Kein Ort für Nazis! Nirgendwo!

Der Tagesspiegel kündigt lediglich in einer kurzen Meldung einen Partyprotest gegen rechte Gewalt. Mehr ist der Lange Tage gegen Nazis und die Übergriffe in Berlin dem bildungsbürgerlich liberalem Blatt nicht Wert. Das Neue Deutschland berichtet ausführlicher. Der rbb war ebenfalls vor Ort. Und, mensch höre und staune, auch der WDR. Bis auf die taz gibt es keine Nachberichterstattung in den bürgerlichen Medien. Ein erfolgreiches breites Bündnis gegen Nazis in Neukölln stört die Inszenierung bösartiger autonomer Horden, die den Kiez mit Gewalt unterjochen.

Der Tag begann um 13 Uhr mit einem antifaschistischen Spaziergang. Zuvor gab es bein einem Soli-Brunch im Chile Freundschaftsclub Salvador Allende Kaffee und Kuchen. Zum Spaziergang selbst kamen zunächst 120 Menschen, die sich über die Naziübergriffe informieren und sich mit den betroffenen Projekten solidarisch zeigen wollten.

Nach einigen einleitenden Worten folgten die nun mehr circa 150 Menschen einer Geschichte des alltäglichen antifaschistischen Widerstands in der Jonasstraße. An zahlreichen Häusern wurden die Namen und Schicksale verhafteter Antifaschist_innen verlesen. Die meisten waren entweder einfache Arbeiter_innen, Kommunist_innen oder Sozialdemokrat_innen, die verhaftet und interniert wurden.

Die Organisatoren von der Galerie Olga Benario wiesen mehrfach ausdrücklich darauf hin, daß jüdische Bewohner_innen der Jonasstraße in der historischen Aufarbeitung des antifaschistischen Widerstands nicht auftauchen, weil es schlichtweg wenig Informationen und Archivmaterial gab und gibt. Allerdings erwähnten ältere Anwohner_innen ihnen gegenüber, daß Jud_innen bei Säuberungsaktionen und kleinen Vergehen verschwanden. Sie wurden festgenommen, abtransportiert und ermordet. Im Gegensatz zu den deutschen Verhafteten bleiben sie verschwunden. Die Leerstellen wurden still aufgefüllt.

Heute ist jüdisches Leben nach Berlin und selbst nach Neukölln zurückgekehrt. Seit sechs Jahren existiert ein kleines Theater. Die Bimah befindet sich an der Stelle, wo in den 30igern Nazis tanzten. Nun sind es wieder Nazis die nur ein paar Meter weiter Antifaschist_innen attackieren.

Der Spaziergang als Auftakt des Langen Tages gegen Nazis verdeutlichte eindrucksvoll am Beispiel der Jonasstraße, daß der antifaschistische Widerstand in Neukölln eine lange und renitente Tradition hat. In beinah jedem Haus gab es von Menschen zu berichten, die aufgrund eines vermeintlichen Hochverrat verhaftet und interniert wurden. Die meisten aber überlebten.

Weitere erwähnenswerte Veranstaltungen waren die Diskussion zu Antifaschismus in Neukölln am Abend in der Lunte. Mehr als 60 Interessierte diskutierten offenbar hitzig und kontrovers über die Möglichkeit der Intervention im Kiez. Erste Versuche einer antifaschistischen Organisation soll es noch am Abend gegeben haben. Ich hoffe allerdings, daß diese die schon vorhandenen Strukturen unterstützen und verbreitern werden.

Der spätere Abend war vor allem von der Pop-Antifa dominiert. In zahlreichen Kolektiven, Projekten und Kneipen gab es Konzerte, Perfomances, electro Klänge, Comics und kurze sowie längere Filme. Wie die Autonome Antifa Neukölln in einem Resumee berichtet gab es spontane Fahrbahnbesetzungen und Straßenkonzerte. Vor dem Friedel 54 soll die Stimmung wegen einer gewohnt freundlichen Berliner Einsatzhundertschaft etwas brenzliger gewesen sein. Es soll ohnehin einiges an Sicherheitsbeamten im Kiez unterwegs gewesen sein. Doch Team Green hielt sich dennoch auffällig zurück.

Es war also ein gelungener Auftakt um antifaschistische Strukturen im Kiez weiter zu etablieren. Auch wenn die taz in ihrem Artikel behauptet, daß sich lediglich die linksalternative und autonome Szene selbst bespielt hat, ist dem mitnichten so. Insbesondere beim Kiezspaziergang, der Diskussion in der Lunte und im Syndikat beteiligten sich einige Anwohner_innen, die nicht zum üblichen Klientel der alternativen Szene gehören. Das, was schon bei den Stadtteilversammlungen zur Entwicklung des Schillerkiezes erfolgreich war, setzt sich nun auch in Bezug auf die Sensibilisierung gegen Nazistrukturen in Neukölln fort.

Die rechtskonservativen Sozialdemokrat_innen um Fritz Felgentreu, Buschkowsky und den strukturell fremdenfeindliche Migrationsbeauftragte Albert Mengelkoch haben nun ein weiteres Problem. Wie sollen sie nur mit Linksextremist_innen und autonomen Gruppen umgehen, die in breiten Bündnissen organisiert und zunehmend gar nicht mehr als bösartige Chaot_innen erkennbar sind, sondern vielmehr ganz freundlich und imagefördernd den Kiez als freundlichen und lebendigen Ort, aber mit alternativer Kultur, etablieren.

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