Klandestinität und Militanz – Widerstand gegen staatliche Repression

G8 Protest Prag Pink Lady »Ihr sagt über Anarchisten, sie seien ›meistens autonom, unverantwortlich, zahlenmäßig klein und nicht dazu bereit, ihre Taktiken aufzudecken. Sie würden Personen und Eigentum angreifen.‹ Das ist in wenigen Worten das, was die globale Wirtschaft ausmacht.«

Der folgende Texte soll zum Nachdenken über Anonymität und Widerstand gegen staatliche Repressionen anregen. Beide Themen sind für die globalisierungskritische Bewegung, die sich als basisdemokratisch, egalitär und kreativ-vielfältig versteht, wichtig und dürfen keinem schwarz-weiß-Denken überlassen werden. Der Text wurde vom „Notes from nowhere“-Autorenkollektiv für das Buch „We are everywhere“ verfassen – „Es ist das erste Buch, das die sprudelnde Kreativität und das radikale Denken der weltweiten Protestbewegung wahrhaftig einfängt und darstellt.“ (Naomi Klein) Dieses überaus lesenswerte Büchlein wurde von diversen Übersetzungskollektiven in zahlreiche Sprachen übertragen. Im März 2007 kam die deutsche Ausgabe „Wir sind überall – weltweit. unwiderstehlich. antikapitalistisch.“ bei Edition Nautilus heraus. AKA bedankt sich für die Genehmigung der Veröffentlichung.

Die Kontrollgesellschaft

G8 Protest Prag Pink Lady Es ist Freitagabend in Seattle. Eine Warteschlange erstreckt sich die Straße hinunter und rund um den Block. Hunderte Menschen stehen an, um ¡TchKung! zu sehen, eine berüchtigte Öko-Punkband. Ihre Konzerte enden traditionsgemäß damit, dass die Künstler die Zuschauer auf die Straßen bringen, wo alles geschehen kann, von der Besetzung einer Kreuzung durch eine ›Construction Crew‹, die Trommelstöcke an die Menschen veteilt, so dass diese die Band begleiten können, die auf einer riesigen Metallskulptur neben einem Freudenfeuer spielt, bis hin zur Zerstörung der Baustelle eines neuen Niketowns. Auch wenn sie in den letzten drei Jahren keine Konzerte gegeben haben, so gibt es doch viele alte Fans im Publikum, die die anderen Gäste mit Geschichten von ungeheuerlichen früheren Auftritten unterhalten.

Aber als die Menschen den Club betreten, stehen sie vor etwas, das aussieht wie eine Registrierungsbude des neu eingerichteten »Department of Homeland Security« (Ministerium für Heimatschutz, kurz DHS), eine Einrichtung der U.S.-Regierung auf Ministerebene, die in den Nachwehen der Terrorangriffe des 11. Septembers 2001 ihre Arbeit aufnahm. Sie verbindet die vorher getrennt arbeitenden Behörden: die Federal Emergency Management Agency (nationale Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe), die Küstenwache, die Zolldienste und den Grenzschutz. Man verpflichtete diese Behörden zur Mission der »Verteidigung des Heimatlandes«. Eine große amerikanische Flagge ist auf einem Tisch drapiert, auf dem ein patriotisches Arrangement aus Blumen und Fahnen und zwei Laptops stehen. Ein Tarnnetz umrahmt die gesamte Szenerie. Zwei Männer in Anzügen stehen hinter dem Tisch und fragen die Besucher, ob sie freiwillig über verdächtige Aktivitäten berichten wollen. Sie erklären: »Die Sicherheit des Landes hängt von Leuten wie dir ab.« Auf den Laptops sind die Internetseiten des Ministeriums zu sehen, auf denen jeder Namen und Informationen von Freunden, Nachbarn oder Chefs eingeben kann, die Verdacht erregt haben. Auf der Seite gibt es außerdem einen Multiple-Choice-Fragenkatalog zum »Krieg gegen den Terror«, mit dem jeder Besucher sein Wissen testen kann. Ab und zu kommt eine uniformierte Frau an dem Stand vorbei, um sich mit den Männern in Anzügen zu beraten. Sie trägt das DHS-Logo und scheint alle Aktivitäten im Club zu überwachen. Gelegentlich unterbricht einer der Männer seinen Vortrag und konzentriert sich auf die Nachrichten, die er durch seinen Knopf im Ohr erhält. Daraufhin nimmt er jemanden für eine intensivere Befragung zur Seite, bittet vielleicht darum, einen Blick in die Taschen der Gäste werfen zu dürfen. Manche Menschen erhalten sogar »Bares« als Belohnung dafür, einen Namen angegeben zu haben.

Das war natürlich ein Scherz. Wie orwellmäßig auch immer die DHS zu sein scheint, hat sie sich bis jetzt nie auf die Ebene herabgelassen, auf dem Konzert einer politischen Punkrock-Gruppe Verräter und Spitzel zu rekrutieren. Doch die Reaktion auf diese Aktion war erstaunlich. Bei jeder der sechs Auftritte auf der »Pacific Northwest Tour« der Band glaubten unzählige Menschen, dass die Registrierungskabine echt war. Einige betraten den Club, sahen den Stand und stürmten verärgert wieder hinaus. Andere versuchten, sich unbemerkt daran vorbeizuschleichen, als ob sie ungeschoren davonkommen wollten. Noch andere drückten ihre Empörung aus, machten lautstark und erbost klar, dass ihre Bürgerrechte verletzt wurden und schimpften über den Übergriff der Regierung. Viele Leute gaben Namen an (welche auf den Mailinglisten der Bands landeten) und nicht alle von ihnen wussten, dass es sich dabei um einen Witz handelte.

