Das bessere Deutschland hört auf zu existieren


via Strassen aus Zucker / Des Rues de Sucre

In der Ausgabe 20 / 09 der jungle world gab’s ein amüsantes Dossier zu 20 Jahren Mauerfall unter dem Titel Land of the living dead. Hier meine Favoriten.

Oliver Schott betitelt seine Gedanken zur deutschen Einheit mit dem durch Wagner zur mythisch-nationalen Verklärung eines aufzuerstehendem vitalen Volkskörpers pervertiertem Begriff des Gesamtkunstwerks.

Nun feiern die Deutschen also 20 Jahre einig Vaterland, 60 Jahre Aushöhlung des provisorischen Verfassungssurrogats und, als wäre das nicht genug, auch gleich noch 2 000 Jahre Geschichtsrevisionismus. Man muss leider feststellen, dass ein Deutschland keineswegs weniger schlimm ist als zwei. Aber immerhin wurde die DDR mit ihrem wohlverdienten Untergang zu dem, was sie immer sein wollte: das bessere Deutschland, nämlich jenes, das nicht mehr exis­tiert. Der Traum vom Überholen ohne einzuholen – er wurde letztlich doch noch Wirklichkeit.

Eine weitere Perle verzaubert unter dem einfachen, gleichsam harmonisch mathematischen, aber auch etwas ratlos neugierig einladendem Titel 191 – 1 = 190. Heiko Werning scheint hier beinah schon anarchistisch zwinkernd eine Dekonstruktion der Ostnostalgie zu wagen.

Dank des Mauerfalls gibt es einen Staat weniger auf der Welt, und zwar einen besonders unangenehmen. Und das ist doch immerhin was. Jetzt müsste uns nur noch was für die ca. 190 anderen einfallen.