Rousseau, Familien, pädagogischer Eros und homoerotische Zentren

Mit der Odenwaldschule, dessen Homepage seit heute offline zu sein scheint, versinkt auch die protestantisch verwurzelte, nationalistisch konnotierte Reformpädagogik und ihre Kreise vollends im Mißbrauchsstrudel. Sind bei katholischen Bildungsinstituten vor allem Züchtigung und Gewalt die ausschlaggebenden Methoden, arbeitet das reformatorische Landerziehungsheime offenbar mit erotischen Methoden.

Die Zirkel scheinen hierbei als Familie konstruiert und in einem engen Abhängigkeitsverhältnis geführt zu sein. Die maßgeblichen Personen sind, wie telepolis in einem Artikel beschreibt, Gerold Becker, ehemaliger Direktor und Mißbrauchsorganisator an der Odenwaldschule, Hellmut Becker, ein umtriebiger und umstrittener Bildungsforscher, und Hartmut von Hentig, ebenfalls Pädagoge und jahrelang der Lebensgefährte von Gerold Becker.

Letzterer will vom systematischen Mißbrauch an der Odenwaldschule nix mitbekommen haben. Trotz der langjährigen sowohl persönlichen als auch professionellen Beziehung weist er eine Mitwisserschaft vehement als grotesk zurück.

Erschreckender ist allerdings, daß schon vor mehr als zehn Jahren der Mißbrauch an der renomierten Reformschule im Odenwald in Heppenheim durchaus bekannt war, die Schule und der Landerziehungsheimverband aber keinen Anlaß zur Aufarbeitung sahen. Wie in Misella’s Blog berichtet wird und auch in einem älteren Beitrag der Frankfurter Rundschau unter dem Titel Der Lack ist ab (pdf) nachzulesen ist, war Gerold Becker schon länger ein besonderer Freund vor allem von Schülern.

1998 – Zwei Altschüler setzen die Schule von ihrem selbst erlebten Missbrauch in der OSO in Kenntnis und nennen den ehemaligen Schulleiter Gerold Becker als Täter. Becker tritt von allen Ämtern zurück und sagt zu den Vorwürfen, dass er nichts sagt. Die beiden Altschüler fordern von der Schule Aufklärung, sonst gehen sie zur Presse. Die Schule macht nun das, was sie am besten kann, sie zeigt Betroffenheit, macht ein paar pädagogische Kunststückchen und erklärt das Ganze zu zwei bedauerlichen Einzelfällen und einem Einzeltäter. Ein kurzes Gespräch mit einem Systemanalytiker hätte Klarheit schaffen können. Es gibt keine einzelnen Opfer und keine einzelnen Täter in einem solchen System. In der Schule sah man keine Veranlassung irgendetwas zum Thema Aufklärung zu unternehmen.

Die Frankfurter Rundschau berief sich in ihrem Artikel auf die zwei Altschüler, die angewidert von Beckers Quasisakaralisierung in der Schule seinen Mißbrauch erst ihm gegenüber thematisierten, um dann an die Presse zu gehen. Dabei stellte sich heraus, daß schon in den 70iger Jahren der Reformer, der gerne dem pädagogischen Eros folgte und eine homoerotische Leidenschaft in sich entdeckte und ihr stattgab, im Lehrkörper der Odenwaldschule nicht unumstritten war. Seine schöpferischen Kräfte waren schon den sexuell befreiten Lehrer_innen in den 70igern zu viel. Die FR berichtete.

Bereits in den 70er Jahren kündigten mehrere Lehrer, weil sie den Zustand der „inneren Unordnung und Regellosigkeit“ unter Becker nicht mehr ertrugen.

Zehn Jahren nach dem ersten Skandal und der mangelhaften Aufarbeitung seitens der Odenwaldschule intervenierten die Mißbrauchsopfer, wie Misella berichtet, erneut.

2009 – Es kommt zu moderierten Gesprächen zwischen betroffenen Altschülern und Vertretern der Odenwaldschule. Die Altschüler waren nicht mehr so naiv wie 1999 und bestanden auf einem Moderator ihrer Wahl für diese Gespräche. Weitere Täter und weitere Betroffene wurden genannt. Es gab drei Treffen, es wurde viel gesprochen, getan wurde wenig. Ende des Jahres fand auf der OSO eine Informationsveranstaltung zum Thema statt, bei der die Konferenz und der leider nicht vollständig vertretene Vorstand detailliert über die Geschehnisse informiert wurden.

Trotz Betroffenheit und einer diskreten Auseinandersetzung mit den Vorkommnissen, die nun nicht mehr nur Gerold Becker, den charismatischen Guru der Reformpädagogik betraf, tat sich erneut wenig, so daß die nun mehr ungeduldigen Opfer der Schule ein Ultimatum setzten.

Dieses wurde nicht genutzt. Schließlich erschien gestern in der FR eine detalierte Aufarbeitung, der nur die Namen der Täter_innen fehlte.

Die Schule reagierte diesmal sofort. Die Seite der Schule ist offline. Vorher soll es noch ein Schuldeingeständnis gegeben haben, in der den Opfern der damaligen Missbrauchstaten die Solidarität ausgesprochen wurde.

Wir danken ihnen für ihren Mut und ihre Bereitschaft, sich mit uns gemeinsam einem Prozess der Aufarbeitung und der Versöhnung zu stellen. Ihr Mut ist uns heute bedingungslose Verpflichtung, das Geschehene aufzuarbeiten und uns unserer Geschichte zu stellen.

Außerdem sind einige Lehrernamen von der Seite verschwunden. Das Motto von Hartmut von Hentig ist ebenfalls, wie die ganze Seite, nicht mehr auffindbar.

Eine Verbindung zu den anderen konfessionellen Institutionen unter Mißbrauchsverdacht existieren im Übrigen ebenfalls. Hartmut von Hentig, der an der Odenwaldschule ein Platon-Archiv eingerichtet hatte und der jahrelang der Lebensgefährte von Gerold Becker war, werden gute Kontakte zur Jesuitenschule St. Blasien, dem Canisius Kolleg und dem Klostergymnasium Ettal nachgesagt. Waren die guten Beziehungen vielleicht auf den Brauch zurückzuführen an Gäste sexuelle Dienstleister_innen zum Mißbrauch – wie zum Beispiel der Massenvergewaltigung – zu überlassen?