Medienschau am Sonntag (11)

Die Medienschau-Ausgabe vor der Woche des Bildungsstreiks kommt wieder etwas taz-lastig daher. In dem Sinne die zwei folgenden Hinweise: Die taz hat am 12.06. ihr Portal bewegung.taz.de eröffnet. Es soll eine Plattform für politisch und gesellschaftlich engagierte Menschen sein, wo man sich über andere Projekte informieren, Mitstreiter für das eigene Vorhaben gewinnen oder sich mit Gleichgesinnten vernetzen kann. Der Terminkalender und die beteiligten Organisationen/Gruppen können sich auf jeden Fall schon jetzt sehen lassen. Der zweite Hinweis gilt einer Veranstaltung am morgigen Montag im taz-cafe (Rudi-Dutschke-Straße 23). Dort treffen sich Mitglieder der Bürgerinitiative „Tempelhof für alle“ um unter dem Motto „Guerilla Gardening für Tempelhof?“ über die zukünftige Nutzung des Areals zu diskutieren. Dazu eine Erinnerung an einen wichtigen Termin in der kommenden Woche: Am 20.06. gilt es den ehemaligen Flugplatz Tempelhof für das Gemeinwesen zu öffnen!

Alter Wein in grünen Schläuchen: die neuen Öko-Lügen“ (hr2-Podcast vom 09.06.2009, mirror bei der ard und mp3)
Öko ist in. Nicht nur bei der Bionade Bourgeoisie, den Wellness-Grünen, die sich schon immer etwas Besseres leisten wollten. Öko ist einfach in Mode. Man kleidet sich in Green Cotton, geht zum Einkaufen in den Bio-Supermarkt und achtet auch darauf, dass die Aktien grün sind. Das haben nicht nur die Handelsketten gemerkt, sondern auch die Industrie. Lufthansa fliegt CO2-bewusst, Porsche baut Hybrid, und der Strom ist grün. Auch sonst wird gelogen, dass es eine Art hat. Denn allzu oft sind es nur die PR-Abteilungen der Unternehmen, die umgedacht haben.

Moderne Nomaden“ (taz vom 10.06.2009)
Eine Gebäude zu besetzen ist in den Niederlanden legal, wenn dieses mindestens ein Jahr lang ungenutzt ist. Entsprechend gibt es allein in Amsterdam schätzungsweise 2000 sogenannte „Krater“. Da eine Besetzung für den Eigentümer zumeist eine heikle Sache ist, gibt es die „Anti-Krater“. Das sind Menschen, die in den ansich leer stehenden Gebäuden günstig wohnen können, aber innerhalb kürzester Zeit ausziehen müssen, wenn es der Eigentümer verlangt. 30.000 Menschen leben in den Niederlanden „antikrak“. Für die Hausbesetzerbewegung sind die Antikraker natürlich ein Problem, auch weil ein Antikraker schon mal Wohnraum für bis zu 20 Menschen „gegenbesetzen“ kann.

Von der Ohnmacht zur Allmacht“ (Tagesspiegel vom 10.06.2009)
Im Tagesspiegel hat Klaus Hartung einen klugen Artikel geschrieben, in dem er erläutert, warum der neuliche Aktenfund zum Mörder Kurras eher als eine Fußnote der Geschichte betrachtet werden muss und weniger als ein Ereignis, das ein neues Licht auf die neuere deutsche Geschichte wirft. Nach dem Mord an Benno Ohnesorg hatte die Studentenbewegung an Deutungshoheit gewonnen. Der Obrigkeitsstaat hatte sich durch seine Gewalttätigkeit selber delegalisiert und gewandelt – was auf Seiten der Studentenbewegung aber nicht zur Kenntnis genommen wurde. In einem Punkte muss man den Artikel aber kritisieren: Alarmismus bei bedenklichen Tendenzen im Staatswesen kann kaum als ein „fatales Erbe“ der Linken angesehen werden – zu oft gibt es akute Gründe zur Besorgnis.

Anker hoch und Leinen los – die Piraten sind da!“ (spiegelfechter.com vom 11.06.2009)
Der „Spiegelfechter“ hat die Entstehung der Piratenpartei in einem sehr optimistischen aber gelungenen Artikel mit den Gründerjahren der Grünen verglichen. Beide Partein sind aus einem Spektrum entstanden, dass in den etablierten Partein keine geeignete Interessensvertretung sieht bzw. sah – besonders seit die FDP nunmehr eine Anwälte-Partei ist und keine liberalen Grundsätze mehr vertritt. Die Zensursula-Dummheit könnte dabei zu einem Gründungsmythos werden ähnlich wie bei den Grünen Brockdorf und die Startbahn West.

Im Zeichen der Karotte“ (freitag.de vom12.06.2009)
„Carrotmob“ ist ein neulicher Versuch mit Konsum die Welt – oder anfänglich zunächst einen kleinen Ausschnitt – zu verändern. Dazu treffen sich Aktivisten zu einer verabredeten Zeit in einem Laden und kaufen dort alles was sie gerade zu brauchen glauben. Eine vorher mit dem Ladenbesitzer verabredete Summe des Extraumsatzes wird dann dazu verwendet den Laden unter ökologischen und sozialen Perspektiven umzugestalten. Bezeichnender Weise fand das erste Treffen dieser Art in Berlin am 13. Juni in einem Spätkauf statt. Ein Spätkauf kommt dem Wunsch einer partyorientierten, jugendlichen, urbanen Mittelschicht nach, zu jeder erdenklichen Unzeit billig an Alkohol zu kommen, um auch ja jeder überzähligen Gehirnzelle den Garaus zu machen und die dortigen VerkäuferInnen 24 Stunden lang im Arbeitstakt zu halten. So zumindest geht die humorlose Definition.

