Boykott! Streik! – Politik und Avantgarde im Babylon!

Die Geschäftsleitung um Timothy Grossman weigert sich immer noch mit der FAU über einen Tarifvertrag zu verhandeln. Wieder werden ominöse Gründe konstruiert, um sich ja nicht über Beschäftigtenrechte reden zu müssen. Ganz im Duktus (osteuropäischer) Fürsten und Zaren werden die leibeigenen Arbeitsuntertanen ignoriert, beschimpft, denunziert und die besonders frechen kriminalisiert. Deshalb ruft die FAU zum Boykott des Filmbetriebs des Filmtheater Babylon auf.

Eigentlich dachte ich, Grossman, Hackel und Mikat würden sich die Filme anschauen, die sie so zeigen. Da hätten sie nämlich einiges lernen können. Bei Sergej Eisenstein haben sie offensichtlich nix gelernt. Seine Montage der Attraktionen bezog sich auf die politische Erziehung der Massen und sollte gegen die Montage der Repression des Kapitals mobilisieren.

Umso erstaunlicher ist es, daß ausgerechnet der Film Streik, der die Monatgetechnik subversiv und am nachdrücklichsten gegen die (zaristischen) Unterdrücker des Proletariats nutzt und den Zuschauer drastisch auf die Seite der Streikenden zwingt. Die pure, entpolitisierte Betrachtung der Ermordung von Arbeiter_innen, die im Film mit Szene aus Schlachthöfen montiert werden, ist nur für zynische Zeitgenoss_innen als exklusiv ästhetische Erfahrung rezipierbar.

Aber, um den Unterschied zwischen kulturhistorischer Betrachtung eines filmischen Meisterwerks und der implizierte Bedeutungskonstitution, die den Zuschauer ins Zentrum der Wahrnehmung setzt und damit seine politische Sensibilisierugn erreichen möchte, zu betonen, könnte am 21. Juli die Geschäftsleitung und der Veranstalter zu einem Gespräch über die Rechte von Beschäftigten und ihrer Durchsetzung gezwungen werden!

Die Parallele, die Eisenstein konstruiert, nämlich daß mit den Streikenden wie mit Vieh umgegangen wurde, ist filmisch überhöht und überzogen. Allerdings lassen sich auf der symbolisch metaphorischen Ebene ähnliche Herrschaftsstrukturen ausmachen. Der Bezug zum Umgang mit den Prekären im Filmtheater Babylon ist so auch nicht mehr weit.

Wenn Mitarbeiter_innen ohne Ankündigung entlassen werden können, weil es einfacher wäre zu feuern, als zu reden, wenn Engagement für Beschäftigtenrechte mit Nichtverlängerung der Verträge geahndet wird, wenn Solidarität und Globalisierungskritik tarifunfähig macht usw, dann wird deutlich, daß die Geschäftsleitung um Grossman autokratisch, desinteressiert an den existenziellen Belangen der Mitarbeiter_innen-Untertanen (wider besseren Wissens) und Aufruhr repressiv unterbindend agiert. Eine Parallele zwischen dem heute Heiligen Romanow und Grossman ist da gar nicht so abwegig.

Aber die Geschäftsleitung der Neuen Babylon Berlin GmbH und K&K – Kino und Konzerte GmbH paßt sich im Grunde nur den politischen Geflogenheiten in Berlin an, oder, anders gesagt, setzt deren neoliberale Kulturpolitik fort. Dort wird nämlich ebenfalls heftig mit einer vermeintlich subversiven Kunst geflirtet, diese allerdings entpolitisiert und so auch für (groß-) bürgerliche Gemüter in Banken, Institutionen, Lobbistenvereinen usw ästhetische genießbar gemacht. Da wird aus einem Streik plötzlich ein ästhetisches Ereignis zu dem ein Herr Carsten-Stephan Graf v. Bothmer harmlos aufspielt, bei dem sich nett beim Prosecco über die Transkationsleistungen unterhalten und das letzte verwaltungskünstlerische Geschick gefeiert werden kann. Aber dem läßt sich, ebenfalls ganz im Sinne von Eisensteins Film etwas entgegensetzen!

Solidarität mit den Babylonier_innen!
Boykotiert das Babylon!

Praktisch ist auch schon heute abend ab 19 Uhr vor dem Kino Unterstützung möglich!