Das Beunruhigendste allerdings war eine Gruppe, die verärgert nachgab. Sie vermieden Augenkontakt, schlurften herum und antworteten widerstrebend wie Schulkinder, die zum strengen Rektor gerufen werden und einen Verweis bekommen. Sie fügten sich der vermeintlichen Autorität, ließen ihre Taschen durchsuchen und gaben, wenn auch zögerlich, einige Namen an. Egal, wie unverhohlen offensiv, erschreckend und übertrieben du auftrittst, bestimmte Leute werden dir trotzdem glauben. Diese Leute beugen sich der Angst – der Angst vor der Regierung, der Angst, dass ihre schlimmsten Albträume wahr werden könnten, der Angst vor dem Unbekannten, der Angst davor, dass sie der immer stärker werdenden Repression machtlos ausgeliefert sind.

Angst ist mächtig. Sie kann allumfassend und lähmend sein und man kann sie nicht ignorieren. Steve Biko, der während der Apartheid in Südafrika im Gefängnis saß, verwies auf die Macht der Angst, als er sagte: »Die mächtigste Waffe des Unterdrückers ist die Psyche des Unterdrückten.« Und genau auf diese Angst verlässt sich das echte Ministerium für Heimatschutz und seine Pendants auf der ganzen Welt, um ihre Programme weiter voranzutreiben. Je ängstlicher die Bevölkerung eines Landes ist, umso einfacher bringt man sie dazu, repressive Maßnahmen wie Zensur, das Erstellen von Profilen nach Religion und ›Rasse‹, Inhaftierung von Immigranten oder verstärkte Überwachung zu akzeptieren.

»WIRTSCHAFTLICHE UNTERDRÜCKUNG UND MILITÄRISCHE REPRESSION SIND DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE DER GLOBALISIERUNG: DIE WIRTSCHAFTLICHE AUSRAUBUNG DER ARMEN, DIE MIT DER GLOBALISIERUNG EINHERGEHT, KÖNNTE OHNE DEN REPPRESSIONSAPPARAT DES MILITÄRS NICHT FUNKTIONIEREN, DER DIE MENSCHEN BRUTAL BEHANDELT, DIE SICH WIDERSETZEN. DIEJENIGEN, DIE SICH DER GLOBALISIERUNG DER GIER ENTGEGENSTELLEN, UND DIEJENIGEN, DIE DARAN ARBEITEN, DAS TRAINING VON REPRESSIVEN ARMEEN IM AUSLAND DURCH DIE USA ZU BEENDEN, HABEN SICH FÜR DIE GEMEINSAME SACHE VERBUNDEN.«
Hendrik Voss, School of the Americas Watch (eine Protestinitiative gegen die »School of the Americas« (SOA))

Wenn wir uns maskieren, sind wir sichtbar

Zapatisten Das Interessante an dem ¡TchKung!-Theaterstück und das, was so provozierend für diejenigen war, die es erlebt haben, war die Demaskierung der DHS. Alle im Publikum hatten von diesem Ministerium gehört, bis dahin hatten allerdings nur wenige direkten Kontakt mit ihnen erlebt. Indem sie ein mögliches Szenario der gängigen Praktiken dieses Ministeriums wahr werden ließen, testeten die Darsteller die Vorstellungskraft der Besucher – was würde die DHS sonst noch tun? Ihre Geheimhaltung gibt ihr Macht; so lange sie unbekannt bleibt, ist es schwierig, sich ihr zu widersetzen. Aber durch ihre Entmystifizierung wird ein wenig von der Angst neutralisiert, von der sie lebt. So wird sie zum Angriffsziel von Wut und Widerstand.

Klandestinität kann der Schlüssel zu unserem Überleben oder zu unserem Untergang sein. Sie kann uns vereinen oder tief spalten. Unsere Klandestinität umfasst Geheimhaltung, Marginalität, anonyme direkte Aktionen, Gesetzesbruch, Versteck und Flucht, Untertauchen. Es kann ein Geschenk an die Bewegung sein – aber es ist ein gefährliches, zweischneidiges Geschenk.

Sie kann uns als geheime Grenzgänger, anonyme Internet-Hacker oder Arbeitsplatzsaboteure unsichtbar machen. Sie kann uns auch neutralisieren, wenn unser riesiges Potenzial an Unterstützern uns durch die Linse von spektakulär verzerrten Medienbildern sieht und uns als gefährlich und angsteinflößend wahrnimmt. Sie kann uns ineffektiv werden lassen, wenn wir es unserer eigenen Angst vor Repressionen gestatten, einen Sicherheitswahn zu schaffen, der uns intolerant, ausschließend, argwöhnisch gegenüber Außenstehenden und anderen Arbeitsweisen macht und uns paranoid werden lässt. Für den Staat sind solche Gruppen am einfachsten zu zerschlagen.

Wir müssen uns daran erinnern, dass Klandestinität eines von vielen Werkzeugen ist, die uns zur Verfügung stehen. Wir können lernen sie zu nutzen, wenn es angebracht ist, und darauf zu verzichten, wenn nicht.

Unsere Klandestinität kann leicht missverstanden werden. Wenn wir Masken tragen oder uns tarnen, werden wir beschuldigt, wir würden uns für unsere Arbeit schämen; wenn wir heimlich oder im Schutz der Nacht arbeiten, wird vermutet, dass wir gefährliche, gewalttätige oder illegale Aktionen durchführen.

