Deutschland – Deine Freiheit sind deine Pogrome!

Reichspogromnacht Berlin Am 9. November 1938 schloß der deutsche Mob die Reihen und ließ seinem Haß auf Undeutsche freien Lauf. Nachdem das Jüdische durch die Nazis zunächst stigmatisiert wurde, konnte das völkische Kollektiv in einem letzten Akt die Vernichtung des jüdischen Lebens in den Alltag tragen und praktisch erproben.

Am Abend des 9. November 1989 verquatscht sich ein ehemals sozialistischer Politbüronationalist und öffnet unbewußt den antifaschistischen Schutzwall nach außen und im Inneren. Das Ergebnis war die zunehmende Entfesselung des großdeutschen nationalen Taumels, der erneut in rassistischen Pogrome der deutschen Bevölkerung und im staatlichen Rassismus durch die faktische Abschaffung der Asylrechts mündete.

Der 9. November läßt sich in keinem Fall von den älteren und neueren Pogromen und Morden des deutschen Nationalkollektivs trennen. Die ideologische Umwertung des 9. November zum glücklichsten Tag der jüngeren deutschen Geschichte, zum Tag der Freude negiert die Pogrome 1938 und zu Beginn der 90iger Jahre.

Es ist unerträglich, daß im 20igsten Jahr des großdeutschen Freudentaumels die ideologische Umwertung zum nationalen Feiertag weitestgehend problemlos vollzogen werden kann. Die Staatschefs der Siegermächte, Nobelpreisträger und andere politische Akteure suhlen sich in Hymnen auf die Freiheit, die jedes Mal neu erkämpft werden muß. Die mythologische Heroisierung der (ost-) deutschen Nation zu friedlichen Revolutionär_innen vernichtet die Erinnerung daran wie eben jene deutsche Volksgemeinschaft am 9. November 1938 mordete, plünderte, brandschatzte und die Züge nach Auschwitz mit lebenden Toten füllte. Der braune Fleck, der Schatten des Rauchs brennender Synagogen, das schwache Klirren, die stummen Schreie der Jüd_innen verblassen allmählich und werden durch das staatsbürgerliche Glück und den Triumpf über gleich zwei Diktaturen ersetzt.

Ein neuer Mythos ist entstanden! Das deutsche Volk befreit sich selbst vom eigenen Joch. Der 9. November 1938 als Symbol der vernichtungswilligen deutschen Nation muß hierbei eliminiert werden.

Die Reichspogromnacht, die Angriffe auf alle Aspekte jüdischen Lebens in Deutschland, auf Wohnungen, Geschäfte, Schulen, Gebetshäuser und schließlich auf Jüd_innen selbst, beweist, daß die deutsche Bevölkerung die Vernichtung und Tilgung jüdischer Existenz nicht nur unterstützen, sondern tatkräftig forcieren wird. Die zivile und staatliche Plünderung jüdischen Eigentums verknüpft den ideologischen, eliminatorischen Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft hierbei mit der mittelalterlichen antijüdischen Raubkonzeption.

Der Fall des Antifaschistischen Schutzwalls in der Nacht vom 9. auf den 10. November ruft wieder den großdeutschen Mob auf den Plan. (Neo-) Nazis und Bürger_innen werden bald erneut Seit‘ an Seit und die Reihen fest geschlossen vereint gegen das Fremde stehen. Wir sind das Volk verwandelte sich schnell in Wir sind ein Volk um schließlich in Ausländer raus zu kulminieren.

Der neue Mythos von der deutschen Nation zwanzig Jahre später brauchte seine Zeit um ideologisch zementiert zu werden. War sie zunächst durch Filme, wie Dresden und Die Flucht vom Tätervolk zum Opfer verwandelt worden, sorgte die mediale Umwertung von Stauffenberg zum Antifaschisten für die identitätsstiftende Folie des Deutschen als (konservativen) Widerstandskämpfers. Die gleichzeitige Diffamierung der außerparlamentarischen Oppositionsbewegung der 60iger und 70iger Jahre konstruiert hierbei eine antideutsche und zersetzende Gegenposition, die es zu überwinden gilt.

Das deutsche Volk, nunmehr Opfer der Alliierten, insbesondere der Roten Armee und des Moskauer Regimes, ein Volk von Widerstandskämpfern und liberalen Demokraten, darf sich selbst feiern. Scham, Schuld und Erinnerung wird nun selbstreflexiv kathartisch auschließlich sowie positiv auf sich selbst bezogen. Das Nie wieder meint nicht mehr die kategorische Erinnerung an die Shoa, sondern bezieht sich auf die Teilung Deutschlands. Damit nie wieder auseinander gerissen wird, was zusammen gehört!

