Gegen Nazigewalt und das Jeton!

Am gestrigen Samstag kamen mindestens 4.000 Menschen zur Demonstration unter dem Motto Nazis aus dem Viertel jagen, zu der verschiedene antifaschistische Gruppen und die Initiative gegen Rechts Friedrichshain aufgerufen hatten. Hintergrund ist der versuchte Mord an einem 22-jährigen Neuköllner, der am Morgen des 12. Juli am S-Bahnhof Frankfurter Allee von vier Nazis, die vorher im Jeton gefeiert hatten, zusammengeschlagen wurde.

Ab circa 18 Uhr traf sich am Bersarinplatz ein breites Spektrum von Menschen, die ihre Wut über den erneuten Übergriff von Nazis zum Audruck bringen wollten. Es strömten Tausende zum durch die Polizei umdefinierten Antrettplatz. Kurz nach 19 Uhr setzte sich der Zug laut, kämpferisch und geschlossen in Bewegung. In den ersten Reihen dominierte die Farbe schwarz.

Mindestens 3.000 Menschen zogen zunächst die Peterburger runter. Spätestens im Kiez um den Boxhagener Platz schlossen sich viele Anwohner_innen und Passant_innen der Demo an. Die nachbarschaftlichen Verhältnisse zum Jeton scheinen nach einem Bericht von inforadio schon längst gestört. Dies ist allerdings auch kein Wunder. Schließlich ist das von Ronny Berkahn geführte Etablissement Ausgangspunkt für Pöbeleien und Übergriffe auf vermeintlich alternative und linke Menschen und bietet den Nazischlägern einen sicheren Rückzugsraum. Da hilft es nix, daß Berkahn sich nun als Paulus vom Friedrichshain geriert und alle Vorwürfe von sich weist.

Der Typ merkt seine rassistischen Zuschreibungen gar nicht mehr, wie gestern treffend in einer Rede des Initiative gegen rechts bemerkt wurde. Berkahn ist so dämlich gleichzeitig eine Richtigstellung auf seiner Seite zu veröffentlichen, in der er behauptet, die vier Schläger hätten nicht bei ihm gefeiert, und Bilder zu publizieren, die genau das Gegenteil beweisen. Außerdem schwadroniert er gegen die linke Szene, ohne sich deutlich von rechter Gewalt zu distanzieren.

Als die Demo am Rathaus Friedrichshain / Kreuzberg auf der Frankfurter Allee vorbei zog waren es schon zwischen 4.000-5.000 Menschen, die lautstark und entschlossen ihren Unmut über die zunehmend brutaleren Übergiffe am S-Bahnhof Frankfurter Allee zeigten und dem Bezirk eindrucksvoll zum Handeln aufforderter. Die vielen Anwohner_innen, die sich der Demonstrantion anschloßen, bestätigen, daß endlich auch der Bezirk das Problem mit rechten Schlägern ernst nehmen muß.

Sämtliche Bilder von pm_cheung

Ziel der Demonstration konnte deshalb nur das Jeton selbst sein. Die ekelhafte Großraumdisko und der Nazitreff wurden allerdings von massiven Polizeikräften geschützt. Schon bei der Überquerung der Frankfurter Allee, aus der Mainzer kommend, begrüßten zwei Wasserwerfer und eine mickrige Polizeikette die Demonstrant_innen. An dieser Stelle gab es allerdings keinerlei Ambitionen durchzubrechen.

Das sollte sich später ändern. Aus der Voigtstraße kommend versuchte ein Teil der Demonstration auch die rechte Fahrbahnseite zu nutzen. Nach ein paar Metern blockierte die Polizei die Route, da schließlich entgegen der Genehmigung der Versammlungsbehörde nun auch die rechte Fahrbahnhälfte genutzt wurde.

An dieser Stelle muß ich die Organsiator_innen, trotz des Mobilisierungs- und medialen Erfolges bezüglich der Nazigewalt im Friedrichshain, auch kritisieren. Sie ließen sich nämlich, beinah schon im vorauseilendem Gehorsam, von den Sicherheitsbehörden für deren Interessen einspannen. Es ist absolut inakzeptabel, daß vom Demolauti darum gebeten wird – während einer Polizeiblockade der Route – Teilnehmer_innen dazu aufzufordern auf die genehmigte Route (!) zurück zu kehren. Noch viel unsäglicher ist es, selbst die erste polizeiliche Ansage durchzuführen und damit zu drohen, daß, bei Nichtbeachtung der Anweisungen von Team Green die rechte Fahnbahnhälfte zu räumen, von Seiten der Sicherheitskräfte Gewalt eingesetzt werden würde.

