Gott ist die Liebe – Ohne Fleischeslust!

Gott liebt alle. ER ist so blind, wie die Gerechtigkeit. ER schaut nicht nach Wohlstand, Status und Stellung. ER schaut ins Herz und scannt die Tugend. Gott mag sogar Homosexualität und Körper. Nur komisch, daß seine Vertreter_innen da ganz anderer Meinung sind und ständig (sexuellen) Mißbrauch mit vermeintlich schwulen Neigungen ihrer Priester verknüpfen. Dabei verdrängen sie (bewußt), daß körperliche und seelische Mißhandlungen in der Kirche sehr viel differenzierter sind und, wie ich schon an anderer Stelle diese Woche ausgeführt habe, sehr wohl zur körperfeindlichen Theologie des Leibes der römisch katholischen Kirche (RKK) gehören.

Die Eindimensionalität und der Beißreflex des römisch-katholischen Klerus setzte unmittelbar nach den Diskussionen über den sexuellen Mißbrauch an den deutschen Jesuitenschulen ein. Den Patres wurde sofort eine verdrängte Homosexualität attestiert, die sie zum Mißbrauch trieb. Außerdem wurde der Fokus auf individuelles Fehlverhalten verschoben. Die prompten Entschuldigungen der priesterlichen Chefs baten konsequenterweise lediglich um Verzeihung, ohne die eigenen Sexual-, Tugend- und Moraldogmen zu reflektieren.

Der Beißreflex der mannigfaltigen Verteidiger_innen der RKK und seiner Glaubensrealität bezog sich immer wieder darauf, daß Mißbrauch und Mißhandlung nicht nur in der Kirche stattfinden, sondern auch im Rest der Gesellschaft. Dieser Abwehrdiskurs wurde jedoch von den Kritiker_innen nur marginal bemüht. Die Behauptung, daß es in der römisch-katholischen Kirche schlimmer wäre, gab es nicht.

Ein Beispiel der problematischen Vereinfachung des Diskurses um den Mißbrauch am Canisius Kolleg in Berlin lieferte Martin Lohmann, rechtskonservativer Publizist und Sprecher des Arbeitskreises engagierter Katholiken in der CDU und CSU (AEK) in der Frankfurter Allgemeinen.

Pädophilie und Homosexualität sind nun einmal kein Spezifikum der katholischen Kirche. All diese pauschalen Schuldzuschreibungen sind zu simpel. Am wenigsten ist die Sexuallehre der Kirche verantwortlich.

Damit verknüpft er sexuelle Übergriffe auf junge Menschen mit Homosexualität – was lediglich Veröffentlichugnen aus dem Klerus taten – als ob beides selbstverständlich zusammengehören würde. Noch besser ist aber, daß die Kirche – also der Klerus und seine zölibatären Beamten – dafür keinesfalls verantwortlich sein können. Schließlich gehören sie lediglich einer mit Jesus Christus verbundenen Heilsgemeinschaft an, die aus Einzelpersonen besteht. Nur frage ich mich, warum es strenge hierarchische Strukturen in diesem System gibt, die penibel die Achtung der Dogmen und Einhaltung der päpstlichen Anweisungen überwachen.

Schlimmer findet Lohmann die ausifernde Promiskuität in der gesellscahft. Zügelloser Sex und die sexualisierung der Gesellschaft sind für ihn Schuld daran, daß Patres zudringlich werden. Merkwürdig nur, daß die kolportierten Fälle vor allem aus den 70iger und 80iger jahren stammen.

Aber es geht Lohmann schließlich nicht darum sich mit seiner Kirche auseinander. Schließlich sind dort Einzelpersonen versammelt, die zufällig an dasselbe glauben. Er will als rechtskonservativer Kritiker die abgrundtief schlechte Gesellschaft, die sich gar nicht wehren kann (sie ist schließlich kein Mensch) für Pädophilie und Mißbrauch verantwortlich machen.

Deshalb erklärt Lohmann im selben Artikel, was für ihn ein natürliches und erwünschtes Sexualleben bedeutet.

Hier geht es um Ehrfurcht und um die Erkenntnis, dass Gott den Menschen erschaffen hat als Mann und Frau, die einander ergänzen. Die Kirche betont daher zu Recht die Kostbarkeit eines geordneten Sexuallebens, in dem Freiheit und Verantwortung gelebt werden.

Die heteronormale Gesellschaft und die vernünftig natürliche Schöpfung werden untrennbar verküpft um gegen eine vermeintliche herrschenden durchsexualisierten Diktatur des Relativismus zu polemisieren. Lohmann wünscht sich deshalb lieber eine barocke, ehrfürchtige, wahrscheinlich eine entsexualisierte Sexualität, eine hohe Erotik ohne Fleischeslust, die lediglich Triebbefriedung sein soll. Toll!

Bei soviel Leibfreundlichkeit und Erotik von Lohmann erschreckt die Rechtfertigung von Eberhard von Gemmingen, dem adligen Jesuiten und ehemaligen deutschen Sprecher von Radio Vatikan, gegenüber der Heilbronner Stimme zum Mißbrauch am Canisius doch sehr.

Es ist fatal, nun den ganzen Orden schlecht zu machen. Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen.

Auch wenn er diesen Passus aus freien Stücken streichen ließ, weil dieser Vergleich mit den Juden unzutreffend sei, bleibt doch ein Würgereiz. Aber das ist eine ganz andere Geschichte . . .