Wir haben Geschichte studiert und wir wissen, was mit denjenigen geschieht, die ihre Ablehnung deutlich machen und zurückschlagen – manchmal werden sie verhaftet, gefoltert, in den Wahnsinn getrieben, isoliert. Als Andersdenkende hängt unser Überleben manchmal von der Möglichkeit ab, klandestin zu sein, geheim zu sein, uns zu verstecken, unserem Feind ein paar Schritte voraus zu sein, der uns auf gedankenlose Utopisten, tobsüchtige Verrückte, Aufwiegler und sogar Terroristen reduzieren würde. Doch gleichzeitig müssen wir uns dagegen wehren, unsichtbar gemacht zu werden, es ablehnen, uns an den Rand extremer Gewalt und Hoffnungslosigkeit drängen zu lassen. Denn dort wollen sie uns sehen, dort können sie die Regeln bestimmen, dort haben sie das Sagen und dort brechen sie uns langsam, und wir werden wirkungslos.

Bei Klandestinität geht es darum, uns selbst zu schützen, während wir uns neuen Möglichkeiten gegenüber öffnen, Raum zu schaffen und diesen mit Menschen zu teilen, die wir vorher nicht kannten, Menschen, mit denen wir möglicherweise nicht einer Meinung sind. Es geht darum, vor den Mächtigen zu bestehen, aber füreinander erkennbar zu bleiben, für die, die unsere Kämpfe teilen und uns suchen, so wie wir sie suchen. Unsere Vorschläge und Alternativen müssen ebenfalls wahrnehmbar bleiben, vertraut genug, damit sie den Vorstellungen aller Menschen entsprechen, und trotzdem erschreckend fremdartig für die Mächtigen. Denn das, was wir wollen, übersteigt ihre kühnsten Träume.

Hinter uns steht ein großes Vermächtnis von Klandestinität, es schützt uns vor den Mächtigen, die uns immer kriminalisiert haben, weil wir anders sind: weil wir verrückt sind, weil wir arm sind, weil wir Frauen sind, weil wir farbig sind, weil wir revolutionär sind, weil wir die Heirat ablehnen, weil wir landlos sind, weil wir die Ausbreitung des globalen Kapitals ablehnen, weil wir überleben wollen und mehr wollen als das bloße Überleben.

Beständig haben wir zurückgeschlagen. Manchmal offen, öfters jedoch durch Verwandlung unserer Gestalt. Wir gaben vor, etwas zu sein, was wir nicht sind: Wir ziehen Fummel an, takeln uns auf, kleiden uns schlampig, wir maskieren unsere Gesichter und ändern unsere Namen. Die Piratinnen Anne Bonny und Mary Read verkleideten sich im 18. Jahrhundert als Männer und segelten über die Meere. Sie terrorisierten Sklavenhändler und Plünderer der ›Neuen Welt‹, tauschten die Schufterei auf der Plantage und unglückliche Ehen gegen Abenteuer und Freiheit.

Bedroht von der größten Repressionskampagne, die je von der englischen Monarchie eingefädelt wurde, verkleideten sich die Ludditen als Frauen, Priester und Militäroffiziere und verschwanden nach einer Nacht, in der sie Fabrikmaschinen zerstörten, die ihnen ihre Jobs wegnahmen. Oft befanden sie sich unter Menschen, die sie gelyncht hätten, wenn sie sie nur entdeckt hätten! In den USA führte Herriet Tubman furchtlos über 300 Sklaven über die Fluchtwege der Underground Railroad in die Freiheit – oft verkleidete sie sich als Mann und verließ sich auf ein komplexes Netzwerk von Unterschlupfen.

Phoolan Devi, Indiens »Banditenkönigin«, verkleidete sich auf unzählige Arten, nachdem sie im Alter von 20 Jahren zu einer Gesetzlosen wurde, und lebte in den folgenden vier Jahren in den Wüstenschluchten im Nordwesten Indiens. Sie überlistete die Polizei, führte Banditenbanden an, die wohlhabende höhere Kastenmitglieder bestahlen und den Wohlstand unter den Armen und den Menschen niedrigerer Kasten verteilten. In Chiapas, Mexiko, schloss sich eine unbestimmte Zahl von Undercover-Zapatisten der Polizei und dem Militär an, um dann im Jahr 1993 freiwillig in der wohl schwierigsten Schicht zu arbeiten, die Silvesternacht. Der Rest liegt im Prozess der Geschichte.

Der innere Feind

»Die Bevölkerung wird schlagartig zum inneren Feind. Jegliches Anzeichen von Leben, Protest oder einfachem Zweifel ist vom Standpunkt der Militärdoktrin und nationaler Sicherheit eine gefährliche Herausforderung. Deshalb wurden komplizierte Präventions- und Bestrafungsmechanismen entwickelt … Um effektiv arbeiten zu können, muss die Repression willkürlich eingesetzt werden. Abgesehen vom Atmen kann jegliche menschliche Aktivität ein Verbrechen darstellen … Staatlicher Terrorismus zielt darauf ab, die Bevölkerung durch Angst zu lähmen.«
Eduardo Galeano, Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte der Plünderung eines Kontinents, München 1973

Während der Widerstand gegen den Kapitalismus zunimmt und damit droht, ihn mit alternativen Forderungen nach Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit zu überwältigen, entwickeln und verfeinern die Mächtigen eine gemeinsame Strategie. So wurden wir Zeugen übereilter Rückzüge, brutaler Repression, Verwirrung der Massen und ernsthafter Versuche, die Bewegung komplett zu diskreditieren. Vor 30 Jahren haben Geheimdienste Kriminalisierungsstrategien angewandt, die den heutigen sehr ähnlich sind. Sie sollten lebhaften und partizipatorischen Basisbewegungen entgegenwirken, die für das System zu einer ernsthaften Herausforderung geworden waren. Die Zeiten haben sich nicht wesentlich geändert, und wir sollten aus der Geschichte und dem Erbe unserer Vorgänger lernen, um ein Scheitern zu verhindern, bei dem viele von uns im Knast, im Exil, im Irrenhaus oder im Grab endeten.

