Schnelle und umfaßende Repression für eine neue Nachbarschaft

Quartiermanagment Schillerpromenade Berlin Neukoelln Am Dienstag nachmittag fand die Anwohnerversammlung zur Task Force Okerstraße mit zahlreicher Beteiligung statt. Nachdem erst nach einigem Druck der Termin veröffentlicht wurde und die Anwohner_innen selbst Einladungen zur Versammlung verteilen und kleben mußten, kamen sehr viele besorgte Nordneuköllner_innen. Die Polizei war offenbar wiederum in Zivil und in Uniform massiv vor Ort. Diesmal saß sie allerdings nicht auf dem Podium, sondern beschränkte sich auf die Überwachung der Kritiker_innen.

Davon gab es sehr viele. Die hatten sich nur nicht als Autonome verkleidet und waren für die Sicherheitskräfte deshalb sehr viel schwerer zu erkennen. Trotzdem macht es keinen besonders guten Eindruck, wenn sämtliche Anwohner_innenversammlungen, die das Quartiersmanagment Schillerpromenade veranstaltet entweder zusammen oder unter Polizeischutz durchgeführt werden. Da könnte glatt der Eindruck entstehen, daß die Beziehungen zu den Sicherheits- und Kontrollorganen den Verantwortlichen des QM wichtiger sind, als eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Anwohner_innen selbst.

So erstaunlich dies auf den ersten Blick zu sein scheint, so folgerichtig ist das Verhalten des Vorortbüros der Brandenburgischen Stadterneuerungsgesellschaft mbH (BSG). Schließlich ist sie seit den 90iger Jahren eher mit der Sanierung und Instandsetzung von Gebäuden beschäftigt. Außerdem ist die BSG ein Experte bei der Planung und Durchführung von Wohnungs- und Industriebauten. Das heißt, daß sie langfristige Konzepte zur Aufwertung von Stadtquartieren entwickelt und diese als Bauträger durchführt.

Deshalb konstituierte sich das Team Task Force, das es laut Kerstin Schmiedeknechts Strategiekonzept – der Chefin des QM Schillerpromenade – geben sollte, sprachlich unverfänglicher und ohne verbalen Verweis auf das problematische Konzept einer Task Force, als Integra e.V., der laut Berliner Zeitung schon jetzt fünf Sozialarbeiter_innen beschäftigt. Diese wollen bedürfnisorientiert auf die Jugendlichen im Kiez zugehen, ihnen nächtliche Boxtrainings anbieten, damit sie sich besser mit der Polizei verständigen können.

Die Auslagerung der Sozialarbeiter_innen aus dem Vorortbüro der BSG und damit die sowohl geographische als auch finanzielle Distanzierung des QMs von der Sozialarbeit verwundert nicht sonderlich. Schließlich geht es Schmiedeknecht, den verschiedenen Ämtern, der Polizei und dem Jobcenter um eine verstärkte soziale Kontrolle der Anwohner_innen und eben nicht um itegrative Ansätze, die ein Zusammenleben ermöglichen.

Deshalb ist es umso absurder, daß Schmiedeknecht während der Veranstaltung, während Zivilpolizisten drinnen und Uniformierte draußen für Ordnung und Sicherheit sorgten, offenbar immer wieder für Toleranz für die Task Force Okerstraße warb.

Toleranz ist ein so nett schwammiger Begriff. Soviel ethische Schulung hat Schmiedknecht schon genossen, daß sie weißt, das es an Toleranz nicht fehlen darf. Das klang schon fast nach dem Preußen Friedrich Wilhelm, der mit seinem Edikt von Potsdam neue Preuß_innen in sein Land locken wollte und dabei klamm und heimlich die alten Einwohner_innen diskriminierte.

Das Toleranzgeschwaffel, das sich ganz im wilhemischen Sinne selbstverständlich nur auf die Positionen des QMs bezog und dabei jede andere Lebensweise kategorisch als unsicher, unordentlich, kriminell, wenn nicht sogar asozial ablehnt, verweist darauf, daß Schmiedeknecht weiß, daß sie in der Schillerpromenande nicht einmal ansatzweise eine eigenen Struktur entwickeln kann und komplett von den Anwohner_innen isoliert ist.

