sie mit ihren entpolitisierten Begriffen jeden Bezug zum 1. Mai als Kampftag der Arbeiterklasse, bei ihnen der Prekarisierten insbesondere in der Kultur, den Medien und der Wissenschaft, verloren haben.
Sie nutzen Begriffe des Spektakels und wundern sich, daß sie eben mit diesem verwechselt werden. Es ist wieder der Tagesspiegel, der von Partylaune beim Myfest und Mayday-Parade schreibt. Damit steht letzteres nicht nur neben den autistischen Politsekten, sondern auch noch gleichauf mit der städtischen Befriedungsinszenierung, der lokalen Verwertungsperformance, um jegliche sozialen Diskurse zu unterbinden und anästhisierend in Suff, Drogen und Musik zu ertränken.
Die Welt ist bunt! Die Welt ist schön! Kapitalismus ist nicht so schlimm, so lange jeder genug Geld hat, nicht Arbeiten muß & schnicke Party feiern darf. Das dürfte das Motto des Mayday in Berlin sein! Damit hab ich aber auch gar nix zu tun! Ich bin raus, ich mach nicht mehr mit . . .
Das empfehle ich im Übrigen allen, die wirklich an politischen Alternativen am 1. Mai interessiert sind ebenso. Ich meien damit ganz besonders die FAU und FeLS. In Berlin ist die Mayday Parade als politische Veranstaltung gescheitert. Es gilt neue Wege zu finden!
Sag mal, bist du wütend oder warum ist Deine Analyse so einseitig?
ich bin enttäuscht. ich bin wütend, dass ein ansonsten recht gut arbeitendes bündnis mit interessanten ansätzen sich auf ihren hauptveranstaltung so sehr entpolitisiert und am fetisch erfolg orientiert und sich über die hohe teilnehmer_innen-zahl definiert. ich bin suaer, dass ich dachte zu spät zu kommen und eigentlich viel zu früh da war. ich bin wütend, dass die parade rein musikalisch zentriert war. und zwar mit wave-trash, seichtem electro usw. nur die FAU hatte explizite musik . . .
die reden am anfang waren gut. nur hat niemand zugehört. es ging ja schließlich um party, feiern und ganz anders den 1. mai feiern. solch eine parade ist so, wie die loveparade angefangen. hat fehlt nur noch dr. motto, der etwas von weltfrieden & rosaroten brillen für alle faselt . . .
ich bin verärgert, dass kritik einfach ignoriert wird. ich bin enttäuscht, dass es keine selbstkritik gibt und alles so hübsch fein gelaufen ist. es ist schwach, dass das routenverbot so minimal quitiert wurde. ich bin erschrocken, wie wenig interessiert die organisator_innen an einem linksradikalem diskurs zu sein scheinen. adjektive wie wunderbar, charmant usw haben nix mit sozialen unruhen zu tun. symbole sind lächerlich. es geht knallhart um aneignung, protest, wut, verzweiflung, ohnmacht usw. nicht um party, moderationen, performances. performances können gut sein – die der clowns dekonstruieren regelmäßig autoritäten – aber ohne erläuterung sind sie inhaltsleer. und genau so kam mir diese parade und die statements danach vor, nämlich inhaltsleer, weltfremd, egoman, affirmativ & ängstlich gegen äutoritäten.
die farbkleckeserei am finanzministerium wird übrigens als moderne kunst empfunden. schlipsträger, tourist_innen und andere angepaßte freuen sich über die farbe. die politische aktion ist, wie so oft bei subversiven performances entsorgt worden. es bleibt die entpolitisierte streetart, die für nix steht.
im übrigen bin ich polemisch!
ps. majakowski hätte mich verstanden. anpaßung, kompromiße und jede kritiklosigkeit war ihm fremd. ganz besonders gegen sich selbst. ihn interessierte der neue mensch. der war eine kommunistische maschine!