Möhrchen statt Deutschland!

Pink Rabbit in StrausbergMöhrchen haben aufgrund ihres β-Carotin-Anteils eine antioxidative, immunstärkende und krebshemmende Wirkung und sind somit um einiges gesünder als die deutsche Nation. Das sieht nicht nur der Polithase Pink Rabbit (im Bild auf dem Strausberger Soldatenfriedhof) so, sondern sicher auch die Menschen von Theorie.Organisation.Praxis Berlin (TOP-Berlin) und das Ums Ganze-Bündnis, an dem sie beteiligt sind. Anlässlich der Kritik an der 60-Jahr-Feier des bundesdeutschen Grundgesetzes hat das Ums Ganze-Bündnis am Freitag zu einer Podiumdiskussion und am gestrigen Samstag zu einer Demonstration wider der falschen Freiheit geladen. Ein Ausflug am Samstag-Vormittag nach Luckenwalde (im Süden Brandenburgs) durfte aufgrund des dortigen Nazi-Aufmarsches auch nicht fehlen.

„Unerträglich“

Am 22. Mai fand ab 19.30 Uhr in dem mit 300 bis 400 Menschen erstaunlich gut gefüllten Audimax der Humboldt-Universität eine Podiumsdiskussion statt, die nicht nur den Veranstaltungstitel „Unerträglich“ der CDU-Hetze zu verdanken hatte, sondern sicherlich auch die hohe Teilnehmerzahl. Die Diskussion wurde von der Humboldt-Initiative und TOP-Berlin organisiert. Gastredner waren Nadja Rakowitz, derzeit tätig am Institut für Medizinische Soziologie in Frankfurt am Main, und Thomas Ebermann, scharfzüngiger Publizist und und früherer Politiker.

Eingeleitet wurde die Podiumsdiskussion von der Humboldt-Initiative, die die gesellschaftliche Aufgabe der Universität und speziell der Studierendenschaft problematisierte. Sie sprachen sich – im Rückgriff auf Humboldt – für eine individuelle Einmischung und stetige Reflexion aus. Die zwei Menschen von TOP-Berlin stelten den Rahmen der Diskussion vor. Bei dieser sollten die drei zentralen nationalen Identifikations- und Legitimationsparadigma Freiheit, Sozialstaat und Kulturnation kritisch hinterfragt werden. Grundsätzlich wurde Kritik an der kapitlaistischen Verwertunglogik geäußert, die unter dem Paradigma der bürgerlichen Freheit verteidigt wird und auch der Logik des Sozialstaats entspricht.

Kritik des Sozialstaats

Nadja Rakowitz hat, stark marxistisch inspiriert, eine Kritik des Sozialstaats vorgelegt. Dieser dient in erster Linie der Absicherung der und Reproduktion der kapitalistischen Ware Arbeit und verhütet überdies vor sozialen Unruhen größeren Umfangs. Gerade in Deutschland ist der Sozialstaats stets in Abgrenzung zu sozialistischen Bestrebungen entstanden, angefangen bei den Bismarckschen Sozialgesetzen. Auch der BRD-Sozialstaat des rheinischen Kapitalismus ist zunächst als Abgrenzung zum Ostblock entstanden und musste nach 1990 einen Paradigmenwechsel hin zur Angebotsorientierung durchmachen. Das derzeitige Hauptziel ist die Senkung der Lohnnebenkosten. Im gleichen Licht ist die „reelle Substitutions unters Kapital“ zu betrachten: Sowohl in der Krankenversicherung als auch bei der Rentenversicherung haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten Privatisierungsprozesse durchgesetzt, so dass weite Teile des Sozialstaats unmittelbar von der kapitalistischen Verwertungslogik bedroht sind. Ein Grund dafür sah Rakowitz neben dem Wegfallen der Systemkonkurrenz in der hohen Arbeitslosigkeit, die eine Gesamtversorgung der Bevölkerung nicht mehr notwendig macht. Obwohl der Sozialstaat also eine begrenzte Menge an Freiheit und Gleichheit gewährt, muss er doch als eine zentrale Sicherungsinstanz des Kapitalismus verstanden werden.

Kritik der Freiheit oder „Warum fühlen sich die Menschen nur so frei?“

In seinen einleitenden Worten hat Thomas Ebermann zynismusreich und mit schwerer Stimme die Behauptung im kürzlich erschienenen Band zum Thema Freiheit von TOP-Berlin widerlegt, dass Deutschland heutzutage „die lockerste Demokratie und mit Abstand der entspannteste Gewaltmonopolist“ sei „der jemals deutsche Pässe ausgegeben hat“. Da Deutschland heute wieder Krieg führt, sich massiv gegen (wenig zahlungskräftige) Einreisewillig abschottet, fast kein Asylrecht gewährt und ein Arbeitgebot unter Androhung des Existenzrechts vorgibt, muss diese Aussage zurückgewiesen werden. Die Frage ob die Münchner oder Mainzer Republik Pässe ausgegeben hat, blieb leider unbeantwortet.

