Medienschau am Sonntag (15)

Eigentlich war die ‚Militante Gruppe‘ längst in der Bedeutungslosigkeit versackt, hat sich nun aber noch einmal in der aktuellen Ausgabe der ‚radikal‘ mit dem Schreiben ihrer Auflösung zu Wort gemeldet – und das nicht zu knapp. Zu diesem Thema wurden die Reaktionen der taz, der Frankfurter Rundschau und der Jungle World in die Medienschau aufgenommen. Auch sonst gibt es wieder eine breite Themenauswahl, wobei die Medienschau diesmal wieder etwas taz-lastig geraten ist, dafür aber pünktlich und in voller Länge erscheint.
Hinweisen möchte ich noch auf die aktuelle Ausgabe des Freitag, in dem ein ganzen Konklomerant [1, 2, 3, 4] interessanter Artikel zu finden ist.

Volksaufstand und Versöhnung in Afghanistan – ein langer Prozess“ (Darmstädter Signal, Juli 2009)
Das Darmstädter Signal ist ein Zusammenschluss kritischer Bundeswehrsoldaten. In dem Beitrag wird der Afghanistan-Einsatz eindeutig als Kriegseinsatz benannt, der nun schon länger andauert als der Zweite Weltkrieg. Es wird kein Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert, obwohl sich das DS prinzipiell gegen friedenserzwingenden militärischen Kampfeinsätzen ausspricht. Stattdessen wird auf die Wichtigkeit eines radikalen Strategiewechsels hingewiesen, um die Menschen in Afghanistan nicht weiter in die Hände der Taliban zu treiben.

Tipps für den armen Leser“ (goldmag.de vom 15.07.2009)
Alex Dubilet hat sich auf den Weg durch Friedrichshain gemacht und Antiquariate nach günstigen Büchern und der Menge der Auswahl bewertet. Das Antiquariat Matthias Wagner in der Wühlischstraße und das Sparbuch in die Finowstraße sollen besondern gut sein. Leider schreibt er nicht wo es Zeit um Lesen gibt. Trotzdem will ich den Berliner Goldmag-Literaturblog in der AKA-Medienschau begrüßen. [‘Gold‘ heißt ausgeschrieben ‚Gruppe zur Organisation Literarischer Dinge‘ :-) ]

Justiz reagiert auf Auflösung“ (taz vom 21.07.2009)
Im linken Spektrum ist die ‚mg‘ nie von herausgabender Bedeutung gewesen und wurde selbst in autonomen Kreisen kritisch betrachtet. Seit 2001 gehen 40 Anschläge auf das Konto der ‚mg‘, wobei nie ein Mensch verletzt wurde. Einerseits können aber die actionorientierten militanten Linken mit den Ideologieergüssen der ‚mg‘ nicht viel anfangen, andererseits steht in großen Teilen der radikalen Linken Vernetzung im Zentrum der Arbeit und nicht Militanz.

Das Terrorphantom löst sich auf“ (Frankfurter Rundschau vom 22.07.2009)
Das Terrorphantom ‚mg‘ hat 8 Jahre lang seine Häscher vom BKA genarrt. Von ursprünglich 12 Beschuldigten sind nur noch 4 übrig und selbst denen kann man schwer die ‚Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung‘ nachweisen. Sollte es dennoch zu einer Verurteilung kommen, so würde das Urteil mehr politischen denn juristischen Ursprungs sein. Auch der Soziologe Andrej Holm zählt wahnwitzigerweise noch zu den Verdächtigen.

Militantes Daheinwurschteln“ (Jungle World vom 23.07.2009)
Die Jungle World begrüßt erwartungsgemäßg die Auflösung der autonom-antiimperialistischen Marke ‚mg‘. Anerkannt wird aber das Niveau, auf dem die ‚mg‘ ihre Bekennerschreiben abgefasst hat, da dieses weit über dem liegt, was sonst von autonomen Gruppierungen zu lesen ist. Gespannt sein kann man nun auf den ‚kommenden Kampfabschnitt‘, zu dem die die ‚mg‘ in der Zeitschrift radikal aber nicht geäußert hat.