Die Marginalisierung des 9. November 1938 läßt sich, wie INEX richtig analysiert, mitnichten allein auf eine kapitalistische Standortlogik und nationale Staatsbürger_innen-Rekrutierung in Zeiten globaler Weltmarktkonkurrenz betrachten. Vielmehr verweist die ideologische sowie mythologische Umwertung des 9. November zum Datum des nationalen Glücks auf deutsche Kontinuitäten, die unzweifelhaft mit Pogromen gegen vermeintlich volksfremde Elemente verknüpft sind.

Deshalb kann es nur heißen, still not loving Germany!


3 Antworten auf „Deutschland – Deine Freiheit sind deine Pogrome!“


  1. 1 the bastian 11. November 2009 um 12:13 Uhr

    die schlussfolgerung „schabowskis versprecher führte zur abschaffung des asylrechts“ ist ja wieder mal weit hergeholt ;)

    auch wenn logischerweise auch die naziszenen zusammengewachsen sind, deshalb die mauer stehenlassen?

    das „nie wieder“ seit 20 jahren auch „nie wieder teilung“ gehört (ich glaube nämlich nicht, dass der freudentaumel über die wende die erinnerung an die progrome verdrängt) ist doch nichts schlimmes – ich will auch keine teilung mehr. in diesem jahr wird nur durchs 20jährige mehr mediengewicht auf die überwindung der teilung gelegt…

  2. 2 leserin 12. November 2009 um 13:03 Uhr

    allerdings ging es uns eher um die kontinuitäten, nicht um den mythis an sich. und die kontinuität des 9. november heißt POGROM.

    Ich sehe derzeit keine pogromstimmung in deutschland. Seit Hoyerswerda, Lichtenhangen, Mölln und Solingen gibts zwar immer noch viele nazi-übergriffe – aber die bevölkerug applaudiert nicht mehr. Gabs keinen antifa-sommer? Gabs keine staatsbürgerschaftsreform (auflockerung des abstammungsprinzips)? Gabs keine „Du-bist-Deutschland“-Kampagne, die mit vielen Nicht-Weißen Deutschen warb?

    Die ganze argumentation von euch, wie die von der INEX begründet gar nichts, sondern ihr stellt laufend behauptungen auf und sucht euch die paar fakten, die dazu passen und zeigt dann mit dem finger drauf, nach dem motto: „da sieht man´s mal wieder“.

  3. 3 leserin 14. November 2009 um 1:39 Uhr

    Ja, aber auch an dem Mythos gehst du vorbei.

    Ein neuer Mythos ist entstanden! Das deutsche Volk befreit sich selbst vom eigenen Joch. Der 9. November 1938 als Symbol der vernichtungswilligen deutschen Nation muß hierbei eliminiert werden.

    Dass der zweite Satz nicht ganz stimmt, habe ich ja oben bereits angemerkt.
    Der erste Satz ist hingegen richtig: Der Mythos besteht in der Selbstbefreiung der Deutschen, in der absurden Unterstellung, dass die Deutschen einen „Willen zur Freiheit“ schon immer gehabt hätten.
    Für diese Behauptung kann dann allerhand historisches Material herangekarrt werden, wie z.B. die Varusschlacht, die Bauernaufstände, die Märzrevolution von 1848, der 20. Juli und der „Deutsche Widerstand“ (jetzt ist ja Georg Elser groß im Kommen), das Grundgesetz, der 17. Juni und eben die „Friedliche Revolution“.

    Das ist natürlich alles großer Quatsch: Die Varusschlacht und die Bauernkriege waren noch gar nicht in Deutschland (das gabs ja noch gar nicht), bei der bürgerlichen Revolution 1848 schmiss man sich lieber dem Kaiser an der Hals, als eine Republik zu gründen und löste dann das Parlament halt wieder auf, der 20. Juli hatte mit Freiheit auch nicht viel am Hut und 1989 warf man sich schon wieder einer autoritären Figur (Kohl) an der Hals, als die revolutionäre Situation für einen demokratisch-sozialistischen Aufbruch zu nutzen.
    Natürlich ist die Rede vom deutschen Willen zur Freiheit angesichts der Shoah gänzlich unfassbar.

    Die Frage, die in deinem Text aber nicht vorkommt, ist warum die Leute auf diesen Mythos angewiesen sind, d.h. warum soviel Unsinn erzählt wird und die Leute das spontan plausibel finden. Ihr sagt nur, wie man´s nicht erklären soll:

    Die Marginalisierung des 9. November 1938 läßt sich, wie INEX richtig analysiert, mitnichten allein auf eine kapitalistische Standortlogik und nationale Staatsbürger_innen-Rekrutierung in Zeiten globaler Weltmarktkonkurrenz betrachten.