Die gefühlte Freiheit führte Ebermann auf die Teilung der Lebenssphäre in Arbeit und Freizeit zurück, die zu einer Verstümmelung der menschlichen Instinkte führt – an dieser Stelle klang ziemlich deutlich die Theorie von Norbert Elias an, nach der der Mensch im Zivilisierungsprozess zunehmend seine Affekte ablegen muss. Viele Menschen haben Ebermann zufolge die „Sehnsucht“ nach dem Leben längst verloren und glauben tatsächlich an den unmöglichen Trugschluss, dass die Diktatur in einer Lebenssphäre durch die Freiheit (=Konsum) in der anderen ausgeglichen werden könnte. Tatsächlich gibt es aber eine Parallele zwischen Produktion und Konsum, wie schon Johannes Agnoli erkannt hatte.

Die „Pseudofreiheit“ lässt sich besonders gut bei der Drangsalierung der Produktionslosen sehen – die auch zu einer „Motivierung“ der Produzierenden führt.

Auf den letzten Redebeitrag, die Kritik der Kulturnation, soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Insgesamt waren die Redebeiträge deutlich zu lang, so dass bei Beginn der Diskussion schon ein nennenswerter Teil der Zuhörerschaft das Auditorium verlassen hatte. Insbesondere der Vortrag von Thomas Ebermann war aber nicht nur inhaltlich interessant, sein Zynismus tat zugleich auch den Lachmuskeln gut.

In der Provinz: Luckenwalde

In der brandenburgischen Kleinstadt Luckenwalde hatte die Nazi-Gruppe „Freien Kräfte Teltow-Fläming“ am gestrigen Samstag um 12.00 Uhr zu einer Demonstration aufgerufen, um ihr geschichtsrevisionistisches, rechtsextremistisches und faschistisches Paralelluniversum vorzustellen. Mehrere Initiativen und Gruppen haben daher ab 11.00 Uhr zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Bürgerliche Kräfte der Zivilgestellschaft veranstalteten am Marktplatz ein Bürgerfest, dass zur Nachmittagszeit vorwiegend von älteren Menschen gut besucht war. Die radikallinke Gegendemonstation konnte sich erst nach einigem Verwirrspiel der Polizei in der ganzen Stärke von rund 500 Menschen vereinen. Die Stimmung war – auch aufgrund der Elektrodauerbeschallung – ausgelassen. Leider gab es im mittleren und hinteren Teil der Demonstation eine stattliche Anzahl betrunkener und volltrunkener Teilnehmer. Auch gab es Demonstrationsteilnehmer, denen man auf den ersten und zweiten Blick eher eine rechte Gesinnung zugetraut hätte. Die ursprünglich geplante Route wurde verboten, was sich bei einem Ortsunkundigen durch die reichliche Ausprägung der Natur am Wegesrand bemerkbar machte.

Antinationale Parade

Am Rosa-Luxemburg-Platz hatte das Ums Ganze-Bündnis zu einer antinatinalen Parade gelanden, die allerdings unter erheblicher Polizeirepression leiden musste. Die ca. 2500 Demonstranten konnte erst zwei Stunden später als geplant loslaufen, weil die Polizei Angst vor einem kleinen schwarzen Block hatte. Erst nachdem dieser sich größtenteils aufgelöst hatte, konnte es losgehen – wobei die vordere Hälfte der Demo im Polizeispalier laufen musste.

Die Stimmung war dennoch bestens, wofür die vier (!) Lautsprecherwagen sorgten. Zum Glück war das Musikprogramm diesmal etwas abwechslungsreicher, leider kam es aber häufig dazu, dass Redebeiträge in Bassgewummer unterging. Ob es sinnvoll ist Redebeiträge mit Elektroklängen zu unterlegen ist auch fraglich. Die Beiträge jedenfalls waren inhaltlich keineswegs so schlecht.

Als die Demo schließlich am Rosenthaler Platz ankam, entzündeten Aktivisten einiges an Pyrotechnik, verbrannten Deutschlandfahnen und warben mit einem Großtransparent für eine Anti-Wahl-Kampagne. Spektakulär unspektakulär war diesmal das Ende der Demonstration: Aus Protest gegen die Polizeirepressionen wurde einfach schon vor dem offiziellen Ende der Demonstration das Fronttransparent eingerollt und die Demonstration aufgelöst. Die Polizei ließ es sich aber trotz des offensichtlichen Willens zur Deeskalation nicht nehmen mehrere Wegsperren den linken Aktivisten in den Weg zu stellen.

