Im Westen was neues – Neue deutsche Opfermythen

Die deutsche Fluchtbewegungen aus dem Osten sind seit Jahren fester Bestandteil des deutschen Opfermythos. Die adligen und bäuerlichen volksdeutschen Nicht-Pol_innen, Nicht-Tschech_innen, Nicht-Rumän_innen und Nicht-Ungar_innen konnten erfolgreich zu Opfern sowohl der Nazis als auch der Allierten transformiert werden. Mit dem deutschzentierten Zentrum gegen Vertreibung in Berlin wurde dieser glättende und verharmlosende Opfermythos institutionalisiert. In den Diskurs um Deportation, Vertreibung, Flucht und Vernichtung werden, wie selbstverständlich, deutsche Osteuropäer_innen einbezogen. Nun folgt die Ausweitung dieses konstruierten Opfermythos auf die von Nazis im Westen besetzte Länder. Vorreiter sind die Niederlande, die mit der Aufarbeitung der Operation Black Tulip deutsche Deportationen nach 1945 aufarbeiten wollen.

In dem Buch Operatie Black Tulip von den niederländischen Autor_innen an Sintemaartensdijk und Yfke Nijland, das mit Materialien aus der populären Doku-Sendung Andere Tijden entstand, schildert anhand des Schicksals zweier deutscher Familien die Geschichte der Internierung und Ausweisung deutscher Familien aus den Niederlande nach 1945 im Rahmen der Operation Black Tulip. Gestern widmete sich das Deutschlandradio in ihrer Literatursendung andruck diesem Thema und kommt zur haarstäubenden Erkenntnis, dass damals auch Deutsche Opfer waren und dass auch Niederländer sich schuldig machten.

Dem deutschnationalem Propagandaorgan Deutschlandradio geht es hierbei um nichts weniger als die umfaßende Verallgemeinerung des deutschen Opfermythos, der bisher zumeist die Fluchtbewegungen aus Osteuropa und, wie im Fall von Dresden, die Flächenbombardements deutscher Städte betraf.

Während über das Schicksal der Ost-Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieges vieles bekannt und dokumentiert ist, so blieb die Geschichte der deutschen Flüchtlinge aus dem Westen lange unbeachtet. Obwohl es mehrere tausend Deutsche waren, die nach Kriegsende aus den Niederlanden vertrieben wurden. Die Operation hatte den Code-Namen „Black Tulip“– Schwarze Tulpe.

Annette Birschel, die Autorin des Beitrags, die für den Evangelischen Pressedienst und andere protestantisch christliche Publikationen schreibt, bezeichnet die Ausweisungen der Deutschen konsequent als Deportationen. Die exemplarisch ausgewählten Schicksale der deutschen Familien werden zu Opfern der Operation Black Tulip und der größten Vertreibung in der Geschichte der Niederlande von 1946 bis 1949 stilisiert.

Damit verdrängt sie bewußt, denn es paßt schließlich nicht in das Bild vom umfassenden deutschen Opfermythos, daß zwischen Juli 1941 und September 1944 circa 100 Tausend Jud_innen aus den Niederlanden in den Tod deportiert wurden. Sie verschweigt, daß als Reaktion auf die niederländische Operatie Black Tulip die britischen Allierten ungefähr 100.000 Niederländer_innen aus Deutschland auswiesen. Ebenfalls unerwähnt bleibt, daß mehrere Stufen der Ausweiung geplant waren. Zunächst sollten diejenigen Reichsdeutschen das Land verlassen, die nach Kriegsbeginn zumeist als Arbeiter_innen ins Land kamen. Danach waren die Jahrgänge betroffen, die nach 1932 kamen, was auch politische Flüchtlingen und Jud_innen betroffen hätte. In einer dritten Phase sollten jene ausgewiesen werden, die als Armutsflüchtlinge in den 20igern in die Niederlande kamen.

Der Umstand, daß lediglich 3.500 von geplanten 25.000 Betroffenen – was im Vergleich zu den britischen Ausweisungen und den Deportierten einfach nur lächerlich ist – wird von Birschel süfisant auf eine veränderte politische Lage zurück geführt. Der Protest gegen die Behandlung der Deutschen, offenbar hauptsächlich vom katholischen Klerus (was sie als Protestantin scheinbar nicht verkraften kann), wird offensiv marginalisiert. Die Widerstände in der niederländischen Bevölkerung gegen diese Nazimethoden muß Birschel ebenfalls klein machen. Schließlich braucht sie deutsche Opfer!

Die rechtskonservative Welt, die sich ebenfalls mit diesem Thema befaßte, geht allerdings noch einen Schritt weiter. In dem Artikel kulminiert die Märtyrergeschichte der deutsch-niederländischen anderen Vertriebenen, die durch Willem Drees, einem offenbar rachsüchtigen, bösartigen Sozialdemokraten und Buchenwaldüberlebenden, abgeschoben (!) wurden, in der absurden Forderungen nach einer Entschuldigung durch die niederländische Regierung und Entschädigungszahlungen, die perfiderweise der Buch-Autorin Nijland in den Mund gelegt werden.

Da fällt mir nur ganz yokquetschenpauamäßig Großdeutschland how are you und totaler Opfermythos über alles ein!