    Wie erklärt es sich aber dann? Über eine natürliche deutsche Neigung zum Pogrom? Ein spezielles deutsches Wesen?
    Was ist damit gesagt, die deutsche Freiheit als Freiheit zum Pogrom zu bestimmen?

    allerdings ist es zu schwach nationalismus lediglich auf kapitalistische arbeitsfetisch strukturen zurück zu führen. das mag ein theoretischer ansatz sein, allerdings kommt er mit dem emotional eliminatorischen antisemitismus nicht klar. rassismus läßt sich damit ebenfalls nicht fruchbar analysieren. es müssen aspekte nationaler konstruktionen hinein genommen werden.

    Das habe ich ja nicht gemacht (schon gar nicht habe ich mit dem arbeitsfetisch argumentiert). Den aktuellen rassistischen Diskurs habe ich auch nicht aus kapitalistischen Erfordernissen begründet, sondern erstmal dargestellt – um ihn vom Pogromrassismus der 90er abzugrenzen, also aktuelle „aspekte nationaler konstruktionen“ hineinzunehmen.

    Dass jeder Antisemitismus eliminatorisch ist, würde ich bezweifeln. Das kann man ja auch schön an dem Stauffenberg-Vortrag, den ihr verlinkt habt sehen: nevergoinghome zeigt ja sehr schön, dass das Antisemiten waren, denen das Vernichtungsprogramm zuwider war.

    Wie Antisemitismus zu erklären wäre, habe ich oben ja auch schon angedeutet:

    Die Vorstellung, Deutschland sei ein Land, in dem es sozialen Ausgleich gibt (Rheinischer Kapitalismus), der vor bösen Feinden (Heuschrecken, den Bänkern, Spekulanten, Kasinokapitalismus), den man in den USA (und dort besonders an der Westküste) verortet.

    Das wäre ein Element. Das andere wäre die nationalistische Vorstellung, man habe eine, und nur eine Nation, und „die Juden“ seien eben ein Volk, das eben international zusammenhält und von innen versucht, die Nation zu zersetzen. Das ortlose, das Jüdinnen und Juden zugeschrieben wird, destabilisiert die feste Ordnung der Welt in Nationen und bedroht die eigene Ideologie (gleiches gilt für Antiziganismus).

    Das dritte Element ist dann ein spezifisch deutsches: Schuldabwehr ud sekundärer Antisemitismus, also die Tatsache, dass die Deutschen den Jüd_innen die Shoah nie verzeihen.
    (Aber auch diese Form ist mittlerweile überall in der Welt anzutreffen, die Vorstellung nämlich, Jüd_innen und Juden und besonders Israel würden ihre Macht moralisch mit der „Holocaustindustrie“ legitimieren).

    nämlich worin besteht die neue leitkultur? wer ist von schuld geläutert und darf bereitwillig vergessen? warum muß vergessen usw…

    Der Trick beim Aufarbeitungsnationalismus ist ja, dass diejenigen geläutert sind, die nicht vergessen, also diejenigen, die das Holocaustmahnmal besuchen, die die „Deutsche Verantwortung“ für die Geschichte bereitwillig übernehmen, weil sie Deutsche sein wollen, also weil sie sich mit der Nation identifizieren wollen.
    Dabei müssen sie sich allerdings – und da hast du recht – auf der anderen Seite immer auch von der Geschichte ein bisschen entlasten, also ein bisschen Stauffenberg und Elser, ein bisschen Täter-Opfer-Umkehr (z.B. Volkstrauertag dies WE) und ein bisschen Totalitärismustheorie, inkl. der These, die Deutschen seien verführt worden, man habe ja nichts machen können, etc. Schöner Überblick über die ganzen Strategien gibts auch bei nevergoinghome.

    Das Problem an eurem Text ist, dass ihr gar keinen Grund angebt, was das Problem an der Geschichtsbetrachtung ist. Was spricht gegen die These, Deutschland sei geläutert?

    Alles, was ihr skandalisiert, würde jede_r Grüne ebenfalls als Skandal begreifen, nämlich das Vergessen/Verdrängen der VErgangenheit. Es war ja ein grüner Außenminister, der mit dem Verweis auf Auschwitz seinen Krieg begründete. Ebenso würden Grüne Täter-Opfer-Gleichsetzung, unkritische Heroisierung von Stauffenberg, das Vergessen der Pogromnacht kritisieren. Sie finden auch, dass die Pogrome im frisch vereinten Deutschland unerträglich waren usw.
    Aber sie sind eben auch Nationalist_innen – und haben ihre Art des Nationalismus in ihrer Regierungszeit erfolgreich zumn Staatsprogramm gemacht, wo auch die jetztige Regierung nicht mehr hinter zurück kann.
    Und da muss sich doch eine linksradikale/autonome Kritik dran messen lassen können, ob sie erfolgreich Grünen ihr nationalistisch-bürgerliches Gewäsch um die Ohren hauen kann. Denn wenn man da keine Differenzen hat, dann kann man in deren Partei viel effektiver Politik machen.

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