Es gibt ein klar erkennbares Muster der Kriminalisierung, das auf der ganzen Welt angewandt und selbst auf internationalen Polizeikonferenzen gelehrt wird. Die Geschehnisse um den Protest gegen den IWF und die Weltbank in Prag im September 2000, die hier beschrieben wurden, hatten direkte Auswirkungen auf Seattle, Melbourne, Cancún, Genua und Washington – und überall dort, wo Menschen gewagt haben, sich zu erheben und Nein zu sagen.

In den Monaten vor Massendemonstrationen veröffentlicht die Presse zahlreiche Beiträge, die Teil einer gezielten Kampagne sind, um die Anwohner, die nicht Teil des sozialen Wandels sind, in Schrecken zu versetzen und sie von einer möglichen Teilnahme oder Unterstützung der Bewegung abzubringen. In Prag kursierten Gerüchte in Zeitungen, dass reisende Anarchisten aus der ganzen Welt über die Stadt herfallen würden, mit der Absicht sie zu zerstören und in Brand zu stecken. 11.000 Polizisten – ein Viertel der Polizei des ganzen Landes – patrouillierten tagsüber die Straßen und führten nachts Manöver durch. Am 1. August 2000, sieben Wochen vor den Aktionen in Prag, zitierte die tschechische Tageszeitung Hospodarske Nowiny Präsident Václav Havel, der die steigende Spannung in der Stadt beschrieb: »Als ob wir uns auf einen Bürgerkrieg vorbereiteten.« Am folgenden Tag zitierte die Prague Post den Prager Bürgermeister Jan Kasl mit der Aussage, dass einige Protestierende »töten werden, wenn wir es nicht verhindern«.

Die Spannung, die durch diese Erklärungen erzeugt wurde, erreichte eine solche Intensität, dass das Innenministerium Empfehlungen veröffentlichte, die Bevölkerung solle sich »einen Vorrat an Nahrung und Medizin« anlegen. Des Weiteren wurde sie angewiesen, Blickkontakt mit den Demonstranten zu vermeiden, ihre Manifeste und Flugblätter abzulehnen und sich nicht auf Diskussionen mit ihnen einzulassen, um »verdächtige Situationen zu vermeiden, die die Aufmerksamkeit der Polizei erregen könnten«. Man warnte die Bürgerinnen und Bürger davor, »dramatische Entwicklungen aus der Nähe zu betrachten, weil die Polizei bei der Unterdrückung von Gewalt und Ausschreitungen nicht unterscheiden wird«. Das Kultusministerium schloss in Prag eine Woche lang alle öffentlichen Schulen, und viele Familien wurden tatsächlich gebeten, schriftlich zu erklären, dass die Studenten sich diese Woche außerhalb Prags aufhalten würden, um sie vor den Protestierenden zu »schützen«.

Demzufolge verließ ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung für eine Woche die Stadt. Kurz vor den Aktionen veröffentlichte die Prague Post den Leitartikel, in dem Anarchisten mit Neonazi-Skinheads in Verbindung gebracht wurden. Ein anderer Artikel befasste sich detailliert mit der Belebung der Wirtschaft, für die die Gipfelbesucher in der florierenden Sex-Industrie der Stadt sorgen würden. Es gipfelte in einer Liste von »erotischen Unterhaltungsetablissements« – eine bequeme und rechtzeitige
Werbekampagne, die auf die internationalen Geschäftsmänner gemünzt war. Nirgendwo wurde über die Schlüsselfragen diskutiert, von denen viele die Tschechische Republik direkt betrafen, wie zum Beispiel über das durch die Weltbank finanzierte Atomkraftwerk Temelín an der österreichischen Grenze. Nirgendwo in der Presse war Platz für eine Recherche, wer genau diese »mörderischen« Internationalen waren, oder was sie wirklich gegen tschechisches Glas haben, dass sie von so fern anreisen, aus Ländern wie Kolumbien, Indien, Australien oder den USA, nur um Fensterscheiben einzuwerfen. Der Bericht war geschrieben worden, bevor irgendetwas passiert war.

Diese Art von Desinformationskampagne funktioniert auf mehreren Ebenen: Sie untergräbt nicht nur die Sympathie, die es in der Bevölkerung vielleicht geben könnte, es wurde die Voraussetzung für die Polizei geschaffen, mit der nächsten Stufe der Repression einzugreifen. Hauptsächlich führt das zur »Offensichtlichkeit«, dass die Protestierenden mit gewaltsamen Aktivitäten in Verbindung stehen. Das kann in Form einer einfachen Pressemitteilung geschehen, mit der haltlosen Nachricht, eine Gruppe Menschen wurde an der Grenze zurückgewiesen, weil »sie Baseballschläger bei sich trugen, aber nicht wirklich wie Baseballspieler aussahen«, wie es die Sprecherin der Westböhmischen Polizei ausdrückte. Es ist unbekannt, ob es sich wirklich um Protestierer handelte, denn niemand konnte bei den Protesten erkennen, dass jemand Baseballschläger schwang, aber die Verbindung wird vorausgesetzt, ständig wiederholt und letztendlich als Wahrheit akzeptiert. So war es für die Polizei einfach, ihr Verhalten in den Tagen vor und während der Demonstration zu rechtfertigen. Die Öffentlichkeit wurde mit der Botschaft konfrontiert, dass »gewalttätige Demonstranten über die Stadt herziehen und Chaos und Krawall machen würden«, und es ist natürlich immer einfacher, Menschen zu verängstigen, als sie zu ermutigen, den Status quo in Frage zu stellen.

