Schweigen und Verdrängen – Mit Kreuz und Bibel systematisch gegen Mißbrauchsopfer

Die Debatte um die Menschen- und Körperfeindlidhkeit des römisch-katholischen Klerus hört nicht auf. Aber obwohl bekannt ist, daß die Übergriffe von Priestern und Patres auf die ihnen Anvertrauten nicht zwingend sexuell sind, steht immer noch der Mißbrauch im Zentrum der Diskussion. Hinzu kommt eine soziologische und theologisch-historische Vermischung der Übergriffe von Klerikern, die lediglich auf eine vermeintliche Homosexualität fokusiert. Die Übergänge zwischen der körperlichen Züchtigung und dem sexuellen Mißbrauch sind allerdings sehr viel fließender, als üblicherweise angenommen wird. Außerdem sind die Gewaltexzesse und der willkürliche systematische Sadismus bei der Erziehung und Bestrafung junger Menschen sehr viel ausschlaggebender.

Immer geht es allerdings um die Erniedrigung von Menschen. Systematisch werden Kinder und Jugendliche gebrochen und dem totalitären Diktat des Kirchendogmas unterworfen. Die Täter_innen haben selten etwas zu befürchten. Die Kongregation und die Kirchenhierarchie hilft ihnen bewußt und deckt so systematisch Klerikergewalt.

Entschuldigungen wird es deshalb immer wieder geben. Passieren wird dennoch nix. Schließlich ist die römisch-katholische Kirche ein rechtsfreier Raum in dem die Anordnungen Crimen sollicitationis (Verführung zu sexuellen Handlungen) und De delictis gravioribus (Von den schwersten Verbrechen) die priesterlichen Täter_innen vor der Bestrafung schützen und die Opfer immer wieder ihren Peinigern mit anderen Gesichtern ausliefern. Hier einige Zitate der Debatte.

Uta Ranke-Heinemann, die exkommunizierte Theologin, die hartnäckig die jungfräuliche Geburt Jesu bestritt und Sexismus sowie Körperfeindlichkeit in der römisch-katholischen Kirche anprangert, in der jungen Welt.

Die Rede ist jetzt von den zwei lateinischen Geheimschreiben, die im Tresor jedes Bischofs verschlossen liegen. Das erste stammt von Kardinal Ottaviani von 1962 und heißt: Crimen sollicitationis (Verführung zu sexuellen Handlungen). Das zweite stammt von Kardinal Ratzinger, ist aus dem Jahr 2001 und heißt: De delictis gravioribus (Von den schwersten Verbrechen). In diesen beiden Geheimschreiben wird die »ausschließliche Kompetenz des Vatikans«, was Pädophiliefälle anbelangt, betont und werden sämtliche Bischöfe unter Strafe der Exkommunikation aufgefordert, alle Pädophiliefälle ausschließlich und nur an den Vatikan zu melden. Das führt zu einer totalen Justizbehinderung für die staatlichen Gerichte, zu einer ständigen Versetzung der pädophilen Priester, die über Jahrzehnte hinweg an jedem Ort, an den sie von ihrem Bischof – nach einer sogenannten »Therapie« – versetzt wurden, ihr Unwesen weitertreiben und immer weitertreiben werden. Und genau diese Geheimschreiben hatten die irischen Bischöfe ja auch befolgt.

Richard Dawkins, bekannt geworden durch das Buch Der Gotteswahn über religiösen Fundamentalismus über konfessionellen Grenzen hinweg, schreibt im Text Imagine – there is no religion über die religiöse Konditionierung von Kindern.

Was kann es wohl bedeuten, wenn man von der „eigenen“ Religion eines Kindes spricht? Stellen Sie sich eine Welt vor, in der es normal ist, von einem Keynesianischen Kind, einem Hayekianischen Kind oder einem Marxistischen Kind zu sprechen. Oder stellen Sie sich einen Antrag bei ihrer Regierung vor, laut dem sie getrennte Grundschulen einrichten soll für Labour-Kinder, Tory-Kinder, LibDem-Kinder und Monstermäßig-rasend-durchgeknallte-Kinder? Jeder stimmt darin überein, dass ein Kind zu jung ist, um zu wissen, ob es keynesianisch oder monetaristisch, Labour oder Tory ist, zu jung, um die Last solcher Stempel zu tragen. Warum ist jedoch unsere gesamte Gesellschaft glücklich damit, einen Stempel wie Katholik oder Protestant, Muslim oder Jude, auf ein kleines Kind zu stampfen? Ist das nicht, wenn man darüber nachdenkt, eine Art gedanklicher Kindesmissbrauch?

Hans Küng in der Tagessschau des Schweizer Fernsehens über den Zölibat, die Körper- und Sexualfeindlichkeit in der römisch-katholischen Kirche, vor allem aber über das Zentrum der Amertà des Klerus – den derzeitigen Papst Benedikt XVI.