Die Sicherheit der Demonstration muß natürlich gewährleistet sein, aber so früh – nämlich Dutzende Meter vom Jeton entfernt – sich den Ansagen der Polizei zu beugen und diese völlig passiv und devot an die Demonstrant_innen weiter zu geben, ist unerträglich. Es waren schließlich nicht die Demonstrant_innen, welche die genehmigte Route blockierten, sondern behelmte Polizisten. Die rechte Fahrbahnhälfte hätte sowieso nicht weiter genutzt werden können. Schließlich versperrten zwei Wasserwerfer den Weg. Außerdem war es noch viel zu weit zum Jeton, um ernsthaft Schaden anzurichten.

Deshalb konnte nach einer kurzen Pause die Demo bis an sein Ziel weiterlaufen. Dort wurde es allerdings nur sehr kurz für Berkahn und seine circa zehn Nazi-Kumpels brenzlig, die sich feixend im dem Jeton benachbarten Döner hinter einer Wand von Wannen und Wasserwerfern versteckten. Einige Flaschen und Steine sollen geflogen sein. Kaputt gegangen ist (leider) nix. Auch später blieb es ruhig.

Die Wannen blieben wahrscheinlich die ganze Nacht um das Jeton geparkt. Die Außerwirkung für Berkahns Scheißladen, der so viel Wert auf gute Nachbarschaft legt und trotzdem Leute zu sich einlädt, die andere beschimpfen, attackieren und beinah tot schlagen, war verheerend. Mal sehen, wann er wieder rumheulen wird, daß seine Gäste so schlecht behandelt und diskriminiert würden.

Die Demo kann vollständig als großer Erfolg interpretiert werden. In kurzer Zeit wurde ein breites Bündnis auf die Straße mobilisiert. Mit bis zu 5.000 Teilnehmer_innen, darunter sehr viele Anwohner_innen und andere interessierte Berliner_innen, war die Zahl unerwarte hoch. Ein weiterer Sieg im Kampf gegen Nazis ist, daß die Eröffnung eines Ladens aus der Kette Doorbreaker, die auch Thor Steinar verkaufen, in der Frankfurter Allee 91, womöglich durch die mediale Sensibilisierung, gezielt zugespielte Informationen und unmittelbare antifaschistische Intervention verhindert werden kann. Das Thema Jeton und sein Klientel wird ebenfalls nicht noch einmal so schnell aus den Medien verschwinden. Trotzdem muß eine entschlossene Kampagne folgen, damit dies auch so bleibt und dieser Scheißladen endlich schließt!


2 Antworten auf „Gegen Nazigewalt und das Jeton!“


  1. 1 naja 19. Juli 2009 um 17:04 Uhr

    lieber machnow, vielleicht hätte es dir besser gefallen vom lauti 5 mal die bullen zum rückzug aufzufordern, wäre sicher antagonistischer gewesen aber erfahrungsgenäß erfolglos. Die verhandlungen der demoleitung haben letztlich zur -beidseitigen- abschlusskundgebung direkt vorm jeton geführt, geht in ordnung das ergebnis würd ich sagen. Die lauti-crew auf die ebene der bullen zu stellen, find ich platt und falsch, die haben ihre sache sehr gut gemacht.

  2. 2 Machnow 19. Juli 2009 um 19:03 Uhr

    ich hab nicht gesagt, daß die lauti-crew durchgehend schlecht war. nur während der blockade war es echt scheiße…

    und genau, ich hätte die polizei auch dreißig mal zum rückzug aufgefordert. ich hätte ihnen ebenfalls ansagen gemacht. in potsdam wurde so das spalierlaufen zumindest minimiert. hat zwar beinah ’ne halbe stunde gedauert. aber immerhin. diese halbe stunde hätte es doch auch gestern geben können.

    ich hätte gefordert die blockade zumindest auf der linken fahrbahnseite zu beenden. schließlich hat die lauti-crew selbst gesagt, daß die menschen gar nicht weggehen konnten, weil blockiert wurde. einen hinweis an diejenigen, daß die abschlußkundgebung dem jeton sehr viel näher ist. für einige interessante aktionen…

    ich fand es ganz besonders schlimm, daß die lauti-crew meinte die ansage der polizei, daß sie gewalt anwenden würden, wenn die rechte fahrbahn nicht geräumt werden würde – was im grunde dem wortlaut für polizeiansagen zur auflösung einer nichtangemeldeten versammlung ähnelt – einfach ohne eigenen kritik oder einen hinweis auf die demonstrationsfreiheit weitergegeben hat. damit hat die lauti-crew im grunde die erste ansage der polizei übernommen. ganz übel.

    ich wiederhole mich, ansonsten waren die organisatoren super. die kundgebung vor dem jeton gab es. das ist wirklich ein erfolg. trotz der polizeiblockaden hat es geklappt dem jeton die meinung zu sagen und zu zeigen. der nazischuppen musste mit massivem gerät gegen die demonstrant_innen wut geschützt werden. vereinzelte würfe konnten trotzdem nicht verhindert werden. und der laden war die ganze nacht komplett umstellt. er wird wahrscheinlich auch in den nächsten tagen oft besuch von sicherheitsleuten haben. das ist alles super. die unkritische übernahme von polizeiansagen finde ich trotzdem höchst problematisch.

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