Nationalstaatliche und sozialstaatliche Repressionen abschaffen! Esst mehr Möhrchen!


13 Antworten auf „Möhrchen statt Deutschland!“


  1. 1 Machnow 24. Mai 2009 um 20:06 Uhr

    so kann eine parade auch laufen. und nicht wie die völlig entpolitisierte veranstaltung der kulturprekären und student_innen, die sich mayday nennt. die musik war explizit politisch. reden gab es auch. die teilnehmer_innen liefen sehr eng und relativ zügig.

    ich bin zwar keine freund von electro-paraden. die hat mir aber gefallen. und der a.n.a. lauti hat auch ganz nette musik gemacht. und, so hatte ich zumindest den eindruck, er hat auf reden vom ums-ganze-lauti reagiert und die musik ausgemacht.

    die repression und die polizeilichen eskalationsversuche waren im übrigen unter aller sau. gut, daß alle sehr diszipliniert waren und eine auseinandersetzung verhindert haben. die besonnenheit und deeskalation kam allerdings komplett aus der demo. darüber berichtet natürlich keiner!

  2. 2 egal 24. Mai 2009 um 20:14 Uhr

    im audimax der hu gibt es 44 stuhlreien a 11 sitzplätze. diese waren fast alle ausgefüllt. rechnet man dann noch die leute auf der empore und am rand mit, kommt man auf ca. 500 menschen, die zu dieser veranstaltung gekommen sind. das ist gerade angesichts des themas ne ganze menge…
    aber in der tat hätten die beiträge vom podium kürzer sein müssen – ein wichtiger hinweis an die veranstalter fürs nächste mal.

  3. 3 tee 24. Mai 2009 um 20:28 Uhr

    die repression und die polizeilichen eskalationsversuche waren im übrigen unter aller sau.

    dass du hingegen ein ordentlicher demokratischer polizist wärst, so wie du ihn dir vorstellst, glaub ich glatt.

  4. 4 Machnow 24. Mai 2009 um 20:55 Uhr

    da isser wieder. hab die absichtlichen mißverständnisze glatt vermißt. is‘ ja grad ein tag her :lol:

  5. 5 tee 24. Mai 2009 um 21:27 Uhr

    unter aller sau

    liegt kein masstab zugrunde? aber wahrscheinlich weisst du wieder selbst nicht, warum und was du schreibst …

  6. 6 Machnow 24. Mai 2009 um 22:42 Uhr

    schafft ein, zwei, drei, ach ganz viele tees :lol:

  7. 7 kommunist 25. Mai 2009 um 15:17 Uhr

    @egal: nur waren die reihen alle nicht komplett besetzt. bei weitem nicht. es waren beim besten willen 400 leute und die veranstaltung war mal wieder so derbe schlecht. top scheint sich ja aber so langsam in diskussionsveranstaltungen zu üben, die zwar intellektuelles studentenpublikum bespaßen, aber einen eher niedrigen inhaltlichen nährwert haben. nicht zuletzt war die sache so überaus schlecht organisiert, dass nichtmal zeit war für eine vernünftige diskussion.

  8. 8 Thomas 25. Mai 2009 um 15:52 Uhr

    „die zwar intellektuelles studentenpublikum bespaßen, aber einen eher niedrigen inhaltlichen nährwert haben“ – Bilde ich mir hier einen Widerspruch ein oder ist er tatsächlich da?

    Von einer schlechten Organisation kann nicht die Rede sein, nur die Zeit war nicht ganz auf der Seite der Veranstalter.

    Können wir uns auf 432 Teilnehmer einigen? …

  9. 9 Kommunist 25. Mai 2009 um 16:50 Uhr

    da ist eben kein widerspruch, weil die bespaßung von intellektuellen mit den richtigen inhalten eben nicht in eins fällt und auch nicht sollte. da wurde irgendwelcher kram vor sich hergeschwurbelt, die leute konnten sagen „man war ich wieder auf einer intelligenten veranstaltung“ und dann klopft sich die top für

  10. 10 Thomas 25. Mai 2009 um 17:14 Uhr

    Vielen Dank für diese inhaltsschwangere Kritik.

  11. 11 eric 25. Mai 2009 um 20:21 Uhr
  12. 12 M. A. Bakunin 26. Mai 2009 um 0:37 Uhr

    Heutzutage scheint sich keiner mehr die Mühe zu machen irgendwas vom Inhalt, von dem er wenig mitnahm, auch nur ansatzweise zu erwähnen oder das näher zu begründen.

    Glückwunsch zum Klassenerhalt, eric.

  13. 13 CP Solidarity 26. Mai 2009 um 14:58 Uhr
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