Medienschau am Sonntag (7)

Nichts scheint so einfach zu sein als das Rumtippen auf Computertastaturen – zumindest für die anderen, also alle außer mir. So muss ich mich nun wöchentlich durch Unmengen von Texten hindurchkämpfen, um daraus das subjektiv interessanteste herauszufiltern. Ein polemischer Artikel wie der aus der aktuellen Ausgabe der Jungle World kann bei dieser Masse schon mal etwas ungerechtfertigterweise wichtigerer Artikel über die negativen Auswirkungen des Monsanto-Genmaises oder über die Mär vom Hochsteuerland Deutschland verdrängen. Immerhin ist somit aber die Wahrscheinlichkeit einer Meinungsverschiedenheit höher – die Voraussetzung für eine zünftige Diskussion also gegeben.

Gratuliere, es ist ein Zwitter!“ (jungle world vom 07.05.2009)
Nach preußischem Recht im 19. Jahrhundert war es möglich neben „männlich“ und „weiblich“ ein drittes Geschlecht in den Pass eintragen zu lassen, was heute nicht mehr möglich ist. Die Zuordnung eines Geschlechts wird dabei rechtlich angeordnet, die Eltern dürfen lediglich entscheiden, ob ihr Kind männlich oder weiblich sein soll – meistens entscheiden sich die verunsicherten Eltern für das weibliche Geschlecht. Die Operation ist aus medizinischen Gründen nicht notwendig, angeblich aber aus sozialen Gründen.

Ich wundere mich, dass keiner Farbbeutel wirft“ (taz vom 11.05.2009)
Matthias Klipp ist vor der Wende mittels der Wohnungsbauauschüsse (eine Art Interessensvertretung in Sanierungsfragen) zu den DDR-Wahlen am 7. Mai 1989 angetreten, bei denen Wahlbetrug nachgewiesen werden konnte. Vor der Wende war er außerdem in einer Selbsthilfebrigade zur Wohnungssanierung am Prenzlauer Berg aktiv und nach der Wende 6 Jahre lang im Stadtbaurat. Nach der Wende wurde die die Wohnungsbauausschüsse (WBA) als „Wir bleiben alle“-Initiative wieder gegründet. Seiner Meinung nach lief die Sanierung am Prenzlauer Berg gemäßigt ab, aber heute gibt es erstaunlich wenig Protest.

Auf dem Weg zum ‚Elektronischen Polizeistaat‘“ (telepolis vom 12.05.2009)
Der elektronische Polizeistaat ist an sich ein recht neues Phänomen, da er hohe Ansprüche an die technische Ausrüstung des Staatsapparats stellt. Erschreckend ist, dass Deutschland dem Bericht der Computersicherheitsfirma Cryptohippie aus Chicago international bereits zu den Top-Ten-Polizeistaaten gehört, wobei Internetzensur oder Polizeimissbrauch noch gar nicht in die Analyse inbegriffen sind. Das dieses hohe Kontrollausmaß für die demokratische Partizipation nicht förderlich ist, lässt sich leicht nachvollziehen. Zum Glück gibt es in Deutschland aber, im Gegensatz zu China oder Nordkorea, Institutionen wie den Chaos Computer Club.

Papa lebt im Wald“ (freitag.de vom 12.05.2009)
In einer Zeit wie der unsigen, in der die Taschen auf der Suche nach den letzten Pfennigen umgestülpt werden, haben viele von uns den Traum dem ewigen Fortschritts- und Verbesserungstrott ein Ende zu bereiten. Mit Hilfe des Alltagsrevolutionärs Henry David Thoreau, der Gandhi, King und die Umweltbewegung beeinflusst hat, ist der britische Journalist Guy Grieve dem Wunsch nach dem einfachen Leben nachgegangen und hat ein Jahr lang ein Leben im Wald bestritten. Er kommt zu dem Schluss, dass die Natur die Chance zur Gelassenheit und Wahrheit bietet – die deutsche Romantik lebt wieder!