Virales Marketing für Neonazis“ (telepolis vom 23.07.2009)
Rechtsextreme haben, nachdem sie seit geraumer Zeit linke Symbole und Kleidungscodes adaptieren, das Web 2.0 als Propagandafeld für ihre menschenfeindliche Ideologie entdeckt. Rechtsextreme Inhalte sind bei youtube, in sozialen Netzwerken und bei Wikipedia zu finden. Bei der Online-Enzyklopädie sind nicht mehr die radikalen Editierung das Problem, sondern kleinteilige Änderungen, die nur noch von Experten aufgedeckt und widerlegt werden können. Außerdem versuchen die Rechtsextremen durch Multiaccounts zahlenmäßig größer zu wirken. In den sozialen Netzwerken und bei youtube sind die rechtsextremen Inhalte zwar leichter zu erkennen, aber die Betreiber sind kaum in der Lage der braunen Flut Herr zu werden.

Verbot von ‚Dance against Racism‘ in Mügeln“ (npd-blog.info vom 23.07.2009)
Die Stadt Mügeln, die durch die Hetzjagd auf Inder nach einem Volksfest in die Schlagzeilen gekommen ist, sorgt mal wieder für Aufmerksamkeit. Der Stadtrat hat beschlossen, dass eine bereits lange geplante Antirassistische Aktionswoche nicht stattfinden darf, weil der Ausrichtungort, der der Stadt Mügeln gehört, kein Ort für politische Veranstaltungen ist. Dieser Fall ist symtomatisch für ostdeutsche Kleinstädte, die aufgrund der Abwanderung gebildeter Schichten sozial und weltanschaulich immer homogener werden.

Fabrikbesetzer eingekesselt“ (taz vom 24.07.2009)
Was bei uns in Berlin unter Arbeitskampf läuft, würde anderswo eher als lustige Freizeitbeschäftigung durchgehen. Zum Beispiel in Südkorea. Dort halten 600 bis 1.200 von der Kündigung bedrohte ArbeiterInnen seit dem 21. Mai eine Fabrik von Südkoreas kleinstem Autohersteller Ssangyong besetzt. Mittlerweile sind sie von 3.000 Polizisten umzingelt und von Strom, Wasser und Nahrungsmitteln abgeschnitten. Bei den Auseinandersetzungen gab es bisher 110 Verletzte.

‚Einfach nur eine neue Sprechweise‘“ (taz vom 24.07.2009)
Heike Wiese, Sprachwissenschaftlerin von der Universität Potsdam, forscht zum Thema Kiezdeutsch, ein in Teilen von Berlin und anderen deutschen Großstädten hauptsächlich von Jugendlichen gesprochener Dialekt, der sich durch die Multilingualität von Teilen der Sprecher entwickelt hat. Dabei betont sie auf Grundlage ihrer Forschungsergebnisse, dass es sich dabei keineswegs um gebrochenes oder minderwertiges Deutsch handelt. Am 30.06. hatte Frau Wiese zum gleichen Thema einen Vortrag im Tristeza gehalten.

Raus ins Grüne“ (Tagesspiegel vom 26.07.2009)
Die Grünen haben sich auch in Berlin zu einer Partei des Mittelstandes entwickelt. Der Politikwissenschaftlicher Richard Stöss unterscheidet beim grünen Wählerklientel zwischen ‚links-libertärem Bürgertum‘ und ‚neuem libertären Bildungsbürgertum‘. Letztere Wähler sind mittlerweile auch in Kreuzberger Kiezen anzutreffen, in denen Gentrifizierungsprozesse ihre Wirkung entfalten. Rund 70 Prozent der Wähler zählen sich selber zu den Realos, nur noch 13 Prozent zu den Fundis.