Mit materieller Gleichheit zum besseren Leben

GängeviertelDie Linke hat es, mal mehr, mal weniger, schon immer gewusst: Ungleichheit schadet. Kate Pickett, Sozialepidemologin an der Universität York, hat zusammen mit ihrem Partner Richard Wilkinson in einer Studie herausgefunden, dass materiell gleichere Gesellschaften glücklicher sind als materiell stark ungleiche. Die beiden Wissenschaftler stützen sich dabei auf einen vielleicht nicht unumstrittenen, aber doch handfesten Glücksbegriff: in den verschiedenen Gesellschaften wurden Indikatoren für die Lebensqualität gemessen, z. B. die Häufigkeit von Morden, Selbstmord, Fettsucht, Teenagerschwangerschaften, Kindersterblichkeit, psychische Krankheiten, Bildungsstand der 15-jährigen, Stellung der Frauen etc. Die Daten stammen von der Weltgesundheitsorganisation und anderen internationalen Organisationen.

Die Ergebnisse der Studie sind beeindruckend eindeutig: in sehr ungleichen westlichen Industrieländern wie den USA, Großbritannien, Neuseeland und Portugal, wo die oberen zwanzig Prozent der Bevölkerung siebeneinhalb- bis achtmal so viel Geld zur Verfügung haben wie die unteren zwanzig Prozent sind alle Indikatoren negativer als in relativ gleichen Gesellschaften wie Finnland, Norwegen oder Schweden. So ist die Mordrate in ungleichen Gesellschaften bis zu zehnmal so hoch und die Zahl der psychisch Kranken bis zu dreimal so hoch wie in gleicheren Gesellschaften. Erstaunlich ist einerseits die Stärke der Auswirkungen einer großen Einkommensungleichheit auf die gemessenen Indikatoren, andererseits dass fast alle Indikatoren davon betroffen sind. In gleichen Gesellschaften – allen voran Japan – ist allerdings die Selbstmordrate höher. Auch wird in diesen Gesellschaften mehr geraucht – wobei man Rauchen ja durchaus auch als eine Äußerung von Lebenszufriedenheit auslegen kann. Ungleichheit löst also gravierende Probleme aus, von denen die Armen und die Reichen der Gesellschaften gleichermaßen betroffen sind.

In einem ausführlichen Interview in der taz belegt die Autorin, dass für die vorgefundenen Daten auch keine kulturellen oder ethischen Unterschiede geltend gemacht werden können. Das neoliberale Credo, nach dem ein höherer Reichtum der Reichen auch die Lebensqualität der Ärmeren verbessert, wird durch diese Studie umfassend widerlegt. Ziel von Politik kann also nur Gleichheit, Fairness und Gerechtigkeit sein.

Saint-Simons Annahme vom Industriellen, der das Wohl des Arbeiters fördert, ist durch die Studie als sinnvoll belegt worden – auch dann, wenn man vom Eigennutz als dem zentralen menschlichen Prinzip ausgeht. Aber wird diese Erkenntnis Gehör finden? 200 Jahre kapitalistische Erfahrung sprechen leider dagegen. Eine erneute Absage an den Kampf gegen die Ausbeutung wäre noch immer idealistisch.

Die Studie Gleichheit ist Glück ist im Berliner Tolkemitt Verlag erschienen, das Buch ist 320 Seiten stark und kostet 19,90 Euro.