Gemeinsam laut und kämpferisch gegen Nazistrukturen in Neukölln

Kiezdemo Neukoelln 20.12.2009 Am heutigen Abend zogen mindestens 800 Menschen durch Nordneukölln um auf Nazianschläge am vergangenen Wochenende aufmerksam zu machen. Betroffen war das linke Kneipenkollektiv Tristeza, der Projektraum in der Friedelstraße 54 und das Antifakaufhaus der Antifaschistischen Linken Berlin. Zu der Kiezdemo hatte ein Bündnis der betroffenen Projekte und antifaschistische Gruppen aufgerufen.

Die Anschläge auf die Projekte in der Nacht vom 26. auf den 27. Dezember sind der Höhepunkt mehrere Naziangriffe auf alternative Treffpunkte in Nordneukölln in den letzten Wochen. Circa eine Woche vor den Angriffen wurden die Fensterscheiben der Galerie Olga Benario eingeschmissen. Ungefähr eineinhalb Wochen davor wurde die Freundschaftsgesellschaft Salvadore Allende schon zum zweiten Mal in diesem Jahr angegriffen. Bereits im Sommer wurden die Fensterscheiben des chlenischen Kulturzentrums von Nazis zertrümmert.

In allen angegriffenen Treffpunkten finden regelmäßig antifaschistische Infoveranstaltungen. Die Schmiererei C4 for reds beim Antifaladen red stuff muß als tödliche Drohung und Aufruf zu einer weiteren Eskalation der Anschläge gegen die antifaschistische radikale Linke in Berlin interpretiert werden. Deshalb war es besonders wichtig, daß heute abend trotz kurzer Mobilisierungszeit und frostiger Temperaturen soviele Menschen gegen Nazis im Kiez demonstriert haben.

Die Demo lief (für autonome Verhältnisse) wahrscheinlich aufgrund der widrigen Witterungsbedingungen sehr pünktlich los. Schon zu Beginn waren es mindestens 800 Menschen, die lautstark und entschlossen den Kottbusser Damm in Richtung Kreuzberg folgten. Im Reuterkiez reihten sich weitere Demonstrant_innen ein. In der Friedelstraße könnten es durchaus beinah 1.000 Antifaschist_innen sein, die zügig und geräuschvoll durch den Kiez zogen.

Parolen wurden nicht nur in den ersten Reihen skandiert, sondern waren in der gesamten Demo zu hören. Einen Lauti gab es nicht, was allerdings nicht weiter störte, sondern vielmehr einen akustischen Freiraum bot. Informative Redebeiträge gab es in der Sanderstraße, vor dem Wohnhaus des Neuköllner Neonazis Marian Hacke und Ex-NPD Kandidaten, und vor den attackierten Projekt Friedel54 und dem Tristeza.

Die Polizei war verhältnismäßig zurückhaltend. Sie begleitete die Demo am Rand mit einigen unbehelmten Einsatzgruppen, die allerdings zu keinem Zeitpunkt Spalier liefen. Wahrscheinlich mußten einige Bereitschaftshooligans Überstunden abbummeln, die sie insbsondere in Neukölln angehäuft hatten. Wahrscheinlicher ist allerdings wirklich, daß Team Green es im Vorfeld nicht für möglich gehalten hat, daß viele Demonstrant_innen kommen würden. Die angeforderte Verstärkung kam, auch aufgrund der kurzer Route und dem zügigen Laufen erst nachdem die Demo aufgelöst wurde.

Bilder von pm_cheung und indymedia

Schon jetzt läßt sich offenbar eine zunehmende Vernetzung der linken Strukturen in Neukölln feststellen. Die hohe Zahl an Demonstrant_innen und die gut laufende, selbstständige Mobilisierung im Kiez deutet ebenfalls auf eine bessere Mobilisierungsfähigkeit und womöglich neue Organisationsstrukturen hin.

Nicht verwunderlich aber erschreckend ist die weitgehende Ignoranz der bürgerlichen Medien und der Berliner Politik, die ansonsten recht schnell darin sind eine rotfaschistische Kieztaliban zu phantasieren und zündelnde Ku-Klux-Klan Kapuzenträger entdeckt haben. Ihre konstruierte, vermeintlich linksextremistische Gewalteskaltation verdeckt jede Auseinandersetzungen mit den Positionen militanter Nationalisten. Vielmehr reproduzieren der Neuköllner Bürgermeister und sozialdemokratischer Rechtsaußen Heinz Buschkowsky, seine Verwaltung und das Quartiersmanagement Schillerkiez offensiv repressive und xenophobe Diskurse in der Öffentlichkeit. Umso wichtiger war deshalb diese erfolgreiche antifaschistische Kiezdemo!