Verführung, Züchtigung, Mißbrauch – Der Körper in der Kirche

Seit Ende Januar häufen sich die Meldungen zum Mißbrauch in konfessionellen Schulen und insbesondere in katholischen Bildungseinrichtungen. Im Berliner Canisius Kolleg sollen in der Gemeinschaft Christlichen Lebens, der Nachmittagsbeschäftigung für römisch-katholische Jugendliche, mehr als 20 Schüler_innen mißbraucht worden sein. Auch an anderen Schulen häufen sich die gemeldeten Fälle. Die Kirche reagiert mit einer merkwürdig unreflektierten, wenn nicht sogar selbstmitleidigen Bitte um Verzeihung, die sich zwar an die Opfer richtet, aber weder selbst-referentiell argumentiert, noch Konsequenzen in Aussicht stellt. Außerdem bleiben Opfer, wie Täter_innen gesichtslos. Der römisch-katholische Klerus und seine Vertreter_innen beweisen erneut, daß sie unfähig sind ihre körperfeindliche Ideologie zu hinterfragen.

Meines Erachtens gibt es im römisch-katholischen Glauben (mindestens) zwei Katalysatoren für die Prädestination zum körperlichen und sexuellen Übergriff. Zum einen ist es die Körperfeindlichkeit, die sich aus der Sakralisierung des unberührten Körpers, der entsexualisierten Empfängnis und der Geburt als Ursünde speist. Zum Zweiten sozialisiert und institutionalisiert das Zölibat eine körperfeindliche Lebensform, die Abgrenzung und Exklusivität nach außen sowie nach innen suggeriert. Das Ergebnis ist eine Ideologie der Angst vor dem sinnlichen Körper, der als Verführer_in erscheint und gebändigt werden muß. Außerdem richtet sich der moralische und sittliche Kontroll- und Machtanspruch des Klerus in der Betonung des Geistigen und Geistlichen gegen jede vermeintlich unkontrollierte und reglementierte Äußerung des Körpers.

Erwähnenswert ist, daß die Märtyrerlegende des christlichen Messias erst im Mittelalter zunehmend an Gewicht gewinnt. Der Leidende Jesus am Kreuz und das Zölibat, womöglich als Übertragung des Leidens an der Welt, sind in anderen christlichen Kirchen unbekannt und nicht kanonisiert. Selbst die Hölle mit all ihren Monstern, mannigfaltigen Vorhöllen und immerwährenden Qualen existiert lediglich im westlich-christlichen Kontext.

Die Ursünde

Während das Wunder der unbefleckten Empfängnis in der Ostkirche der Beginn des Erlösungsweges ist, ergänzt die römisch-katholische Kirche diese göttliche Intervention – die Menschwerdung des Schöpfers – durch das Konstrukt der Ursünde. So wird die ohnehin schon vergeistigte und entsexualisierte Empfängnis stigmatisiert und der leibliche Akt der Empfängnis und der Geburt lediglich durch das Wunder der Entkörperlichung sowie dem unabwendbaren Kreuzestod für die Sünden der Welt geheilt. Das heißt aber auch, das jede Geburt (die nicht unbefleckt oder mindestens keusch empfangen wurde) die Ursünde in sich trägt und mit jeder neuen Generation vererbt wird.

Es ist also der Körper, oder besser das Körperliche, was überwunden werden muß um Erlösung zu erfahren. Die Reglementierung, in der geistlich radikalsten Form die Tabuisierung und Abspaltung sexueller Praktiken, ist die direkte Konsequenz solch einer Ideologie der Sakralisierung des entsexualisierten und vergeistigten Leibes. Körperfeindlichkeit ist sein Credo. Die Verklärung des sinnlichen Körpers als Verführungsobjekt, der verhüllt und gebändigt werden muß, gehört dazu.

Das Zölibat

Das Zölibat macht dieses körperfeindliche Postulat gesellschaftsfähig und setzt es in ein soziales Programm um, das ihre Protagonisten als elitär abhebt und eine politische Exklusivität institutionalisiert. Während die ersten Asketen und Väter der Mönche sich ganz von der Welt und den Menschen absonderten um sich kontemplativ (egoistisch) dem Schöpfer zu nähern, separiert das Zölibat eine geistige und geistliche Eunuchenelite innerhalb der Gesellschaft und überhöht sie am zum allein selig machenden Ideal. Der moralische und sittliche Anspruch kollidiert hierbei allerdings mit dem Bedürfnis nach Gemeinschaft – nach der communio.

Die Ostkirche löst dieses Dilemma in der Betonung der Liturgie, dem gemeinsamen, rituellen Erlebnis, die in der Apotheose der körperlichen Einheit mit dem Schöpfer und Erlöser unter Anwesenheit des Heiligen Geistes kulminiert. Die Kirche wird liturgisch und so zum Ort des vitalen und sinnlichen Erlebens der Einheit. Die biologistische Überhöhung der Gemeinde als Kirchenkörper und seiner Mitglieder als Liebende ist geradezu nicht körperfeindlich, sondern ganz im Gegenteil sinnlich aufgeladen. Deshalb ist es nur konsequent, daß im ostkirchlichen Raum der Priester nicht entsexualisiert und aus (weltlichen) Beziehungen herausgelöst wird. Die weltabgewandte Kontemplation und entkörperlichte Lebensweise wird den Mönchen überlassen, die ihr Ideal im ungeschaffenen Licht vom Berg Athos suchen.