Die nächste Phase der Repression erfolgt in Form von Polizeiaktionen. Die Tschechische Republik war in jüngster Zeit eine der ersten europäischen Nationen, die für jede Person die Grenzen dicht machte, die den Anschein erweckte, es könnte sich um einen Demonstranten handeln. Einem Kollektiv aus den Niederlanden, das nach Prag kommen wollte, um eine Kantine einzurichten und Essen zu verteilen, wurde 24 Stunden lang der Eintritt verweigert, nur weil sie Menschen mit Nahrung versorgen wollten! Ein Zug aus Italien mit 800 Menschen aus unterschiedlichen sozialen Bewegungen an Bord wurde 17 Stunden an der Grenze festgehalten. Die Polizei hatte eine Liste mit Informationen von Interpol und dem FBI – darauf standen die Namen von »bekannten Staatsfeinden«, denen die Einreise verweigert oder die möglicherweise gleich abgeschoben werden sollten. Organisatoren, die bereits in Prag waren, waren mit offensichtlicher Überwachung konfrontiert. Sie wurden verfolgt und gefilmt, auf den Straßen belästigt und daran gehindert, Versammlungen abzuhalten.

»NUR EINE PERSON, DIE DER REGIERUNG MISSTRAUISCH GEGENÜBERSTEHT, WÜRDE GEGEN DAS SEIN, WAS WIR MIT DEN ÜBERWACHUNGSKAMERAS MACHEN.«
Polizeikommissar Howard Safir aus New York, 27. Juli 1999

Schlussendlich, nach diesem langen, gemeinsamen Auftakt, folgten die Aktionen selbst. In Prag jagte und schlug die Polizei Frauen in pinkfarbenen Karnevalskostümen, die sangen, tanzten und Staubwedel schwangen; sie verhaftete Leute bei einer friedlichen Blockade und schlug sie brutal; und sie bedrohte Menschen mit gepanzerten Einsatzwagen und Wasserwerfern. Da sie tagsüber von den Protestierenden überwältigt wurde, rächte sie sich nach Einbruch der Dunkelheit an ihnen. Nachdem die Hauptdemonstration zuende war, patrouillierte die Polizei mindestens 36 Stunden in nicht-polizeilichen Lieferwagen in den Straßen. Wahllos setzte sie Knüppel und Tränengas ein und verhafteten jeden, der wie ein Demonstrant aussah, vor allem farbige Menschen. Ein schwarzer US-Amerikaner wurde von hinten angegriffen, zu Boden geknüppelt und gefesselt, ihm wurde eine Kapuze über den Kopf gestülpt, bevor er in ein Auto geworfen wurde. Die Situation in den Gefängnissen war noch schlimmer.

Wenn man in diese Aufstellung mehr Städte einbezieht, erhält man ein systematisiertes Bild globalisierter Repression. In Washington, Philadelphia, London und Göteborg überfiel die Polizei die Konvergenzzentren, konfiszierte Lebensmittel, den Vorrat an Medikamenten und persönliche Besitztümer, sie zerstörten große Puppen und Transparente, und in Washington behauptete sie sogar, ein Labor gefunden zu haben, in dem Demonstranten Pfefferspray hergestellt haben sollen. Es stellte sich heraus, dass es sich hierbei um eine Küche handelte, in der Beutel mit getrocknetem Chilipfeffer und andere Gewürze lagerten. Bei einem anderen Anlass nahm die Polizei in London DNA-Proben von Zigarettenstummeln und Getränkedosen, bevor sie ein besetztes Haus, das zur Vorbereitung der May-Day-Demonstrationen genutzt worden war, dem Erdboden gleichmachte.

In Port Moresby, Papua-Neuguinea, wurden während eines friedlichen Sitzstreiks gegen die vom IWF angeordneten Einschnitte im öffentlichen Dienst vier Studenten getötet und 24 Personen verwundet. In Barcelona schleusten sich Polizisten in die Demonstration ein, inszenierten Prügeleien, warfen Fenster ein und trieben gewaltsam eine friedliche Menge auseinander, die sich auf einem öffentlichen Platz versammelt hatte, nachdem die Demonstration zu Ende war. In Argentinien wurden an einem Tag 34 Menschen getötet, als sie wütend gegen die vom IWF auferlegten Finanz- und Bankrestriktionen protestierten. Während der FTAA-Proteste in Québec verübte die Polizei einen nächtlichen Überfall auf eine Krankenstation, mit gezogenen Waffen führten sie alle Sanitäter und Patienten in die kalte, dunkle Nacht ab. In Cochabamba wurden junge Männer, die an einem Protest zur Verteidigung des im öffentlichen Besitz befindlichen und erschwinglichen Trinkwassers teilgenommen hatten, gefoltert und einer von ihnen wurde getötet.

