„Missbrauch ist Mord an der Seele“

Sagte Mertes, Jesuit und Rektor des Berliner Canisius Kollegs, in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Er erzählt, daß sich immer mehr Opfer bei ihm melden. Der Jesuitenpater geht davon aus, daß nur an seiner Institution wahrscheinlich mehr als hundert Fälle geben wird. Die Vertrauensbasis zwischen den Opfern, der von den Jesuiten beauftragten Anwältin Ursula Raue, die die Mißbrauchsfälle sammeln und aufarbeiten soll, scheint zwiespältig. Zum einen melden sich bei ihr und Mertes Betroffene auch von anderen katholischen Schulen. Andererseits haben sich einige Opfer eine eigene Vertretung gesucht.

Im Interview mit radio eins spricht die Berliner Anwältin Manuela Groll über die Enttäuschungen ihrer Mandanten, die kein Vertrauen in die kirchliche Hierarchie und Aufarbeitungsstrukturen haben.

Das ist nicht sonderlich verwunderlich. Schließlich gab es bis auf die Abbitte des Jesuitenprovinzials Dartmann, Entschuldigungen und der stillen Aufarbeitung wenig Anlaß das eigene Versagen zu reflektieren. Die katholische Sexualmoral und das Schweigekartell im Klerus wurde nicht durchbrochen. Es reden wenige und verharmlosen viele. Die Diskussion in den katholischen Kreisen wird mal bewußt, mal unbewußt auf sexuellen Mißbrauch, Homophobie, eine sexualisierte und unmoralische Gesellschaft fokussiert oder als nicht signifikant – das heißt im Soziologendeutsch tendenziell irrelevant im Vergleich zum Rest der Gesellschaft – charakterisiert. Verdrängung, Abspaltung und Verharmlosung gehen hierbei ineinander über.

Der Jesuitenpater und Rektor des Canisius verwirft diese scheinheiligen begrifflichen Diskussionen.

Ich streite mich nicht um Worte, schließlich geht es hier um entsetzliche Verbrechen an Kindern und Jugendlichen. Missbrauch ist Mord an der Seele.

Für ihn, wie für mich auch, sind ausgefeilte Bestrafungsrituale und körperliche Züchtigung Übergriffe. Eine Unterscheidung zwischen sexuellem Mißbrauch, daß heißt Zudringlichkeiten und Übergriffe als sexualisierte Gewalt, und körperlichen sowie seelischen Mißhandlungen mache ich – und Mertes offenbar auch – nicht.

Einer der Täter, der Pater Wolfgang S., der zur Zeit in Chile seinen Lebensabend verbringt, sieht das anders. In einem Interview mit der Zeit äußert er folgendes.

Dennoch möchte ich klarstellen, dass ich bei meinen Vergehen nie sexuelle Erregung gesucht oder empfunden habe. Dass ich zu keiner Zeit meines Lebens mit Minderjährigen Sexualkontakt im Sinne von Genitalberührungen, Penetration, Vergewaltigung, Exhibitionismus oder Voyeurismus gehabt habe. Ich kann aber nicht ausschließen, dass sich manche meiner Opfer auch sexuell missbraucht gefühlt haben bzw. sich im Nachhinein sexuell missbraucht fühlen.

Interessant ist allerdings auch die geschlechtliche Komponente.

Die Frage nach einem Profil meiner Opfer habe ich mir nie gestellt. Was das Alter angeht, handelte es sich in den ersten Jahren fast ausschließlich um 10- bis 12-jährige Kinder; später verschob sich der Schwerpunkt auf 14- bis 16-jährige Heranwachsende. Die Betroffenen waren fast ausschließlich Jungen. Das lag an den Umständen: Es gab zu wenig Mädchen in meiner »pädagogischen« Umgebung (die Schulen stellten erst im Lauf der Jahre auf Koedukation um).

Diese widerliche Äußerung spricht absolut dagegen, daß die mißhandelnden Patres und Nonnen aufgrund vermeintlicher homosexueller Neigungen übergriffig wurden. Vielmehr bestätigt sie meine These von den maßgeblichen Macht- und Kontrollmechanismen, die sich im Mißbrauch aggressiv und gewalttätig manifestieren. Eine verdrängte Homosexualität mag in anderen Fällen ausschlaggebend sein. Allerdings würde ich behaupten, daß diese Übergriffe im Vergleich zu anderen körperlichen und seelischen Mißhandlungen marginal sind.

Noch wichtiger, als die Verschiebung und Fokussierung der Diskussion hinsichtlich des sexuellen Mißbrauch, ist aber, das fortgesetzte Schweigen der Kirche zu der eigenen Verantwortung. In dem Interview mit der Berliner Zeitung beschreibt Mertes zum Bespiel, daß er schon in den 90iger Jahren von Mißbrauchsgerüchten gehört hätte, die am Canisius kursierten. Pater Hermann Breulmann, heute in München, damals aber Rektor am Canisius erläuterte gegenüber dem Tagesspiegel zu Beginn des Skandals, daß er nicht mal Gerüchte vernommen hätte und über die Vorwürfe geschockt wäre. Da frag ich mich schon: wer lügt? Mertes? Oder Breulmann?