Seit Jahren dümpelt der Kiez unverwertet vor sich hin. Die Häuser können nicht saniert werden. Die Vermieter_innen blocken. Die Anwohner_innen haben andere Probleme. Die hübschen Häuser in der Okerstraße sind von Wanderarbeiter_innen und RRoma besetzt. An die ist überhaupt kein rankommen. So läßt sich ihr Sanierungsauftrag von der BSG schwer durchsetzen.

Deshalb müssen die Bewohner_innen erst identifiziert, dann entmündigt und später rausgeschmissen werden. Das Jobcenter wird die Häuser durch die Hintertüt übernehmen und den umfaßenden Sanierungsauftrag an die BGS aus Potsdam vergeben. Schmiedeknecht, als Architektin, nicht als QM Chefin, hat sich ganz bestimmt einige Gedanken zur ästhetischen Umwandlung des Kiezes gemacht. So läßt sich das Motto der Task Force Okerstraße auch ganz anders interpretieren: schnelle und umfaßende Sanierung für eine gute Nachbarschaft.

    Ein Foto von der Veranstaltung gibt es beim Blog das gemeine Wesen. Das Foto darf ich nicht benutzen. Weil ich nicht gefragt habe. Ganz bösartig, wie ich bin, wollte ich meine Gedanken schnell in einen Blogbeitrag verpacken und hab‘ schnöderweise nur auf den Trackback gehofft. Klappt sonst immer. Was Eitelkeiten, Dogmatismus, Verwertungslogik so aus sich alternativ gebenden Menschen so macht. Grauenhaft.

4 Antworten auf „Schnelle und umfaßende Repression für eine neue Nachbarschaft“


  1. 1 the bastian 19. November 2009 um 12:45 Uhr

    wenn du letzte woche mitbekommen hättest, was in diesem haus los ist, würdest Du schon handlungsbedarf sehen. ich habe vorher noch keine personen (abseits des linken spektrums (scnr)) derart brutal randalieren sehen. und wenn man nun sagt: wir wollen nicht, dass die leute hier auf offener straße mit äxten aufeinander losgehen – das ist doch keine kategorische ablehnung anderer lebensweisen.

    sorry, ich bin direkter anwohner und ich fühle mich in meinem vielseitigen kiez mehr als wohl, aber ÄXTE!!! – da hört der spaß auf, oder?

    was würdest Du/ihr denn tun, um die lage zu verändern?

  2. 2 Machnow 19. November 2009 um 14:53 Uhr

    Habe ich irgendwo geschrieben, daß ich Clanstreitigkeiten toleriere? Geht aus dem Text hervor, daß ich patriachale Stammestrukturen unterstütze? Rechtfertige ich irgendwo Gewalt gegenüber anderen?

    Nein!

    Was ich allerdings massiv kritisiere ist, daß das Quartiersmanagment durch „soziale Kontrollen“ durch das Projekt „Task Force Okerstraße“ – Polizeirazzien, verstärkten Patroullien, Hausbesuchen, Überwachung der Wohnräume (um die Bewohner_innen überwachen zu können), bis hin zur Entmündigung und Übertragung des privatesten Raumes – der Wohnung – an das Jobcenter – etwas FÜR die Anwohner_innen zu tun.

    Alle im Strategiekonzept beschriebenen „Maßnahmen“ (übernommen aus dem Polizeisprech) sind repressiver oder kontrollierender Natur. Integrative Konzepte existieren nicht, oder werden ignoriert.

    Ich kritisiere nachdrücklich, daß eine Baufirma – die BSG – sich mit ihrem Vorortbüro Quartiersmanagment Schillerpromenade unter Leitung der Architektin Kerstin Schmiedeknecht nachdrücklich um die (bauliche) Sanierung zunächst der „Problemhäuser“ in der Okerstraße bemüht. Weiterhin kritisiere ich, daß die Promenade, die doch für alle das sein soll, von RRomakindern, Trinker_innen und anderen sozialen Randgruppen „gesäubert“ werden soll. Das heißt für mich Verdränung.

