Für die Öffnung von Tempelhof – Gegen Gentrifizierung

Demo - Suesses sonst gibts Saures Gestern kamen 500 bis 600 Menschen zur Demonstration für eine unreglementierte Öffnung des Tempelhofer Feldes für alle. Die 23igste Einsatzhundertschaft sorgte erneut schon vor Beginn für gereizte Stimmung. Der Bericht in der Abendsendung von rbb aktuell fiel deshalb relativ kritisch aus. Und, bevor ich es vergesse, schon am Freitag abend hat Be 4 Scheiße am Kopf des Reichsadlers mit Kerzen und feuchtem Blick getrauert.

Regionale und linksliberale Medien hatten schon im Vorfeld über die Demonstration berichtet. Die taz zum Beispiel legte zunächst einmal ihre Kampagne zur Unterstützung des saarländischen Grünen-Mafioso Hubert Ulrich und gegen die Linkspartei und Oskar Lafontaine auf Eis. Viel mehr protegierten sie ein Konzept zur demokratischen Aneignung (Ökonomisierung) der Tempelhofer Wiese, die 1 m² des politisch hart umkämpften Geländes an die Berliner Bürger_innen übergibt und sie dazu auffordert ihren Anteil Projekten zur Verfügung zu stellen.

Unabhängig von der Zunkunft der Wiese, ging es der Demo aber auch darum auf die Erhöhung des Aufwertungsdruck in Nordneukölln aufmerksam zu machen. In diesem Zusammenhang wurde auf die Aktivitäten des Quartiersmanagment Schillerpromenade, das von einer Brandenburger Sanierungsfirma unterhalten wird, und ihr neustes Projekt die Taskforce Okerstraße aufmerksam gemacht.

Die Berliner Polizei zeigte sich wieder einmal von seiner besten Seite. Vermeintliche Vermummungen durch Clownsnasen wurden nicht geduldet. Die symbolische Aneignung des Tempelhofer Feldes mit Papierfliegern, was mich im Übrigen an den Luftangriff zapatischer Guerilleros auf mexikanische Armeeeinheiten erinnert, und Rütteln am Zaun wurde mit Pfferspray, Schlagstockeinsatz und brutalen Festnahmen beantwortet.

Beinah schon obligatorisch ist, daß die riot cops der 23igsten, wenn sie im Verlauf der Demo noch zu wenig Frust abgebaut haben, kurz vor Ende willkürlich Demonstrant_innen verprügeln. Der äußere Anlaß sind zumeist Festnahmen, wobei regelmäßig Passant_innen und andere Menschen verletzt werden. Ich habe den Eindruck, daß es gar nicht um die Festnahmen geht, sondern viel mehr möglichst viel Demonstrant_innen eingeschüchtert, angepöbelt und wenn möglich massiv verletzt werden sollen.

Die Aktion mit den Paierfliegern fand ich super. Die politische Sprengkraft der Aneignung hat sich bestätigt. Papierflieger scheinen für die Sicherheitskräfte ähnlich rechtswidrig und vor allem strafbar zu sein, wie Angriffe auf den Zaun.

Völlig irrelevant dagegen war der Protest der Be 4 Scheiße Sekte am Abend davor. Nur der rechtskonservative Regionalsender tv.berlin und das Springerblatt Berliner Morgenpost haben minimal berichtet. Die Teilnehmerzahl stagniert, wenn mensch den eigenen Angaben der letzten Demonstration / Kundgebung glaubt, auf niedrigem Niveau. Gerade einmal 30-40 Menschen trauerten über die Schließung des Flughafens und stellten Grablichter auf.

Das Aktionsbündnis Be-4-Tempelhof.de feierte den Flughafen Tempelhof als Flughafen und zugleich trauerten alle um das schlimme Ereignis letztes Jahr. Am ende gegen 23:50 Uhr wurde es schon deutlich ernster. Der letzte Funkspruch wurde abgespielt, wo man den Tränen doch schon nahte und dann eine Gedenkminute an den schlimmen Moment im letzten Jahr, um den Flughafen zu ehren.

(Die Fehler und die eigentümliche, sprachliche Kreativität sind orginal übernommen)

Ich finde die Typen tatsächlich gruselig. Die Szene am Reichsadlerkopf vor dem Naziflughafen (pdf) Tempelhof, mit den heulenden alten und jungen Flugbetriebsfetischisten, die einen toten Flugplatz ehren, das ist echt Halloween. Da kann mensch – auch dem Oberschüler Alexander Helmbold aus Tempelhof – durchaus die emotionale Kontrolle verlieren und die Schrift versagen.

Übrigens sollen, nach Ansicht von Helmbold (oder vielleicht auch Peter Martin, dem Vorsitzenden der PASS – Partei der Arbeitswilligen und Sozial Schwachen, dem demagogischer Strippenzieher neben dem Sitemessie Michael Paul) Linke Demonstranten irgend ein Grab geschändet haben, indem sie Grablichter umstießen. Offenbar plant der Neusektierer Anzeigen wegen Sachbeschädigung für Kerzen, die ohne Nennung der Eigentümer an einem öffentlichen Ort aufgestellt wurden. Wahnsinn!

Eigentlich dachte ich ja das Tempelhofer Feld und die ehemalige Flughafengebäude wären architektonische Denkmäler. Die Umwertung des Geländes zu einem Grab hätte ich Be 4 Scheiße gar nicht zugetraut. Ob sie damit wohl auf die Zwangsarbeiter_innen anspielen, die den Flughafen maßgeblich aufgebaut haben. Meint Helmbold die Erinnerung tausender Männer und Frauen, die in der Rüstungs- und aggressiven Luftfahrtindustrie arbeiteten, die dort ihre Freunde sowie Angehörigen verloren. Wahrscheinlich nicht.

Die Be 4 Scheiße Sektierer_innen halten sich lieber an den glorreichen Zeiten einer nationalistischen und nationalsozialistischen Luftfahrt fest. Sie huldigen dem Flugbetrieb an einem Symbol des imperialistischen und monarchistischen Deutschlands – dem Kopf des Reichsadler. Sie wollen Tempelhof als Denkmal für den authentischen (deutschen) Luftverkehr. Eine Erinnerung an die Opfer des Flughafens und der deutschen Luftfahrt ist dabei nicht vorgesehen, sondern stört viel mehr.

Ich frag mich ernsthaft, warum Arthur Bomber Harris diese scheiß Speer-Nazi-Architektur in Tempelhof stehen gelassen hat. Sie hätte es verdient platt gemacht zu werden. Auch heute. Und an der Stelle des totalitären, architektonischen Monsters mit seinem Flugfeld könnte die Autonome Republik Tempelhof – vielleicht nach dem Vorbild von Christiania – entstehen.

Fotos von der Demo gibt es bei pm_cheung und ccphoto


1 Antwort auf „Für die Öffnung von Tempelhof – Gegen Gentrifizierung“


  1. 1 Machnow 01. November 2009 um 16:03 Uhr

    war ja nur ’ne idee. bunt anmalen geht ja vielleicht auch ;-)

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