Medienschau am Sonntag (9)

Aus alkoholischen Gründen erscheint die heutige Ausgabe der Medienschau etwas verspätet. Als Rahmenthema hat sich diesmal die geniale Erfindung der E-Mail ergeben, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten trotz der überschäumenden Kreativität der Netzgemeinde kaum eine Veränderung erfahren hat. Google unternimmt jetzt aber wieder einen neuen Anlauf.
Die Unwörter dieser Medienschau sind „Global Governance“ und „Security Governance“. Zwei Artikel beschäftigen sich mit diesen politischen Erscheinungsformen.

Re: Re: :-( “ (Jungle World vom 7. Mai 2009)
Die einzige wirkliche technische Innovation der letzten 50 Jahre ist die E-Mail. Nicht nur weil sie schnell, umsonst und unter gewissen Bedingungen auch anonym ist, sondern weil sie dem Terror des Telefons Einhalt geboten hat. Telefonanrufe kommen ja stets zur Unzeit – wie herrlich sind doch E-Mails, deren Bearbeitung immer noch ein paar Tage ausharren kann. Die dümmste Erfindung dagegen ist das Handy, eine konseqente Fortsetzung der Diabolik des Telefons: „Es kommt dem Wunsch entgegen, selbst während das Flugzeug in die Tiefe stürzt, letzte Botschaften abzusetzen.“

Direkte Demokratie vor allem für Reiche und Verleger“ (taz vom 26.05.2009)
Das Volksbegehren gegen das staatliche Rauchverbot in Kneipen ist an der Hürde von 170.000 Stimmen gescheitert – lediglich etwa 100.000 Stimmen konnten dafür eingesammelt werden. Ein Grund ist die geringe finanzielle und personelle Ausstattung der Organisatoren. Das notwenige Quorum haben bisher nur die Tempelhof-Kampagne und Pro Reli erreicht, weil diese Initiativen über ausreichend Mittel und Strukturen verfügt haben. Daraus lässt sich vordergründig schließen, dass Volksbegehren und Volksentscheide nur etwas für Gutbetuchte sind. Die Konzepte müssen also verfeinert werden.

Geschichtsfälschung über die 68er mit Hilfe penetranter Meinungsmache. Der Spiegel wird immer dreister.“ (nachdenkseiten.de vom 27.05.2009)
Mit der aktuellen Ausgabe manifestiert sich der Spiegel ganz offensichtlich als ein rechtskonservatives Revolverblatt der übelsten Sorte. Darin wird ernsthaft die Ansicht vertreten, dass die „68er“ sich zunehmend fragen ob sie ein falsches Leben gelebt haben, da ja der Todesschütze Kurras nicht „brauen“ sondern „roten“ Träumen anhing – obwohl er ganz offensichlich faschistoide Phantasien hatte. Zudem versucht der Spiegel die Studentenbewegung in die Nähe der DDR-Führung zu rücken und sie insgesamt zu diskreditieren. Die Redaktionsgebäude dieses Blattes haben offenbar ein paar Brandsätze bitter nötig.

Die Dollarinflation grollt von Ferne“ (Freitg vom 28.05.2009)
Die USA können sich ihre negative Leistungsbilanz (also das Leben über ihren Verhältnissen) von jährlich 900 Mrd. Dollar nur aufgrund ihres Status als wirtschaftliche Hegemonialmacht leisten – dieser Status wiederrum hängt vom Status des Dollar als Weltleitwährung ab – was wiederrum damit zusammenhängt, dass weltweit die Ölgeschäfte in Dollar abgerechnet werden. Die Schuldentürme der USA und die antiamerikanischen Bestrebungen mancher erdölexportierender Nationen gefährden diese Hegemonie jedoch zunehmend.

Wie die Mafia“ (Freitag vom 28.05.2009)
„Biopolitisierung des Krieges“ und „Security Governance“ sind die Begriffe, mit denen sich Methoden der Kriegsführung seitens der westlichen Industriestaaten beschreiben lassen. Sie sind seit dem 2. Weltkrieg als Reaktion auf die Partisanenkriege und im Zusammenhang mit der antikolonialen Bewegungen entstanden. Sie haben eine Entgrenzung des Militärischen und eine Militarisierung gesellschaftlicher Konflikte zum Resultat. Die grausame Folter in Guantanamo und Abu Ghraib sind genauso in diesem Zusammenhang zu sehen wie die Einbeziehung ziviler, nichtstaatlicher Akteure in die Kriegsplanung z.B. in Afghanistan.

ANDis leuchtender Nachwuchs“ (spektrumdirekt.de vom 28.05.2009)
Zum ersten Mal konnte die Weitervererbung genveränderter Merkmale bei Affen erreicht werden, so dass auch der transgene Mensch nicht mehr unerreichbar ist. Spätestens jetzt ist eine bioethische Debatte dringend geboten.

G8 strebt World Governance an“ (telepolis vom 28.05.2009)
Bei einem dreitägigen Treffen der G8 Innen- und Justizminister in Rom wurde über Terror- und Migrationsabwehr sowie Rohstoffsicherung für die Industriestaaten unter Einbeziehung der Privatwirtschaft beraten. Die Verabschiedung von Konzepten der Demokratie und Menschenrechte wird durch Begriffe wie „Global Governance“ und „Security Governance“ verscheiert. Die Kontrolle des Internets und Demostrationsbeschränkungen standen auch auf dem Plan.

Apokalypsenreiter“ (rebellmarkt.blogger.de vom 30.05.2009)
Opel macht täglich 3 Million Euro Verlust, hat kein Eigenkapital und Autos gibts eher zuviel als zuwenig. Rein rational betrachtet könnte man die maximal 4,5 Mrd. Steuergelder besser verwenden. Die Sache lässt den Verdacht aufkommen, dass der privatwirtschaftliche und der staatliche Kapitalismus an Ineffizienz kaum zu überbieten ist und auch für Umwelt und Mensch kaum etwas übrig hat.

Google macht die Welle: Web 3.0 rollt an“ (webwritung-magazin.de vom 30.05.2009)
Google will die E-Mail – wie gesagt die einzige bedeutztende technische Innovation der letzten 50 Jahre im Bereich der Kommunikation – abschaffen. Das ganze nennt sich „Googles Wave“ und ist eine Hybrid-Software für E-Mail, Web-Chat, Instant Messaging, File-Sharing und Projekt-Management. Ich hör die digitale Boheme schon danach lechzen. Dabei werden die Vorteile der E-Mail, also zeitversetztes Antworten und Bearbeiten sowie umfangreiche und übersichtliche Archivierung, vernichtend zusammengestutzt. Das ganze schimpft sich dann Web 3.0.