Systematischer Mißbrauch und ein klerikales Terrorregime

Es ist erschreckend und interessant zugleich, was der Rechtsanwalt und Sonderermittler Thomas Pfister zu den Zuständen im Benediktinergymnasium Kloster Ettal zu berichten weiß. Kinder und Jugendliche wurden, so berichten zahlreiche Opfer, willkürlich sowie kollektiv von den Patres bestraft. Bis in die 90iger Jahre war körperliche Züchtigung, wie die ARD berichtet, Teil der pädagogischen Konditionierung der jungen Zöglinge.

Obwohl sicherlich kaum jemand, auch des heutigen Klosterpersonals, es bestreiten wird, daß Pater Magnus seine pädophilen und homosexuellen Neigungen tatsächlich auslebte und dies auch grundsätzlich allen Erwachsenen bekannt war, ließ man ihn über Jahrzehnte hinweg gewähren.

Pfister beschreibt einzelne Details von Willkür und Sadismus gegenüber Schüler_innen durch einige Patres. Exzessive Gewalt kennzeichnete offenbar den Alltag bis in die 90iger Jahre. Sexueller Mißbrauch war die Ausnahme. Die Patres führten in der Klosterschule ein Terrorregime, meinten die Opfer. Somit zeigt sich wieder erschreckend, daß nicht nur sexueller Mißbrauch von den klerialen Strukturen gedeckt wurde, sondern vor allem die Züchtigung Heranwachsender ein probates und scheinbar notwendiges Mittel in den konfessionellen Erziehungsinstituten war.

Heute soll selbstverständlich alles anders sein. Wenn sich allerdings seit den 90igern alles geändert haben soll, es sehr viel offener und transparenter zugeht, warum mußte der Prior der Benediktinerabtei und Leiter der Klosterschule, Pater Maurus Kraß, am 26. Februar wegen der Verletzung der Meldepflicht von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs aus den Jahren 2003 und 2005 gehen? Warum gibt in der Pressekonferenz zum Zwischenbericht Pater Johannes Bauer – heute Lehrer am Benediktinergymnasium Ettal – selbst zu, daß auch er geschlagen hat?

Weil sich eben nichts verändert hat. Körperlicher und sexueller Mißbrauch sind systemische Bestandteile der zölibatären und patriachalen Strukturen. Die klerikale Omertà – das Gesetz des Schweigens und der Einschüchterung von Aussteiger_innen – funktionierte allerdings nicht nur hinter Klostermauern und im Vatikan.

Wie Monika Preis, eine Vertrauensperson der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern im Bistum Regensburg, in der Süddeutschen Zeitung berichtet, wurde sie 2003 mit Unterstützung eines Anwaltes, des Bistums und des betroffenen Paters zum Schweigen gebracht. Sie wendete sich vor circa sieben Jahren wegen eines Mißbrauchsverdachtes an den Ombudsmann des Regensburger Bistums und erhielt eine Unterlassungserklärung. Über den Vorgang erzählt sie Folgendes.

Eine Haushälterin erhob Vorwürfe gegen ihren Pfarrer. Er soll mit ihrem Auto nach Tschechien auf den Straßenstrich gefahren sein und dort Buben aufgesucht haben, außerdem soll er eine Art Ziehsohn gehabt haben, einen 16-jährigen Schüler, der bei ihm Tag und Nacht ein- und ausging. Auch im Schlafzimmer des Pfarrers.

Ich habe der Haushälterin damals, 2003, empfohlen, sich an den Ombudsmann des Bistums Regensburg zu wenden. Ich habe der Frau Mut gemacht.

Die Frau ging zum Bistum, wenige Tage später bekam ich ein Schreiben des Justiziars, dass auch ich mich zu den Missbrauchsvorwürfen äußern solle. Ich habe dann zurückgeschrieben, dass die Haushälterin diejenige sei, mit der der Ombudsmann sprechen müsse, nicht ich. Ich dachte, die Sache geht ihren Weg.

. . . wenige Tage später bekam ich einen Brief vom Anwalt des verdächtigen Pfarrers. Ich solle eine Unterlassungserklärung unterzeichnen, 1000 Euro Vertragsstrafe plus die Anwaltskosten. Ich solle die Vorwürfe nicht wiederholen. Dabei habe ich sie nie geäußert. Ich war geschockt, dass der Anwalt des Pfarrers überhaupt über meinen Namen und die Adresse verfügte. Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass das Bistum diese Daten an den Verdächtigen weitergegeben hat. Wirklich heftig.

