„Die größten Feinde der Elche waren früher selber welche!“

Hartmut Haeussermann - Gentrifizierer der ersten Schule am Kollwitzplatzkiez Heute feiern die Marthashöfe Richtfest. Radio eins findet das ganz toll, muß sich allerdings auch mit den Kritiker_innen im Kiez beschäftigen und lädt sich deshalb den Metropolenforscher Hartmut Häußermann, der eigentlich ein Stadt- und Regionalsoziologe ist, zum Interview ein. Der erläutert Gentrifizierung als Altbausanierung, die einkommensschwache Bewohner_innen verdrängt. Allerdings negiert er eine solche Entwicklung im Prenzlauer Berg grundsätzlich und attestiert den Marthashöfen kein Verdrängungspotenzial.

Weil sie eine Brache bebauen und eben keinen Altbau aufwendig sanieren und die Altbewohner_innen verdrängen, sollen die Marthashöfe nicht Teil der Gentrifizierung sein. Außerdem behauptet Häußermann erneut, daß die ehemaligen Mieter_innen des Kollwitzplatzkiezes sich bessere Wohnungen im Umland gesucht und deshalb den runtergekommenen Innenstadtkiez verlassen hätten.

Häußermann selbst tat dies im Übrigen anders herum. Er lebt nämlich seit den 90igern im Kollwitzplatz Kiez. Er hat dort mit einigen Freunden einen Altbau gekauft und ihn restauriert. Von seinen alten Nachbarn im Haus und drumherum ist kaum jemand dort wohnen geblieben. Die meisten mußten nach der Sanierung aufgrund der exorbitanten Mietsteigerungen ausziehen. Nun leben die Schwaben dort beinah unter sich. Aber Gentrifizierung gibt es dort – im Kiez des Metropolenforschers – trotzdem nicht.

Besonders perfide sind allerdings die Moderatoren von radio eins. Sie versuchen die Kritiker_innen bewußt und offensiv zu diskreditieren und machen aus ihnen die ersten, quasi die wahrhaftigen Gentrifizierer.

Häußermann, auf den seine Definition des Gentrifizierungsphänomens am Besten paßt, kann dies nicht reflektieren. Er muß aus seiner persönlichen – nicht seiner wissenschaftlichen – Perspektive die Diagnose Verdrängung mittels Gentrifizierung im Prenzlauer Berg verwerfen. Die radio eins Moderation muß dies nicht. Sie tut dies aber trotzdem. Womöglich, weil für sie, genauso wie für Häußermann gilt, daß sie maßgeblich von den Verdrängungsmechanismen in den ostberliner Innenstadtbezirken profitiert haben. Schließlich rekrutiert sich ihre Hörerschaft aus diesen Schichten.

Also, wer die Elche sind und deren Feinde ist sehr viel komplizierter. Häußermann, radio eins und die anderen großzügigen Luxussanierer_innen mögen sich selbst gerne als zukunftsweisende Architekten einer ökologischen Wohnkultur sehen. Das Stigma der sozial chavinistischen Verdrängung paßt dazu aber überhaupt nicht. Deshalb müssen die Stadterneuerer den schwarzen Peter jemand anderem zuschieben. Eben einer vermeintlichen Kiez-Taliban, autonomen Kiezpolizei oder den wahrhaften Elchen. So wird ihre moralische Weste wieder blütenweiß und sie können weiter kräftig gentrifizieren. Radio eins ist dabei gern zur Stelle!


2 Antworten auf „„Die größten Feinde der Elche waren früher selber welche!““


  1. 1 M. A. Bakunin 24. September 2009 um 1:42 Uhr

    Wie auch immer die Dinge um Häußermann stehen – „Daten“ über die früheren Bewohner des von ihm sanierten Hauses habe ich noch nicht gesehen – musst du nicht gleich quasi ausländerfeindlich gegen Schwaben argumentieren.

    Die Marthashöfe dürften den Mietspiegel steigen lassen und damit indirekt zur Gentrifizierung beitragen.

  2. 2 Machnow 24. September 2009 um 9:00 Uhr

    Was mich an dem Interview ganz besonders genervt hat, war gar nicht Häußermann. Der war wiedermal gewohnt naiv bezüglich des Prenzlauer Berges, aber konnte Gentrifizierung recht gut und auch negativ beschreiben. Im Grunde hat er sich und seine Person in dem Interview selbst zum Gentrifizierer gemacht (Dabei ist im Übrigen völlig uninteressant, ob Menschen in seinem Haus wohnen blieben oder nicht.)

    Die Moderation, die den Spruch von den Elchen brachte, war schon selten bösartig. Das paßte überhaupt nicht zum Interview. Das war eher zurückhaltend udn relativ neutral. Der Abschlußsatz wollte die Kritiker_innen massiv beleidigen und diskreditieren. Und in dieser zynischen Art kennen ich daseigentlich nur von den Grünen Neu-Friedrichshainern und dem CDU Juhnke. Erstaunlich in welchen ideologischen Gefilden radio eins angekommen ist…

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