Und was will Sloterdijk?“ (Freitag vom 14.05.2009)
Über Sloterdijks philosophische Winkelzüge – zum Beispiel die neuste These, dass es eigentlich keine Religionen gäbe – lässt sich trefflich streiten. Der Streit mit dem deutschen Vorzeigephilosophen wird aber künstlich durch eine verwinkelte Sprache erschwert. Dabei ist es keinesfalls ein Zeichen von Unvermögen, wenn man eine bildreiche Sprache verwendet, wie der Autor dieses Freitag-Artikels. Vielmehr ist es erst so möglich Sprache in all ihrer Komplexität und vor allem Schönheit zu nutzen.

Sterni ist kein Argument“ (Jungle World vom 14.05.2009)
Herzlich erfrischend hat Hans-Christian Psaar – ganz im Sinne des Diskurses zum Erkenntnisgewinn – mit der Freiraumbewegung abgerechnet. Dieser von erlebnisorientierten, westeuropäischen Jugendlichen getragene subkulturelle Lobbyistenverein leitet sein politisches Programm nicht von kollektiven Interesse, sondern anhand der eigenen lebensweltlichen Aspekte ab. Entsprechend flach und vom Spektakel durchdrungen ist die Kritik. – Der Autor haut in seiner Kritik mächtig auf die Kacke. Insbesondere die simple Identifikation des Bösen in den Yuppies und ihren Autos (zur Achse des Bösen gehört nun wohl auch der Smart) ist eine harte Kritik wert. Nichtsdestotrotz muss man dem Artikel eine unzulässige Verallgemeinerung die Bewegung betreffend vorwerfen.

Brüder, schiesst nicht (R1)“ (taibo.podspot.de vom 14.05.2009)
Etwa alle zwei Wochen publiziert Radio Chiflado einen stets kenntnisreichen Audiobeitrag über anarchistische Strömungen auf der ganzen Welt. In dieser Woche wurde der erste Teil über libertäre Strömungen in Russland veröffentlicht.

Deutsche Kinderhilfe – der Versuch eines konservativen Rollbacks“ (spiegelfechter.com vom 14.05.2009)
Der politsche Disput um die Internetzensur hat ein besonders abstoßendes Klientel angezogen. Unter der Bezeichnung „Deutsche Kinderhilfe“ firmiert ein Verein, der stets mit Totschlagargumenten argiert um Aufmerksamkeit zu erregen. Offensiv wirbt der Verein aktuell für die Einführung der Internetzensur – angeblich zum Schutz von Kindern. Dabei ist der Verein mehrfach wegen seiner Verquickung mit der Firma „3W Gmbh“, die mit ziemlich sinnfreien „Mehrwertprogrammen“ Geld scheffelt, in Verruf geraten. Mit angeblichem Kinderschutz Geld verdienen wollen – pfui bäh!

Datensucht als Ersatz für Gesinnungskontrolle“ (analyse & kritik Nr. 539 vom 15.05.2009)
Die steigende Lohnabhängigkeit macht vieles zwangsweise zumutbar, so zum Beispiel auch die betriebliche Spionage und Datensammelwut von Krankendaten bis hin zum Verhalten im Privatleben. Das strukturelle Misstrauen gegen alle wird dann für die Erstellung schwarzer Listen zur betriebsübergreifenden Verwendung genutzt. Besonders stark betroffen sind Linke, „Störenfriede“, Whistleblower und solche, die sich gegen die Datensammelwut auflehnen. Zwei Maßnahmen gegen Überwachungen sind denkbar: Gezielte und mutige Informationsverbreitung gegen die flächendeckende Überwachung und die Suche nach Wegen die Lohnabhängigkeit zu minimieren.