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Ich glaube, dass ich nicht übertreibe wenn ich sage, es gab in der ganzen katholischen Kirche keinen einzigen Mann, der so viel über die Missbrauchsfälle und zwar ex officium – von seinem Amt her. Schon früher als Professor in Regensburg, anschließend als Bischof von München und 24 Jahre in der Glaubenskongregation, wo seit Langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert sind, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe eben unter der Decke gehalten werden können.

(zitiert nach Deutschlandradio)

Norbert Brunner, Bischof und Chef der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) zum Vorrang des Kircherechts, dem Dogma der Unverletzlichkeit des Beichtgeheimnis und der alleinigen Rechtsbarkeits der römisch-katholischen Kirche auch in Mißbrauchsfällen, in einem Interview mit der Neuen Züricher Zeitung am Sonntag.

Wenn ein Priester eine vom Zölibat her unerlaubte Beziehung beendet und bereut, kann auch er weiterhin in der Seelsorge tätig bleiben. Ähnlich ist es mit einem Priester bei sexuellen Übergriffen. Wenn ich die Garantie habe, dass sich sein Vergehen nicht wiederholt, dass er bereut und die nötige Wiedergutmachung geleistet hat, kann er durchaus in einer Aufgabe tätig bleiben.

Für alle Vergehen von Priestern sind im Kirchenrecht Strafen vorgesehen. Wenn der Priester sich aber bessert, wenn er bereut, kann man die Strafe wieder aufheben. Das gilt für jeden Menschen.

In erster Linie trägt der Täter die Verantwortung. Die Bischöfe haben aber die Pflicht, die Priesteramtskandidaten sorgfältig zu prüfen. Wenn es dennoch zu einem Missbrauchsfall kommt, dann müssen sie in erster Linie sofort dafür sorgen, dass keine Wiederholungsgefahr besteht und der Fall aufgearbeitet wird.

Ich habe Mühe damit, wenn sich die Kirche als Institution für die Tat eines anderen bei den Opfern entschuldigen soll. Wichtig ist, dass ein Bischof solche Fälle echt bedauert. Und das tue ich.

[Dem Bischof müssen laut Kirchenrecht alle Mißbrauchsfälle gemeldet werden. Das Verschweigen und die Nichtverfolgung betrifft also auch die Kirchehierarchie. Damit machen sind sie genauso verantwortlich, wie die Täter_innen selbst. Das bischöfliche Bedauern gepaart mit der gnädigen Absolution für die Tätr_innen ohne eine klare Psoitionierung auf Seiten der Opfer ist lediglich christliche Augenwischerei.]

Bischof Gerhard Ludwig Müller, Bischof von München, echaufiert sich wortgewaltig in einer Predigt über eine vermeintliche Kampagne gegen die römisch-katholische Kirche, die Ähnlichkeiten zur Verfolgugn von Christen während der Nazizeit haben soll. Damit legt der Bajuvarische Oberhirte dem 68iger Basching des bischöflichen Eunuchen-Hooligan Mixa noch einen drauf und verklärt den Klerus zu Naziofern. Ich erinnere nur an Pius XII., den großen Schweiger zur Schoa, die Zusammenarbeit römisch-katholischer Priester mit dem faschistischen Franco-Regime und die Hilfe der Kirche bei der Emigration von Nazigrößen nach Südamerika.

Es geht darum heute, die Glaubwürdigkeit der Kirche zu erschüttern. Das ist das Ziel dieser Kampagne gegen die Kirche. Die Leute, die vorm Fernsehen sitzen, die Zeitung aufschlagen, denen wird dann suggeriert, und sie werden manipuliert durch zurechtgestutzte und verkürzte Berichte, durch ständige Wiederholungen von Vorgängen aus alter Zeit, wo dann der Eindruck erweckt wird, die Kirche – das ist ein Nest, wo die Leute völlig verdorben sind und wo alles drunter und drüber geht. Und dann sagt unser Zeitgenosse: Da melde ich mich jetzt ab, da mache ich nicht mehr mit. Das ist das Ziel. Hier kommt es darauf an, Reife des Glaubens zu haben, nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinfallen, so auch heute nicht.

Hier noch ein Verweis auf die BBC Dokumentation Sex Crimes and the Vatican, die auch schon Uta Ranke-Heinemann in ihrem Text ansprach. Darin geht es um exemplarische Fälle sexuellen Mißbrauchs im Rahmen des römisch-katholischen Erziehungssystems und den Umgang mit den Täter_innen. In Interviews erzählen Opfer und Täter_innen sehr offen, wie sie mißbraucht und gedemütigt wurden oder selbst mißbrauchten. Ein mafiöses und durch das Kirchenrecht gestütztes Schweigekartell wird offen gelegt und detaliert nachgezeichnet.