Binnen-I, Unterstrich oder Sternchen?

Jeder, der versucht auch in seiner schreibenden Praxis seine emanzipative Tendenz auszuleben, stößt irgend wann an eine Grenze, die es gilt zu überwinden und fruchtbar zu entscheiden. Denn, daß Sprache Realität konstruiert, dürfte auch Nichtsprachwissenschaftler_innen in den letzten Jahren nicht entgangen sein. Solche blödsinnigen Formeln wie Fördern und fordern oder Humankapital verweisen explizit auf eine bestimmte Ideologie. Noch widerlicher wird es, wenn mensch sieht, wie die Bundeswehr in die Universitäten drängt und dabei ganz erstaunliche, wenn nicht gar orwellsche Sprachverwirrung betreibt. Davon völlig unbeeeindruckt gibt sich die alternative und radikale Linke. Sie entblößt gerne militaristische Sprachkonstruktionen, schafft es allerdings nach Ansicht von Frank A. Schneider, einem feministischen Autor nicht eine sexistische Sprache und Zuschreibungen zu hinterfragen.

Als Antimilitarist_in hat mensch es einfach. Der sprachwirre Blödsinn der Kriegs- und Interventionsforschung offenbart relativ offensichtlich die T.I.N.A. Ideologie. So kann das Hamburger Institut für Friedensforschung Frieden und (militärische) Intervention, selbstverständlich als Sicherheitserfordernis verklärt, nur gemeinsam betrachten und als Spiegel analysieren. Ein weiteres Beispiel einer wissenschaftlichen Maskierung von Kriegsforschung ist der SFB 700, der unter dem kryptischen Namen Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit firmiert. Die Potsdamer Universität ist dabei etwas expliziter. Sie nennt ihren Studiengang, der Kriegseinsätze projektiert, schlicht military studies und ist sich nicht zu fein die Zusammenarbeit mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr zu verschleiern.

Als Feminist_in, so beschreibt Frank A. Schneider in der Vorlesung Die Diktatur des man aus der Reihe Jenseits der Geschlechtergrenzen, die von der AG Queer Studies an der Uni Hamburg veranstaltet wird, ist die Dekonstruktion der sprachlichen Reproduktion sexistischer und heteronormativer Wirklichkeitssimulationen schwieriger. Sie ist es nicht sonderlich verwunderlich, daß die Schwierigkeiten in deutschen linken Medien geschlechtsneutral zu sprechen als Bericht der weitgehend beschissenen Praxis referiert wird. Im Übrigen gibt es dabei einen kleinen Seitenhieb auf die Anti-D Theorie, die sich offenbar weitestgehend weigert geschlechtsneutral zu schreiben. Ich finde diesen Punkt allerdings reichlich einseitig und uninformiert ;-)

Auf jeden Fall läßt sich sein Vortrag bei der AG Queer Studies runterladen. Annalist hat heute darüber geschrieben und setzt die feministische Diskussion zur Relevanz einer geschlechtsneutralen Wahrnehumg und sexistischen Praxis fort. Der mädchenblog war ganz besonders aufmerksam und wies schon vor Weihnachten auf den Vortrag hin.

Der Vortrag ist auch deshalb interessant und schön, weil er eher anekdotisch eine sanfte feministische Konversion und zunehmende praktische Auseinandersetzung beschreibt, die weder predigen möchte, noch ethische Schamgefühle anspricht. Mir hat der Vortrag gefallen, weil Frank A. Schneider eindrucksvoll beschreibt, wie sich seine veränderte Sprachsensibilität auf seine Weltwahrnehmung und sein familiäres Umfeld auswirkte. So beschreibt er die Reaktion seiner ersten Tochter Max auf seine männliche Sprache wie folgt.

Wir haben uns gedacht, die kriegt auch einen Männernamen. Paßt auch gut zu ihr. Sie ist auch ein Max und sie ist heute neun und wenn ich sie frag‘, was sagen denn deine Lehrer dazu, und da sagt sie, „und Lehrerinnen“. Also, sie ist dann empört und weißt mich darauf hin, daß ich jetzt nur die Männer genannt hab.

Und, weil sich selbst im Vortrag von Frank ständig das ‚man‘ einschlich, zeigt sich, daß eine konsequente Nutzung und bewußte Etablierung einer geschlechtergerechte Sprache mehr als aktuell ist. Ich würde hierbei allerdings eher zum Unterstrich, dem sogenannten Gender Gap, tendieren. Das Binnen-I ist aus queerer Perspektive lediglich ein Schritt in die richtige Richtung, verfängt sich dann allerdings dennoch in einer dualen Genderwelt.

Also, unbedingt anhören!