Aus Genua wurde eine Briefbombe an eine Polizeistation in Mailand geschickt, und regelmäßig kam es im Konvergenzzentrum zu Bombendrohungen, von denen keine gründlich untersucht wurde. Dies ähnelt der Taktik der ›Strategie der Spannung‹, die in der Kampagne staatlichen Terrors gegen italienische Aktivisten in den 70er Jahren angewandt wurde. In dem von ihnen geschaffenen Klima der Angst erschoss die Polizei in Genua auf der Strasse einen jungen Mann, in der darauf folgenden Nacht wurden Molotowcocktails in den Gebäuden versteckt, in denen die Protestierenden Medien-, Kranken- und Rechtshilfestationen eingerichtet hatten. Die Waffen dienten dann als Vorwand für die berüchtigte nächtliche Razzia, bei der annähernd 100 Menschen von der Polizei in ihren Schlafsäcken verprügelt wurden, 61 Personen wurden ins Krankenhaus gebracht, wo viele von ihnen weiter geschlagen wurden, und 93 Personen wurden inhaftiert. Dies ist eine unendlich lange Liste; solange wir uns widersetzen, unterdrücken sie.

Die Kosten dieser Repression sind sehr hoch. Sie umfassen die stetige Abschaffung von Rechten und Freiheiten, die in einem Jahrhunderte andauernden sozialen Kampf errungen wurden, die Abschreckung von Menschen, sich an Protesten zu beteiligen, die Ablenkung von ernsthaften Diskussionen über die wichtigen Themen und den Entzug unserer Energie und unserer dürftigen finanziellen Ressourcen, wenn wir monate- oder jahrelang hohe Gerichtskosten abstottern müssen. Sie beinhalten auch langfristige physische und psychische Schäden und die Verschärfung innerer Konflikte, da wir uns selbst und anderen die Schuld für die Repressionen geben, die sich – abgesehen von technischen Fortschritten – in den letzten Jahrhunderten tatsächlich wenig verändert haben.

Dieser Prozess von staatlicher Repression – und das geheime Einverständnis der Medien, die unsere Bewegung sowohl als absurd als auch als gefährlich darstellen – schafft einen Teufelskreis, der eine immer negativere Wahrnehmung von Aktivismus und Kampf erzeugt, und führt zur allmählichen Distanzierung der Gesellschaftsteile, die nicht direkt an dem Prozess der sozialen Veränderung beteiligt sind. Dies ermöglicht dem Staat sein juristisches Regime zu verhärten und Aktivitäten als »extremistisch« und »terroristisch« umzudefinieren, deren Ziel es ist, eine Partizipation der Basis in einem neuen und wirklich demokratischen politischen Prozess zu ermöglichen.

Aber eine solche Zurschaustellung der Macht enthüllt paradoxerweise die Verwundbarkeit des Staates. Die Maske fällt allmählich und langsam können wir sehen, dass das, was er so verzweifelt zu schützen versucht, nicht natürlich ist, nicht unvermeidlich ist, sondern ein sorgfältig konstruiertes System, das massiven Druck und konstanten Kraftaufwand erfordert, um erhalten werden zu können. Wie die Zeitung Toronto Globe and Mail in der Woche nach den FTAA-Aktionen in Québec 2001 ironisch beobachtete: »Die brutale Reaktion auf Protestierende verleiht den Beteuerungen der Regierung, dass sie in der geplanten gesamtamerikanischen Freihandelszone die Anliegen von Arbeitsrecht, Umweltschutz und Demokratie behandeln werden, keine Glaubwürdigkeit.«

Ingenieure der Ungleichheit

»Ihr sagt über Anarchisten, sie seien ›meistens autonom, unverantwortlich, zahlenmäßig klein und nicht dazu bereit, ihre Taktiken aufzudecken. Sie würden Personen und Eigentum angreifen.‹ Das ist in wenigen Worten das, was die globale Wirtschaft ausmacht.«
John Lodge, Leserbrief in der Zeitung The Guardian, 23. Juli 2001

Heutzutage hat Klandestinität bei einer Gruppe von wenigen hohe Kunst erlangt. Inmitten elektronischer Netzwerke, Sitzungssäle und dem banalen Raum Tausender Konferenzzentren versucht eine kleine Gruppe von Geschäftsführern, Politikern und ›Infotainern‹ der Presse, unsere gemeinsame Zukunft zu konstruieren. Von ihren abgelegenen Standorten aus erklären sie die Geschichte für beendet, der Kapitalismus stünde unangefochten an erster Stelle und die Expansion des Marktes sei unvermeidbar, natürlich und richtig. Diese (überwiegend) Männer des Geldes sind die noblen Meister der dunklen Künste des Informationszeitalters, die Zauberer von Oz, moderne Raubritter, die Krieg gegen die Menschheit führen.

»WIR SIND KLANDESTIN, WEIL UNS BEWUSST IST, DASS WIR IN DIESER REGIERUNG KEINEN PLATZ HABEN, UND WENN DIE MENSCHEN SICH IN BEWAFFNETEN KÄMPFEN WIE DIESEM ERHEBEN, WISSEN SIE, DASS SIE KEINEN PLATZ HABEN. DESHALB ORGANISIEREN WIR UNS SO, HEIMLICH.«
Comandante Javier, Geheimes Revolutionäres Indigenes Komitee, EZLN

Es sind die drei Wirtschaftsminister, die im Geheimen den Vorsitz über den Ausschuss für Handelsfragen der WTO haben, dessen Entscheidungen zur Aufhebung von nationalen Umwelt- und Arbeitsschutz oder zu Sanktionen führen. Es sind die Autoren der FTAA und des MAI (Multilaterales Investitionsabkommen) – Texte, die erst nach Monaten intensiver internationaler Kampagnen der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurden. Es ist der Bürgermeister, der Polizeichef und alle größeren Nachrichtenmedien, die den Gebrauch von Hartplastikgeschossen in Seattle am 30. November leugnen, während zur selben Zeit die Internetseiten Indymedias mit Fotos überschwemmt wurden, die das Gegenteil beweisen.