Die religiöse Härte hinter dem Lächeln“ (telepolis vom 16.05.2009)
Es wird immer offensichtlicher das Familienministerin von der Leyen ihr Amt für die Propagierung ihrer eigenen religiösen Werte missbraucht. Das widerspricht nicht nur der demokratieüblichen Trennung von Staat und Religion/Kirche, sondern auch der modernen Auffassung, dass Religion eine Privatangelegenheit sein sollte. Zwar ist es kein Problem, wenn sich Politiker zu einer Religion bekennen, doch dieses Bekenntnis sollte das politische Programm nicht tangieren. Bei Frau von der Leyen kommt erschwerend hinzu, dass sie christlich-fundamentalistischen Ansichten offenbar nicht abgeneigt ist: Beim Christival2008 ist sie in ihrer Funktion als Familienministerin als Schirmherrin aufgetreten. Beim Christival wird die Ansicht vertreten, dass Homosexualität eine Krankheit sei.


1 Antwort auf „Medienschau am Sonntag (7)“


  1. 1 Machnow 18. Mai 2009 um 8:00 Uhr

    Die Romantik scheint wirklich wieder zu leben. Wieder kommt sie rebellisch daher, obwohl sie lediglich eine antiaufklärerische Weltflucht ist. Thoreau ging nämlich (auch) in den , um keine Steuern mehr fürs Militär zahlen zu müssen. Ihm ging es nicht in erster Linie um Kontemplation und Askese, sondern um eine praktikable, vor allem von der gesellschaft autarke alternative zum konsumismus und verwertungslogik.

    bei dem selbstversuch kommt erschwerend hinzu, dass der autor armut zu geistigem / spirituellem reichtum verklärt. ich glaube ihm gern, dass er sich verändert hat und seine lebenssicht total umgewandelt hat. er ist offenbar aber immer noch kein antikapitalist. er arbeitet wieder. er kann überleben und bei den freunden wohnen.

    so geht es „armen“ menschen, sogenannten ‚gestrauchelten‘ oder ‚gescheiterten‘ allerdings nicht. die romantik des „ausstiegs2 ist mit hakim bey ohnehin gesscheitert. ein rückzug wirkt eher erfrischend und therapeutisch. die politische veränderung ist marginal. vielmehr verklärt diese art der bürgerlichen kontemplation, des bürgerlichen paradieses des existenziellen üpberlebenskampfes und der nicht-arbeit, den jetztzustand in einer verwertungsgesellschaft affirmativ.

    die romantik ist scheiße! der primitivismus kleistert kritik mit kathartischer extase zu. der bürger erwacht von neuem. askese ist nicht mehr die entsagung von essen, trinken, sozialem umfeld, sondern fokusiert die erfahrung der nicht-arbeit und des überlebens ohne ‚design‘.

    Ich hoffe, das kling nicht zu sehr nach Sloterdijk ;-)

    Übrigens, hans-christian psaar würde ich empfehlen, die politik eben genau aus der von ihm analysierten perspektive des spektakels zu betrachten. dann sehe die vorbereitung einer demo, die NATÜRLICH inszeniert wird und mit eigenem vokabular arbeitet – eben wie das „andere“ spektakel – ganz anders aus. es als inszenierugn zu kritisieren ist lächerlich. den spektakulären charakter der politik zu kritisieren, was übrigens die situationisten schon längst sehr viel besser getan und auch subversiv gegen das spektakel gewendet haben, ist schwach.

    die kritik ist stumpf. die kritik klingt plump konservativ, komisch uninformiert, erstaunlich oberflächlich, vor allem aber lächerlich.

    Von 3W, Mehrwert, Couponheftchen usw brauchen wir gar nicht zu reden. Mit Kindern hat das wenig zu tun. Mit Hilfe noch viel weniger. Um Familien gehts dabei auch nich‘, sondern sehr viel mehr um knallharten Konsumsupport – um mal die allgegenwärtige Fußballmetapher zu nutzen :lol:

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