Gängeviertel Diskussionsreihe II – „Kreative Freiräume ohne Gentrifizierung – ist das in Hamburg möglich?“

Gängeviertel Im August wurde das zentral in der Hamburger Innenstadt gelegene Gängeviertel besetzt und als Freiraum erklärt, um es vor dem Abriss durch einen niederländischen Investor zu bewahren. Die Aktion hatte Erfolg, denn im Dezember wurde das historische Viertel für 2,8 Millionen Euro von der Stadt zurückgekauft. In den letzten Tagen wurde die Nutzung zahlreicher „öffentlicher“ Gebäude der Besetzer durch das Bauamt aufgrund von Sicherheitsmängeln untersagt, so dass die heutige Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Gentrifizierungsdebatte im nahegelegenen U-Bahnhof Gänsemarkt stattgefunden hat. Inwiefern diese Sperrung durch das Bauamt als Schikane bezeichnet werden kann ist fraglich, die Bausubstanz jedenfalls sieht in der Tat auf den ersten Blick nicht zwingend vertauenserweckend aus.

An der Diskussionsveranstaltung, die trotz der kreativen Verortung pünktlich um 18.30 Uhr losgegangen ist, nahmen neben etwa 150 ZuhörerInnen und zwei Polizisten Prof. Dr. Jens Dangschat, Soziologe an der TU Wien und Verfasser der Studie „Gentrification in der inneren Stadt von Hamburg“, und Klaus Overmeyer, Berlin Stadtplaner und Verfasser der kürzlich erschienenen Studie „Kreative Mileus und offene Räume in Hamburg“, teil. Der Kälte versuche man durch Decken und Tee beizukommen, was aber bei der Menge an Interessierten nur eingeschränkt gelang. Den Organisatoren muss für diese kreative Lösung und öffentliche Manifestation jedoch ein Lob ausgesprochen werden!

Jens Dangschat war der erste Wissenschaftler, der in Deutschland das Phänomen der Gentrifizierung thematisiert hat – und zwar bereits im Jahre 1988. Schon damals machten sich die Hamburger Stadtoberen darüber Gedanken, wie ein Viertel durch Investitionen und Subventionen attraktiver gemacht werden kann, um ein bestimmtes Milieu anzulocken. Beim Hafenviertel wies er jedoch darauf hin, dass in diesem Fall nicht von Gentrifizierung gesprochen werden kann, da hier ein früheres Industriegebiet zur Ansiedlung für Betuchte umgebaut wurde.

Klaus Overmeyer brachte Erfahrungen aus seinem Wirken in Berlin in die Diskussion ein. Insbesondere Zwischennutzungskonzepte bewertet er kritisch, da diese meist den Einstieg in die Aufwertung eines Viertels markieren. Als erster Lösungsansatz gegen Gentrifizierungserscheinungen kann also die Sicherstellung der dauerhaften Nutzung der gleichen Akteure notiert werden.
Andererseits gab Obermeyer zu bedenken, dass die Ansiedlung von Kreativwirtschaft nicht nur negative Folgen gehabt hat. So ist dadurch ein ganz anderes Nachdenken über das Thema Stadt entstanden – an den heutigen Diskussionen sind nicht mehr nur Architekten und Stadtplaner beteiligt, sondern sehr vielfältige Akteure. Als besonderes Problem hat er den Städtewettbewerb um die „kreative Klasse“ benannt.

Dangschat hat im Anschluss daran vor der „Disneyisierung“ von Kreativität gewarnt, also vor der Reduzierung dieser menschlichen Eigenschaft auf bloße Schaffung marktförmiger Innovationen. Er plädierte für einen „Wachstum von Innen“ – Wachstum hier im Sinne von Entwicklung. Die Wirtschaftsförderung muss also Schutz- und Entwicklungsräume lassen, die nicht durchreglementiert sind – subventionierte Neubauten sind also keine Lösung.

Ein spezifisches Problem der Stadt Hamburg ist die Zentralisierung der Konfliktzonen zwischen Investoren und den Menschen, die Stadt als Lebensraum begreifen. Fast alle Gebiete potentieller Gentrifizierungserscheinungen liegen im westlich-zentralen Bereich der Stadt, während die östlichen Bezirke, die sozialdemokratisch-kleinbürgerlich geprägt sind, uninteressant bleiben. Jens Dangschat wies nachdrücklich daraufhin, dass sich eine kluge Stadtentwicklungspolitik frühzeitig mit diesen Räumen auseinandersetzen muss. Dabei muss die Entwicklung aber auf Freiwilligkeit und Sozialität beruhen.

Insbesondere das Gängeviertel benötigt für den „langen Sommer“ die Solidarität von sozialen Gruppen auch außerhalb von Hamburg und die Unterstützung von Intellektuellen, so dass hier eine langfristige Entwicklung freier Räume möglich wird. In dem Sinne bin ich froh, dass AKA temporär auch aus Hamburg berichten kann und sich hiermit solidarisch für die BesetzerInnen des Gängeviertels zeigen möchte.

Zuletzt sei noch auf eine Neuerscheinung aus dem Hamburger Verlagshaus Edition Nautilus zu diesem Thema hingewiesen: Christoph Twickel: GENTRIFIDINGSBUMS – oder Eine Stadt für alle. 8,90 Euro, erscheint im April 2010.