Es ist Riordan Roett von der Chase Manhattan Bank, dessen berüchtigte aufgeflogene Aktennotiz vom 13. Januar 1995 lautete: »Obwohl Chiapas unserer Meinung nach keine fundamentale Bedrohung für die politische Stabilität Mexikos darstellt, wird dies allerdings bei vielen Investoren so wahrgenommen. Die Regierung wird die Zapatisten eliminieren müssen, um ihre effektive Kontrolle über das Staatsgebiet und der Sicherheitspolitik zu demonstrieren.«

Es sind einflussreiche Investoren wie Marc Helie, Teilhaber der Wallstreetfirma Gramercy Advisors, der sich im Jahr 2000 weigerte, einer einmonatigen Fristverlängerung für die Auszahlung von ecuadorianischen Anleihen zuzustimmen, die er besaß. Folglich beantragte Ecuador ein Darlehen beim IWF, dieser verlangte als Bedingung für den Kredit die Umstellung der Wirtschaft auf Dollars. Im Januar 2000 legten über eine Million indigene Ecuadorianer das Land durch Proteste lahm. Und Helie prahlte damit, dass er »der Mann (war), der Ecuador allein in die Knie zwang«.

Für die Architekten der globalen Wirtschaft ist Klandestinität nichts Neues. Sie ist das Fundament ihres Kartenhauses und dringt in jede unterstützende Struktur ein.

Aber ihre Maske fällt. Diese Zauberer hinter dem Vorhang werden als verlogene Profiteure enttarnt, die mit Rauch, Spiegel und Scheckheften spielen. Mit jedem Unternehmen, das in den Bankrott gezwungen wird, und dazu, ihre kreative Buchhaltung zu enthüllen, ihren gesamten geschäftlichen und politischen Großbrand; mit jedem zweifelhaften Geschäft, das ans Licht kommt, fällt die Maske ein Stück weiter. Ebenso wird ihre Welt mit jedem Akt der Repression – jedem Schlag, jedem Mord an einem Protestierenden, Gemeindeführer, jeder Frau oder jedem Mann, die für eine bessere Welt kämpfen – enthüllt, und wir vertiefen unser Verständnis über die wahre Natur globaler Wirtschaft. Es ist eine Natur, in der Armut, Unterernährung, Tod und Verzweiflung institutionalisiert werden, eine Tatsache, die immer mehr Menschen dazu veranlasst, den Sprung in den Glauben zu wagen, dass dort etwas Besseres sein muss und nach dieser tiefen Überzeugung zu handeln.

Während die Bewegung für globale Gerechtigkeit wächst, sind die Mächtigen weiter gezwungen, sich versteckt zu halten, sich hinter Zäunen zurückzuziehen, hinter die Fassaden der Demokratie, hinter denen Entscheidungen gefällt werden. Diese Verhandlungen müssen im Geheimen bleiben – schließlich handelt es sich um die Zukunft der Kontinente und des Planeten, und die sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, sollte nicht von den Menschen entschieden werden, deren Leben in Mitleidenschaft gezogen werden wird. Wenn Zäune nicht ausreichen, ziehen sich die Mächtigen in die Wüste zurück, traditionsgemäß ein Ort der Wallfahrt und Reinigung, ein passender Ort für die WTO, um nach ihrer demütigenden Niederlage in Seattle zu versuchen, ihre Legitimität wiederzuerlangen. Nicht einmal zwei Monate nach den Angriffen auf das World Trade Center machten sich die Wirtschaftsminister zu einer verzweifelten Wallfahrt nach Katar auf, zur 4. Ministerkonferenz. Sie sind mit Gasmasken und der Anti-Anthrax-Droge Cipro in ihren Aktentaschen bewaffnet und haben die Aufgabe, eine neue Runde von Wirtschaftsverhandlungen erfolgreich abzuwickeln. Maria Livonos Cattani, Generalsekretärin der Internationalen Handelskammer, erhöhte den Druck, indem sie sagte: »Wenn es keine neue Runde geben würde, würde dieser Rückschlag von allen Feinden des freien Welthandels und des Investments bejubelt werden, einschließlich derer, die hinter den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon stehen.« Indem sie die antikapitalistische Bewegung mit dem Terrorismus vergleichen, verwandeln diese Menschen eine Tragödie in eine Chance und bereiten eine globale politische Strategie vor, mit der sie versuchen, unsere Bewegungen zu zerschlagen.

Seit dem 11. September war es das Ziel vieler Regierungen, Dissidenten zu kontrollieren und zu zerstreuen, um mit ernsteren Geschäften Erfolg zu haben – z. B. dem der »Terrorismusbekämpfung«, Krieg, Grenzschließung, Begrenzung der Immigration, Umverteilung bundesstaatlicher Gelder und Einschränkung ziviler Freiheiten in einer Art und Weise, die die McCarthy-Ära wie eine kleine Unpässlichkeit aussehen lässt.