    Mit diesen IDeen läßt sich der Kiez nicht sozial verändern. Mit repressiven Maßnahmen werden keine sozialen Probleme gelöst. Darum handelt es sich nämlich, wenn Wanderarbeiter_innen dort wohnen. Wenn RRoma nach Arbeit suchen und sich beschäftigen. Wenn Alkoholiker_innen nur noch in Parks ein „Bleiberecht“ haben.

    Das Quartiersmanagment sollte viel mehr Offene Büros einrichten OHNE das die Betroffenen Angst haben müssen, daß am nächsten Tag die Polizei reinschneit oder sogar am selben Tag ein Zivi dich mitnimmt. RRomakinder brauchen Bildung. Das hat sogar Schmiedeknecht mitbekommen. Jedoch fällt ihr dazu nix ein, außer Schwänzerknast oder Buschkowskys Elternentzug. „Niedrigschwellig“ Kontaktmöglichkeiten wären angebrachter. Ohne das gleich das Jugendamt den Hilfesuchenden in den Rücken springt…

    Darum geht es! Um Integration, Aktivierung, Einbindung breiter Anwohner_innen Strukturen. Mehr Personal für soziale Projekte. Und eben NICHT Geld für vernetzte Repression unter Leitung einer Baufirma dessen Interessen bestimmt nicht sozialer Natur sind!

    Also, um explizit praktische Tipps zu geben. Mein Fünfjahresplan zur sozialer Stabilisierung des Kiezes:

      1.) Abschaffung des Quartiermanagments, stattdessen Einsetzung eines Kiezberats zu dem vor allem soziale Akteure Vertreter_innen schicken

      2.) Konstituierung eines Kiezparlaments / -plenums, das Vorschläge des Kiezbeirats absegnet und über die Verteilugn der Geldes entscheidet

      3.) Einrichtung verschiedener selbstorganisierter Projekte (durch Mietfreie Überlassung), zum Beispiel eines Interkulturellen Gartens auf dem Tempelhofer Feldes am Ende der Okerstraße, eines (Erwerbslosen-) Cafes, eines Jugendhauses, eines Mädchentreffs usw

      4.) Aufwertung und Ausstattung der vorhandenen sozialen Projekte

    Also, kurz, mir ginge es um die Stärkung der Selbstverwaltung, von Strukturen außerhalb der Ämter, um eine Etablierung nachbarschaftlicher Hilfe jenseits repressiver Sicherheitsstrukturen.

    Ich weiß, sowas dauert länger. Es gibt immer wieder Rückfälle. Aber der Erfolg ist nachhaltiger und kann vor allem mit den Anwohner_innen selbst organisiert werden und nicht durch Kontrollen von Außen.

  3. 3 Thomas 19. November 2009 um 19:13 Uhr

    Ich gebe machnow mit seinem Ideenkatalog recht, aber Punkt 1 muss korrigiert werden zu „Einführung eines Quartiermanagements“. Alle Stichworte (Integration, Aktivierung, Einbindung breiter Anwohner_innen Strukturen) dieses Ansatzes wurden genannt. Auch die Punkte 1 bis 4 wurden offenbar aus einem QM-Lehrbuch kopiert.

    Was den Managementbegriff angeht: Es handelt sich mitnichten um einen (rein) betriebwirttschaftlichen Begriff. Vielmehr ist Management das Gegenteil von Durchgriff und Kontrolle, wie es bisher geschieht bzw. geschehen soll.

  4. 4 machnow 20. November 2009 um 0:30 Uhr

    ich wußte es. das Quartiersmanagment Schillerpromenade ist gar keins. Es ist eine Schnittstelle der Repression. Oder, was ja auch am Schild steht, eine Zweigstelle der Brandenburgischen Stadterneurungsgesellschaft mbH, das sich Vor – Ort – Büro Quartiermanagment Schillerpromenade nennt ;-)

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