Die römisch-katholische Kirche dagegen hat bis zur kirchenrechtlichen Kanonisierung des Zölibats ihren Haß auf die Welt und die Menschen auf Grundlage der Exklusivität des Mönchtums in Einheit mit dem Klerus kultiviert. Der kirchliche Machtanspruch im gesellschaftlichen Rahmen leitet sich sowohl historisch als auch politisch aus dieser Vorstellung der moralischen und sittlichen Exklusivität ab. Das Unfehlbarkeitsdogma des I. Vaticanums unterstricht diesen gegenaufklärerischen Machtanspruch und zementiert den Willen zur Macht über den Körper.

Eine andere Kultur des Todes

Damit setzte und setzt sich bis heute die klerikale Heilige Gemeinschaft der römischen Katholiken selbst außerhalb der Gesellschaft und verweigert sich privaten, sozialen und politischen Beziehungen außerhalb ihres Missionsauftrages. Die erzwungene Beziehungslosigkeit gerät dabei in Konflikt mit den weltlichen Symbolen von menschlichen Beziehungen.

An Schulen und in anderen Institutionen, wie zum Beispiel die Meßdiener_innen, in denen zölibatär lebende Priester_innen, Nonnen und Patres zunehmend sinnliche Körper erleben, stoßen sie nicht selten an die Grenze ihrer Beziehungslosigkeit. Die Beichte, in der Jugendliche ihre erwachende Sexualität schamhaft präsentieren und vertraulich um Beistand und moralische Hilfe bitten, ergänzt die private Nähe um den Aspekt der Zurückweisung und lediglich funktionalen Existenz des Menschen Priester. Die aufkeimenden sexuellen Beziehungen der jungen Lämmchen zerrt die eigene priesterliche Beziehungsunfähigkeit jedes Mal neu ins Bewußtsein und öffnet womöglich eine Vorstellung von dem, was hätte sein können.

Der bewußten Entscheidung gegen die Welt, einst aus Idealismus und caritas getroffen und jahrelang eventuell quälend erneuert, wird im Umgang mit jungen Menschen eine andere Möglichkeit jenseits der eigenen Beziehungslosigkeit beiseite gestellt. Die beinah schon melodramatische Konstellation der unmöglichen Option einer körperlichen Liebe muß deshalb erst theologisch in sich selbst und dann im anderen abgetötet werden.

So nimmt der Mißbrauch als Pädophilie oder Züchtigung der pubertären jungen Menschen die (priesterliche) Beziehungslosigkeit voraus und gebärt sie wieder. Die Kontrolle über den eigenen und den fremden Körper, der als verführender auftritt, ist wieder hergestellt.

Die Abwesenheit des mißbrauchten Körpers

Die Abwesenheit der Opfer im Kontext von Mißbrauchsfällen in kirchlichen Institutionen ist deshalb nur konsequent. Schließlich müßte eine Reflektion über sie und ihre mißbrauchten Körper zu einer Auseinandersetzung mit den eigenen körper- und sexualfeindlichen Dogmen führen. Dann wäre allerdings die Ideologie der moralisch und sittlichen Superiorität gefährdet. Außerdem müßte der geistliche und gesellschaftliche Primat des römisch-katholischen Klerus hinterfragt werden.

Deshalb heulen die Patres lieber rum, bitten reumütig um Verzeihung und glauben offenbar so sich selbst verzeihen zu können. Ihr Interesse besteht allerdings lediglich darin die kanonischen Traditionen zu bewahren und Mitleid zu erzeugen. Schließlich würde das Kirchenvolk und bestimmt auch der Rest des gesunden Volkskörpers für Pädophilie die Todesstrafe wieder einführen. Die Unfehlbarkeit der römisch-katholischen Kirche und ihrer Dogmen sowie ihre moralische Reputation wäre dahin, wenn jemensch dahinter käme, daß auch der Klerus sich nicht von der verrotteten Gesellschaft, wie konservative Revolutionäre und andere Reaktionäre gerne imaginieren, unterscheidet.

Dennoch gibt es eine Differenz zwischen der weltlichen und der geistlichen Wirklichkeit. Die römisch-katholische Kirche hat seit ihrer Emanzipation von den anderen catholischen Patriarchaten ihre Sonderstellung durch eine massive Körperfeindlichkeit, Sakralisierung der entleiblichten Existenz sowie der individuellen, sozialen und politischen Absonderung kanonisiert. Die Macht der Kirche ist deshalb unmittelbar mit der Kontrolle über den Körper verknüpft. Der ist die leibgewordene Verführung, die gezüchtigt werden muß und wenn nötig, so sheint es, auch missbraucht werden darf. Schließlich droht zudringlichen Patres udn Nonnen lediglich die Versetzung oder Suspendierung, während römisch-katholische Priester, die in einer Lebenspartnerschaft leben und sich zu ihr bekennen mit Exkommunikation bedroht sind.