Für mehr Kreuze in der Spree

Am gestrigen Samstag zogen ganz besonders motivierte Christ_innen jeder Konfession mit 1.000 weißen Kreuzen durch die Berliner Innenstadt. Offenbar sind ihnen bei ihrem Trauerzug für die durch Abtreibung ums Leben gekommenen Kinder einige Logos ihrer menschenfeindlichen Ideologie abhanden gekommen, die von einigen Aktivist_innen freundlicherweise in der Spree entsorgt wurden.

Gestern noch beklagte der protestantische Oberboss Bischof Huber, daß die Evangelische Kirche zunehmend den Kontakt zu breiten Bevölkerungsschichten verliert. Er forderte von seiner christlichen Beamten weitere wichtige Reformschritte, Ausbrüche aus Milieugrenzen, aus geistlicher Furchtsamkeit und aus besinnungslosem Aktivismus. Trotzdem grüßte er euphorisch die trauernden Lebensschützer, die mit fundamentalistischer Arroganz und Ignoranz den Zugang zu überlasteten Müttern, verbitterten Hartz-IV-Empfängern, Kulturschaffenden und wirtschaftlich Erfolgreichen erschweren.

Huber erklärte, laut Tagesspiegel, daß die gut gemeinte Formel vom rechtswidrigen, aber straffrei bleibenden Schwangerschaftsabbruch dem allgemeinen Rechtsbewusstsein nicht wirklich zu vermitteln ist. Deshalb findet er es wichtig, daß frauenfeindliche, xenophobe Fundamentalisten und ihre Innen 1000 Kreuze für das Leben durch die Gegend schleppen und mit dem anschließenden ökumenischen Gottesdienst zum wiederholten Male ein Zeichen für das Leben und gegen die so arg vermißten Menschen setzen. Bravo Protestantenchef! Rumheulen, daß keiner kommt und genau jenen in den Rückken treten, die kommen sollen. Das nenn‘ ich wahrhaft christlich!

Mehr Bilder gibts bei Mikael Zellmann und pm_cheung

Aber eigentlich ist dies nicht sonderlich verwunderlich. Huber meint die EKD muß aus sozialer und geistlicher Milieuverengung herauszufinden. Deshalb muß ein Mentalitätswechsel stattfinden. Damit die Abneigung gegen die Vorstellung von wachsenden Gemeinden verschwindet.

Deshalb sucht er nicht zuletzt beim von der evangelischen Kirche organisierten Christival den Schulterschluß mit der evangelikalen Bewegung, die für eine wachsende Gemeinde sorgen. Seine Berührungsängste zu den christlichen Fundamentalisten und ihren Innen sind äußerst gering. Das Gefasel vom Kontaktverlust zu sozial Benachteiligten kann dabei getrost als mediale Inszenierung für ein offeneres Image der Kirche gewertet werden. Dahinter steckt bewußtes politisch-theologisches Kalkül, nicht eine Einladung zur sozialen Intervention. Das ist schon an der Aufzählung erkennbar, in der Hartz-IV-Empfänger_innen in einer Reihe mit Kulturschaffenden und wirtschaftlich Erfolgreichen stehen.

Soviel zur Abgrenzung zwischen der sogenannten offiziellen und etablierten evangelischen Kirche und den bösen Evangelikalen. Über die Katholiken muß ich wohl kein Wort verlieren. Die unterstützen mit ihren (samenverweigernden) Beamten jedes erzkonservative, körperfeindliche, entsexualisierende und homophobe Husten, stellen Kirchen zur Verfügung und predigen sowieso gern gegen alles, was irgendwie nach Emanzipation duftet. Dann schon lieber mit der Piusbruderschaft kuscheln, trotz massenhaften Kirchenaustritten.

Klaus Günter Annen von Nie wieder e.V. an vorderster Front

Wie nah die christlich fundamentalistischen Positionen an rechten Positionen ist, zeigt nicht nur Werner Gitt, The Call oder die Piusbruderschaft. Die Veranstalter des 1.000 Kreuze Marsches gehören eindeutig dazu, was sie den Gegner_innen freundlicherweise vorher schon schriftlich bewiesen.

Antifaschistisch verkleidet versucht der Verein Nie wieder e.V. einen Babykaust zu konstruieren, der noch viel schlimmer als die industrielle Vernichtung von Menschen ist. In einem Interview mit dem Muslim Markt äußerte ihr Vorsitzender Klaus Günter Annen Holocaust Leugner folgendes.

Der „Babycaust“ ist viel schlimmer und heimtückischer, weil es diesmal die wehrlosesten und unschuldigsten Menschen trifft, die ungeborenen Kinder! Wir sprechen von einem christlichen Deutschland, einer christlichen Regierung oder von christlichen Staaten, die heute noch viel schlimmer als Hitler sind! Wir haben aus unserer Geschichte nichts gelernt. Die Ermordung der ungeborenen Menschen ist die größte Beleidigung Gottes. Gott allein ist Herr über Leben und Tod ist. Die Länder, die dieses Verbrechen des „Babycaust“ verantworten, werden sich der gerechten Strafe Gottes nicht entziehen können.

Toll gegrunzt! Scheiß Nazis! Noch mehr Kreuze in die Spree!