Auf dem Weg zur ethnisch sauberen, deutschen Opferstiftung

Nach der zweiten Sitzung zur inhaltlichen Konzeption der Ausstellung Flucht und Vertreibung sind zwei weitere Mitglieder_innen aus dem wissenschaftlichen Beirat ausgestiegen. Zum einen ist dies die Historikerin Prof. Dr. Kristina Kaiserová aus Ústí nad Labem. Außerdem zog sich die Publizistin Helga Hirsch, die dem Bund der Vertriebenen und Erika Steinbach nahe steht, aus dem Gremium zurück. Lediglich ein nicht-volksdeutscher ist im Beirat verblieben. Mal sehen, wann der geht.

Unklar ist, was im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung abgeht. Im Dezember zog sich der polnische Histriker Tomasz Szarota zurück. Er wollte nicht das Feigenblatt für eine deutschzentrierte Aufarbeitung sein. Ihn hat wohl am meisten angekotzt, daß die Konzeption lediglich die deutsche Perspektive thematisieren will und so die Heimatvertreibung zum einem der schrecklichsten Ereignisse des Zweiten Weltkrieges macht. Diese Perspektive war für Szarota nicht haltbar!

Der Rücktritt von Kaiserová verweist erneut auf die Unerträglichkeit des deutschen Opfermythos, der in der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung und dem geplanten Museum historisch gerinnen soll. Es ist ekelhaft, wie vehement das deutsche Martyrium in einer neuen demokratisch weichgespülten Passionsgeschichte zusammenfließt.

Das an eine europäische Kontextualisierung und wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der Vertreibungen nicht gedacht wird, beweist nachdrücklich, wie stümperhaft und konzeptlos der Beirat geführt wird. Seit seinem Bestehen gab es lediglich eine Sitzung. Szarota wollte sich engagieren und hatte sich Gedanken gemacht. Er wurde allein gelassen. Eine ähnliche Frustration muß Kaiserová ebenfalls zu ihrem Schritt bewogen haben.

Bei Hirsch sieht es anders aus. Sie ging offenbar aufgrund des politischen Drucks aus der Linkspartei und der SPD. Ihre Nähe zu rechtskonservativen und antipolnischen Kreisen brachte sie mächtig unter Druck. Die Dominanz der 500.000 sogenannten Vertriebenen wird trotzdem weiter bestehen. Schließlich ist eine neue Opfergeschichte von der sozialdemokratischen bis zur konservativen bürgerlichen Mitte erwünscht. Damit Deutschland, das Land der Täter_innen, sich kollektiv an die Seite der Naziopfer stellen kann.