Garaus für den Kapitalismus“ (taz vom 13.06.2009)
Die Aufsatzsammlung „Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur politischen Ökologie.“ des 2007 verstorbenen französischen Sozialphilosophen Andre Gorz ist nun erschienen. Die taz hat dem Band eine ausführliche Rezension gewidmet. Gorz erkannte schon im Jahr 2007 den Weg in eine umfassende Wirtschaftskrise, in der wir uns nun befinden. Der Kapitalismus, der „eine größtmögliche Anzahl von Bedürfnissen mit einer größtmöglichen Warenflut zu bedienen“ sucht, muss schlussendlich aufgrund seiner Ineffizienz eingehen. Einen Ausweg hin zu einer Gemeinschaftsökonomie sah Gorz in der „informationellen Revolution“, bei der Wissen eine große Rolle spielt, da dieses weder privatisierbar noch monopolisierbar ist. Der Übergang zur Ökonomie der Gemeinschaftlichkeit, wird durch einen Übergang vom Copyright zum Copyleft vorbereitet – ein Ansatz, den z.B. die Piratenpartei aufgenommen hat.

Polizei mit Feuereifer gegen die linke Szene“ (taz vom 13.06.2009)
Die Polizei in Berlin ist derzeit mächtig in Hektik. Neuerdings reicht es schon, wenn man beim Karneval der Kulturen falsch verkleidet ist oder in einer größeren Grupppe vor einem Cafe steht, um in die Mühlen des Polizeiapparats hineinzugeraten. Noch schlimmer hat es nun einen Journalisten getroffen. Eine unüberlegte Bemerkung einem Zivilpolizisten gegenüber hat ihm eine Hausdurchsuchung eingebracht, bei der ein USB-Stick sichergestellt wurde, auf dem sich Bilder von Mitgliedern aus der linksradikalen Szene befinden, in der der Journalist zuvor recherchiert hatte. In der Nacht nach dem Kontakt mit dem Zivilpolizisten wurden Fahrzeuge des Paketdienstes DHL angezündet. Dem Jounalisten wird nun „Nichtanzeige einer geplanten Straftat“ vorgeworfen.

V, wie Vernichtung – Nazis und Technik“ (Indymedia vom 13.06.2009)
Zum 65. Jahrestag des Abschusses der ersten V1-Vernichtungsrakete thematisiert der Artikel den unzureichend kritischen Umgang des Deutschen Technikmuseums in Berlin einerseits mit Ausstellungsstücken aus der Zeit der Naziherrschaft, andererseits mit Besuchern, die als Neonazis klar erkennbar sind und den Ort des Erinnerns für ihre eigenen widerlichen Zwecke missbrauchen. Besonders brisant ist eine dort ausgestellte Ju 52, deren Flugzeugtyp an der totalen Zerstörung der spanischen Stadt Gernika im April 1937 beteiligt war, aber im Museum als Transportflugzeug ausgewiesen wird.

Die Revolution der gebenden Hand“ (FAZ vom 13.06.2009)
Der deutsche „Großphilosoph“ Peter Sloterdijk hat mal wieder eine rhetorisch wohlgeformte These springen lassen. Ihm zufolge ist das Ausbeutungsverhältnis zwischen Kapital und Arbeit nichts im Vergleich zur Ausbeutung der produktiven Leistungselite durch das Herr der Unproduktiven. Organisiert wird das ganze von einem sich immer weiter aufblähenden (Sozial-)Staat, nachdem sich die Konzepte des Liberalismus und des Anarchismus im 19. Jahrhundert nicht durchsetzen konnten. Sloterdijk setzt zur Abkehr vom ständigen Raub durch den Staat auf eine Beschenkung der Allgemeinheit durch die Besitzenden, also auf die Wiederbelebung des Mäzentums. Sloterdijk führt für seine Argumentation Rousseau, Marx und Proudhon heran. Bezeichnenderweise hat er Thoreau nicht erwähnt – dieser hätte ihm um einiges bessere Argumente für sein Ansinnen geliefert. Stattdessen verharrt Sloterdijk im rein Monetären und einem längst überholten Begriff von Arbeit und Leistung. Immerhin sein Menschenbild gibt Anlass zu etwas Hoffnung, wenngleich es vom Elitebewusstsein durchdrungen ist.


3 Antworten auf „Medienschau am Sonntag (11)“


  1. 1 docque 15. Juni 2009 um 7:49 Uhr

    Der Link „Alter Wein in grünen Schläuchen: die neuen Öko-Lügen“ scheint nicht zu funktionieren

  2. 2 M. A. Bakunin 15. Juni 2009 um 10:59 Uhr

    Hmm, also bei mir gehts…

  3. 3 docque 15. Juni 2009 um 11:45 Uhr

    jetzt gehts bei mir auch, ich nehme alles zurück :-)

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