Käßmann – Santo subito!

Sie war so unnahbar in ihrer Kraft und Stärke. Sie gab den Armen Seelen Beistand, wenn sie mit ihrem großen Auto vorfuhr. Sie erzählte, daß es nix Gutes gäbe in der Klimafrage und in Afghanistan. Aufrecht und energisch kämpft sie mit unmenschlichen Anforderungen und gegen Windmühlen. Sie soll das Gewissen der Nation sein, die übermenschlich mit den eigenen und seelsorgerischen Herausforderungen ringt. Das deutsche Volk mochte sie! Sie ist jetzt schon eine Ikone. Claus Röß, ein wahrer Prophet des Protestantismus singt (mp3, 3 min) ihr die erste Hymne – der Heiligen Margot. Jetzt fehlt nur noch die Konversation zum Katholizismus und ein Wunder!

Der Leidensdruck muß unerträglich gewesen sein, denn anders ist es nicht zu erklären, daß Margot Käßmann gleich von beiden Ämtern zurückgetreten ist. Was ging wohl vor im Kopf dieser starken Frau, was ging vor in ihrer Seele in den vergangenen drei Tagen seit ihrem fatalen Entschluß von Sonnabend Nacht. Wie oft wird sie es wohl bereut haben, daß sie sich derart alkoholisiert ans Steuer ihres Dienstwagens setzte, statt sich ein Taxi zu rufen.

Margot Käßmann – die Volksbischöfin, das Gesicht des deutschen Protestantismus und spätestens seit der unglückseligen Afghanistandebatte beinah schon das Gewissen der Nation. Zweifellos waren es der immense Druck, diese unmenschlichen Anforderungen, die sich ihr stellten und denen sie sich stellte. Mutig, energisch, aufrecht und dennoch bodennah. Ihre Natürlichkeit, ihre Glaubwürdigkeit, ihre große Beliebtheit im Volk weit über den überschaubaren Kreis der Kirchenbesucher hinaus, vielleicht hat sich das alles nun gegen sie gewendet […]

Denn mit ihr stürzt nicht nur eine hochverdiente Theologin und eine begnadete Seelsorgerin, mit ihr stürzt auch eine Ikone.