Der beschuldigte Pater blieb offenbar bis jetzt in Amt und Würden. Der geschwätzige Ombudsmann, der eigentlich die Opfer vertreten und schützen sollte, scheint allerdings nicht mehr zuständig zu sein. Es gibt seit 2008 mit Birgit Böhm eine ausgebildete Kinder- und Jugendpsychologin als Diözesanbeauftragte im Arbeitsstab Sexueller Mißbrauch.

Der mißbrauchende Pater blieb dennoch bis heute unbehelligt. Schließlich hatte er zusammen mit dem Bistum für das Verstummen der Beteiligten gesorgt. Er durfte also sieben weitere Jahre mit dem Wissen des Bistums mißbrauchen und Kritiker_innen einschüchtern.

Der Skandal um Verführung, Züchtigung und Mißbrauch in römisch-katholischen Institutionen nähert sich immer mehr Papst Benedikt XVI., dem Wir-sind-Papst Ratze und ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation. Übrigens ist er für die Fortschreibung der katholischen Omertà verantwortlich, die auf lateinisch Crimen sollicitationis hieß und nun unter De delictis gravioribus firmiert.

Das römisch-katholische Gesetz des Schweigens funktioniert über das Beichtgeheimnis. Der_ie Täter_in beichtet entweder direkt der Glaubenskongregation – der einzigen universellen Gerichtsbarkeit für Patres / Nonnen – oder einem höheren Hierarchen. Damit bleibt die Verfehlung in jedem Fall innerhalb des Klerus. Denn die Verletzung des Beichtgeheimnisses ist gleichbedeutend mit Exkommunikation.

Der deutsche Papst war nicht nur für die theologische Verteidigung und Fortschreibung der katholischen Omertà zuständig, sondern sein (weltlicher) Bruder war just zu der Zeit Chef der Regensburger Domspatzen, als es dort zu sexuellen Übergriffen kam. Der andere Ratze, mit Vornamen Georg und selbst auch Pater, will in seiner Amtszeit als Domkapellmeister von 1964 bis 1994, wie schon soviele andere leitende Priester, nix mitbekommen haben.

Sehr viel pikanter ist allerdings, daß selbst im Vatikan Promiskuität und Sexualität durchaus gern gesehene Gäste sind. Wie die italienische la Repubblica am Donnerstag berichtete soll ein nigerianischer Chorsänger Callboys in den Vatikan geschleust haben. Der Spiegel bezieht sich auf die italienische Tageszeitung und berichtet, daß es für hohe Kleriker offenbar einen regelrechten Sexmarkt gab, der Bestellungen nach körperlichen Attributen befriedigte.

Die Krokodilstränen des Klerus helfen nicht mehr. Jede neue Veröffentlichung erschüttert die Kirche in ihren Grundfesten. Das Vertrauen in die Amtsträger_innen und ihr Verhalten ist zu Recht zerbrochen. Die römisch-katholische Kirche hat zur Zeit mehr Ähnlichkeiten mit der Mafia als mit einem sozialen Unternehmen. Da hilft auch nicht Bruder Paulus, der sich gegen Armut engagiert. Ich empfehle, sich aus diesem patriachalem und verschwiegenem Haufen zu verabschieden!

Eine andere mir schon immer suspekte Simulation von Emanzipation und Erlösung ist die sogenannte Reformpädagogik. An einer der renomiertesten Schule gegen Lebensfremdheit und Autoritarismus scheint jahrelang ein pädophiles Paradies befunden haben. In der Odenwaldschule, so berichtet die Frankfurter Rundschau, gab es Wecken durch das Streicheln der Genitalien, sexuelle Dienstleister, die für Oralsex eingeteilt wurden, für Lehrer an den Wochenenden und zum Teil sogar eine Weitergabe der Knaben und Mädchen an andere Interessenten.

Einer der Organisatoren des pädophilen Schwänzchen-wechsel-Dich Spielchen war wohl Gerold Becker, der von 1972 bis 1985 die Schule leitete. Der liebe Gerold setzte sich für eine ganz neue Schüler_in-Lehrer_in-Beziehung ein. Eine Spielart dieser Reformpädagogik war, daß ein Mädchen gemeinschaftlich mißbraucht wurde und ein Lehrer zuschaute. Vor seiner Lehrtätigkeit war Becker übrigens im kirchlichen Dienst tätig. Wo und womit er beschäftigt war, ist unbekannt.

Das Bild ist vom Surrealisten Max Ernst und nennt sich Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben