Medienschau am Sonntag (12)

Jede Menge war diese Woche los, besonders in Berlin. Der Bildungsstreik hat mehrere zehntausend Studenten zu angemeldeten und unangemeldeten Demonstrationen auf die Straße getrieben. Institute (traditionsgemäß natürlich auch das Otto-Suhr-Institut an der FU), Banken und Ministerien wurden besetzt. Die Aktionstage fanden in der versuchten Besetzung des ehemaligen Flughafens Tempelhof ihren Höhepunkt.

Wüstenstrom für Deutschland“ (sueddeutsche.de vom 15.06.2009)
Die Idee ist bestechend einfach, aber dennoch anspruchsvoll: Solarstrom in der nordafrikanischen Wüstenregion erzeugen und damit Europa versorgen. Lange wurde diese Vision als Utopie abgetan, doch nun will ein Zusammenschluss von 20 deutschen Konzernen, darunter die Münchner Rück, die Deutsche Bank, Siemens und RWE die Sache in die Hand nehmen und schon in 10 bis 15 Jahren 15% des europäischen Strombedarfs auf diese Weise decken – mit Gewinn. Einerseits bliebe damit die Stromversorgung in den Händen weniger Konzerne, andererseits wäre es das bisher größte Ökostromprojekt weltweit. Auch der Club of Rome gehört zum Kreis der Initiatoren – und kann hoffentlich erreichen, dass auch für den afrikanischen Kontinent dabei etwas herausspringt (siehe auch diesen Artikel).

Auf Nimmerwiedersehen, SPD!“ (spreeblick.com 16.06.2009)
Die Entscheidung der SPD in Sachen Internetsperren inklusive der vorherigen Hinhaltetaktik hat den Spreeblick-Blogger nun vollends von der einstigen „Volkspartei“ SPD abgebracht. So wird es vielen politisch interessierten Menschen des Internetzeitalters gehen. Glücklicherweise setzt damit keine Politikverdrossenheit ein, wie an den Erfolgen der Piratenpartei erkennbar ist. Das sich junge, urbane und technikversierte Menschen für Politik interessieren ist doch schon sehr erfreulich, hatte man bei der jugendlichen Party- und Wohlfühlgeneration bisher doch eher einen gegenteiligen Eindruck. Vielleicht hat die SPD mit ihrer stetigen Verweigerungshaltung dem Wähler gegenüber ja sogar einen Anteil daran.

Christoph Metzelder und die globalisierte Welt“ (freitag.de vom 17.06.2009)
Während der großen Bildungsstreik-Demo wurde im Gebäude der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der HU in Berlin eine reichlich sonderbare Veranstaltung abgehalten. Bewacht von Bodyguards und initiert von der neoliberalen Arbeitsnehmeragentur „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ hat der Madrider Fußballkicker Christoph Metzeler einen Vortrag über „Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Wettbewerb als Voraussetzung für die Entfaltung individueller Freiheit“ gehalten. Die Sache war so absurd, dass man sich schon fragen musste ob da wirklich Metzelder steht und spricht oder eine ferngesteuerte Puppe.

Deutsche Schulen: ‚Vorsortierung, Sachzwänge, deutsche Leitkultur‘“ (telepolis vom 17.06.2009)
Freerk Huisken, Professor emeritus der Pädagogik in Bremen, kritisiert die Schüler- und Studentenproteste, weil diese nicht weit genug gehen. Die Forderungen beziehen sich meist darauf, dass für Bildung mehr Geld bereitgestellt werden muss. Die Schule und alle folgenden Bildungsinstitutionen haben Huisken zufolge die Aufgabe die Menschen zu braven Staatsbürgern zu erziehen und diesen für das kapitalistische System vorzusortieren. Das Ergebnis des Bildungsaktes ist der dumme Anhänger der deutschen Leitkultur. Gute Bildung dagegen ist nicht unbedingt eine Frage des Geldes. Seine Thesen hat Huisken außerdem in einem aktuellen Essay anlässlich der Streikwoche zusammengefasst.

Studentenprotestchen“ (spreeblick.com vom 17.06.2009)
Für die Beteiligten mag die Bildungsstreikwoche ja ein Erfolg gewesen sein, leider haben sich aber doch nur ein paar Wenige dem Protest angeschlossen – vermutlich noch nicht einmal 5% alle Schüler und Studenten. Der Rest ist entweder zu faul, gehört zur uninteressierten Masse oder findet mithilfe des Geldbeutels der Eltern einen angenehmen Weg durch die Bildungsinstitutionen. Dabei ist die Lage des Bildungssystems in mehrfacher Hinsicht für wütende Proteste prädestiniert.

Rassistischer Terror in Belfast“ (taz vom 17.06.2009)
Nicht nur in zahlreichen osteuropäischen Ländern (und Italien) nimmt die rassistische Gewalt gegen Menschen aus dem Ausland zu, auch in Nordirland steigt die Zahl der Straftaten rapide an. In der Nacht zum Mittwoch mussten 115 Rumänen vor den Angriffen zunächst in eine Kirche, dann in eine Sporthalle fliehen.

Vier Jungkonservative beim Projektleiter der Moderne“ (1980, taz)
Jürgen Habermas, weltweit beachteter und diskutierter Sozialphilosoph aus Deutschland, ist dieser Tage 80 Jahre alt geworden. Er gilt als der mächtigste Streiter wider der Postmoderne. Fast alle Zeitungen haben ihm zum Geburtstag gratuliert, aber weil es viel lustiger ist hier ein vier Seiten langes Interview zwischen vier taz-Leuten und dem Baumeister der Moderne aus dem Jahre 1980.

‚Israels Feinde machen keine Gefangenen‘“ (taz vom 19.06.2009)
Claude Lanzmann ist ein jüdischer Regisseur („Shoah“, „Tsahal“) und gilt in Frankreich als „linksintellektuelles Gewissen“. In dem taz-Interview fordert er eine andere Sichtweise auf Israel und insbesondere auf die isrealische Armee. Da diese einen besonderen Feind hätte, der keine Gefangenen macht und willkürlich auch Frauen und Kinder umbringt, muss man für die Gewalttätigkeit Verständnis aufbringen. Bei diesen beängstigenden und zum Teil kriegsverherrlichenden Ansichten dürfte jedem Antideutschen warm ums Herz werden.

Sachsen-Anhalt: Polizei weiter tief im Intrigensumpf“ (npd-blog.info vom 19.06.2009)
Was sich in Sachsen-Anhalt im polizeilichen Kampf gegen den Rechtsextremismus abspielt, kann nur noch als eine Farce beschrieben werden. In den letzten Jahren sind immer wieder Fälle von polizeilichem Fehlverhalten von den Medien aufgedeckt wurden. Am interessantesten ist dabei ein Beitrag des Politmagazins „Panorama“. Dort wird gezeigt wie engagierte Polizisten im Kampf gegen rechtsextremistische Kriminalität zu Verkehrspolizisten dekradiert werden, weil die Fallzahlen durch die vielen Ermittlungen zu sehr angestiegen sind.

Wasserwerfer und Eiswagen“ (freitag.de vom 21.06.2009)
Über die sinnfreie Verteidigung einer öffentlichen Wiese, die vormals Teil des Flughafens Tempelhof war, durch ca. 1800 Polizisten gegen Besetzer aus ganz Europa gab es auf AKA schon einen guten Artikel. Auch in der Onlineausgabe des Freitag wird die übermäßige Brutalität der Polizei für das lächerliche Ansinnen kritisiert. Schlussendlich haben es leider nur 2 der 5000 bis 10000 verhinderten Besetzer aufs begehrte Feld geschafft.