Olympia in Vancouver – Mit Sport hat das wenig zu tun

Als 2008 die Olympischen Sommerspiele in Beijing stattfanden, entrüsteten sich nicht nur wir, sondern zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, Tibetfreund_innen und andere konservative Antikommunist_innen. In Vancouver sind aber nur die indigene Bevölkerung und die Sportler_innen selbst akut gefährdet. Den einen wurde das Land gestohlen. Denn anderen wollen die kanadischen Veranstalter_innen, das Olympische Komittee, die Sportverbände und allen voran die Sponsoren ans Leben. Beides interessiert Menschenrechtsorganisationen nicht!

Als damals die chinesischen Sicherheitsbehörden den Onlinezugang für Journalist_innen zensierten, gab es einen riesen Aufschrei. Jede_r mußte und durfte die Menschenrechtsverletzungen im letzten sozialistisch staatsbürokratischem Kapitalismus anprangern. Die politische Zensur wurde weltweit zu Recht theamtisiert. Unerwähnt und unreflektiert blieben die ökonomischen Interessen der zahlreichen Sponsoren.

In Vancouver läuft die Aufhebung der Kritik subtiler und betrifft marginalisierte Interessen. Zum einen schafften es die Organisatoren integrierte sogenannte First Nations Vertreter_innen in die Organisation der Spiele einzubinden und vermeintlich emanzipative sowie antidiskriminierende Ansätze umzusetzen. Auf der Strecke blieben nonkonformistische indigene Kollektive, ökologische, soziale und gesellschaftliche Aspekte. Aber das bleibt unerheblich. Schließlich müssen die ökonomischen Interessen des IOC, der regionalen Politik und den Sicherheitsorganen gesichert werden.

Einige leisten dennoch Widerstand und thematisieren offen den ökonomischen Kolonialismus, die ökologische Zerstörung, Sozialab- und Sicherheitsaufbau, zunehmende Obdachlosigkeit, Sexismus und sexistische Ausbeutung, Korruption und die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes.

The Olympics are not about the human spirit & have little to do with athletic excellence; they are a multi-billion dollar industry backed by powerful elites, real estate, construction, hotel, tourism and television corporations, working hand in hand with their partners in crime: government officials & members of the International Olympic Committee (IOC).

Ein weiterer Punkt ist die grottenschlechte Organisation der Spiele und die massive Gefährdung der Athlet_innen. Schon vor der Eröffnung stirbt ein Rodler bei einem Trainingslauf. Der Simulation einer internationalen Olympischen Gemeinschaft stockt aber nur kurz der Atem. Beim alpinen Abfahrtslauf stürzen wieder Sportler_innen und verletzen sich massiv. In der Loipe bricht sich eine Athletin die Rippen und reißt sich das Lungenfell auf. Gestern stürzten beim Zweierbobtraining mindestens acht Crews. Hinzu kommen zahlreiche technische Ausfälle an verschiedenen Austragungsorten.

Und was passiert? Zum vermeintlichen Schutz der Athletin_innen werden die Organisator_innen und die verschiedenen Weltverbände hektisch und möglichst unter Ausschluß der Öffentlichkeit über Nacht aktiv. Sie bauen Gerüste, tragen Hänge ab, ziehen die Loipe nach und verpassen – ganz freundlich und mit dem Hinweis auf Sponsoren sowie die Einnahmen – Sprechverbote für Sportler_innen, Trainer_innen und Journalist_innen. Ausschließlich die Offiziellen des Weltverbandes dürfen sich äußern, was sie allerdings nicht tun. Schließlich geht es darum, der Öffentlichkeit Harmonie, Kraft und Freude zu präsentieren. Tod, Verletzungen und Angst passen dabei gar nicht gut ins Bild.

Mit Zensur hat das selbstverständlich wenig zu tun. Nur mit der Sicherung des ungestörten (zeitlichen und kommerziellen) Ablaufs der Olympischen Spiele. Deshalb werden, wie dem toten Georgier, Fahrfehler attestiert und eine vermeintliche Unerfahrenheit bescheinigt. Nur blöd, daß sowohl bei der alpinen Abfahrt und dem Bobtraining Weltcupführende, Europameister und andere hervorragende Sportler_innen in Stürze verwickelt waren.

Außerdem, was ist das bloß für ein zynisches Argument, daß eine vermeintliche Unerfahrenheit und Fehler zu massiven Verletzungen und dem Tod führen können. Ich würde glatt behaupten, die Verbände, die wohl maßgeblich an der technischen Aufwertung der Wettkämpfe beteiligt waren, folgen einem fatalen, sozialen sportlichen Darwinismus, der die Selektion der physisch und psychisch Schwachen Athlet_innen forciert.

In jedem Fall muß alles hübsch ruhig bleiben. Lächeln ist erlaubt. Angst nicht. Widerstand darf es gar nicht erst geben. Deshalb wird nur über die glänzenden Medialen berichtet. Die glänzen so nett und ungefährlich. Die Stürze darf niemensch sehen! So verschwinden die Bilder dann auch ganz schnell wieder. Schließlich ist es eine private Firma, die Presseerklärungen, Teaser, Übertragungen und Interviews bereit stellt.

Mit Sport hat das wenig zu tun! Mit einer spektakulären Simulation pharmazeutisch auf Höchstleistung konditionierter Athlet_innen zum Zwecke der kommerziellen Vermarktung schon sehr viel mehr. So schnell werden aus Sportler_innen entkernte Warenmonaden und Staatsbürger_innen. Oder vielleicht auch nur wandelnde Forschungsprojekte zur Aufwertung menschlicher Kapazitäten und der Optimierung des Humanmaterials.