Weltweit brach die Repression hervor, als Regierungen sich darum rissen, Anti-Terror-Gesetze zu verabschieden oder bestehende auszubauen. Der USA PATRIOT Act, der neue Standards in staatlicher Kontrolle setzt, definiert innerstaatlichen Terrorismus als »Handlungen, welche menschliches Leben bedrohen und das Strafrecht verletzen«, wenn daraus »die Absicht zu lesen ist … dass sie die Politik einer Regierung durch Einschüchterung und Gewalt zu beeinflussen versuchen«, und zwar innerhalb der USA. Weil das Gesetz in solch vagen Begriffen geschrieben ist, kann es auch einfach gegen friedliche Proteste angewandt werden. Denn die meisten Proteste versuchen, die Politik zu beeinflussen, und natürlich ist es die Regierung, die bestimmt, was eine Bedrohung auf das Leben darstellt. Unter anderem erlaubt der PATRIOT Act die unbefristete Inhaftierung von Ausländern auf bloßen Verdacht, weitet die Möglichkeit der Regierung, geheime Nachforschungen anzustellen, aus, dehnt die Möglichkeit der Telefon- und Internetüberwachung durch die Vollzugsbehörden aus und gestattet dem FBI ohne Beweis für ein Verbrechen und ohne einen Gerichtsbeschluss Zugang zu Unterlagen über finanzielle, medizinische oder geistige Gesundheit und Bildung einer Person. Auf der ganzen Welt wurden großzügig ähnliche Gesetze erlassen. Zu den Ländern, die radikale sogenannte Anti-Terrormaßnahmen ergriffen haben, um hart gegen den lästigen Dissens im eigenen Land durchzugreifen, gehören Nepal, Thailand, Indien, Südkorea, die Philippinen, Japan, Indonesien und Großbritannien.

Wenn wir effektiver werden, müssen wir auch mit gesteigerter Repression rechnen. Denn es ist nicht unsere Militanz, es sind nicht die eingeworfenen Fenster oder Graffitis und auch nicht unsere moralischen Argumente, die sie fürchten. Es ist unsere Popularität. Es ist das Wachstum der Bewegung, die über die Grenzen von Nation, Klasse, Rasse, Geschlecht und Alter hinweg Resonanz findet. Die Wahrheit ist: Sie ordnen Razzien an, wenn sie uns am meisten fürchten.

Bis wir das anerkannt haben und neue Formen der Kommunikation und Wirksamkeit entwickeln, werden wir in dieser Endlosschleife fortfahren und weiter über das Für und Wider von Gewalt und Gewaltlosigkeit, über die Vielfalt von Taktiken gegen klare Aktionsrichtlinien diskutieren. Wie wäre es, wenn wir stattdessen kollektiv forderten, dass der Schwarze Block, der neben anderen Aktionsformen auch Sachbeschädigung gegen symbolische Institutionen des globalen Kapitals verübt, an der Entwicklung solider Bezugsgruppen mitarbeitet und sich für Kommunikationsformen untereinander und mit den übrigen von uns stark macht, um eine Infiltration in ihren Reihen zu erschweren? Und was, wenn wir forderten, dass die Pazifisten, die eher gewaltlosen zivilen Ungehorsam praktizieren, daran arbeiten würden, die Privilegien ihrer Rasse und Klasse, z.B. ihren Zugang zu den Medien zu teilen und zu versuchen, mit denjenigen in Dialog zu treten, die andere, scheinbar widersprüchliche Taktiken anwenden?

Was, wenn wir es ablehnten, bekannte Fehler wie diese zu wiederholen: Eine Gruppe meldet Besitzanspruch an für eine Aktion und alles, was dazu gehört, und verurteilt alle anderen, die nicht ihrer Meinung sind; eine andere Gruppe führt ihre größere Militanz an und stimmt die moralische Klage an, indem sie Reinheit fordert und an ihrer Entfremdung festhält, die faulig und bitter wird, weil alle anderen wie Feinde erscheinen. Was, wenn wir uns darauf einigten, dass niemand in der Nähe einer friedlichen Blockade Fenster einwirft, weil das einen Grund für Polizeiangriffe darstellt, und dass niemand einen anderen physisch oder verbal angreifen sollte, der Taktiken anwendet, die niemanden gefährden und die dem Ziel angemessen sind, egal, ob wir sie befürworten oder nicht?

Quebec Protest 2001 gegen die amerikanische Freihandelszone Der Begriff der ›Militanz‹ ist problematisch. Davon auszugehen, dass es militanter sei, sich zu maskieren und Pflastersteine auf die Polizei zu werfen, als unter Knüppelschlägen, Hufen von Polizeipferden und Pfefferspray-Einsätzen eine friedliche Blockade zu machen, ist absolut irreführend. Es ist ebenso irreführend, davon auszugehen, dass es legitimer sei, einen Demonstrationszug mit Zehntausenden Menschen von einem großen internationalen Wirtschaftsgipfel wegzuleiten und in einer verlassenen Gegend zu enden, anstatt einen verhassten Zaun niederzureißen, der sich durch das Zentrum deiner Stadt zieht, wie in Québec City.

Diese beiden Begriffe, Militanz und Legitimation, sind von der störenden Bedeutung der moralischen Überlegenheit infiziert, was die Spaltung zwischen den Gruppen, die sie für sich beanspruchen, nur noch weiter vertieft. Diesen Zug zur romantisierten Militanz gab es schon früher und wir können sehen, wie er heutige Bewegungen zu zerrütten droht, genau wie es in den 1970er Jahren in den USA und in Europa geschah. Auch wurden wir Zeugen davon, wie bestimmte NGOs ihre Rolle als legitimierte Andersdenkende einforderten. Wir sollten das Magazin The Economist zur Kenntnis nehmen, in dem stand: »Der Hauptgrund für den derzeitigen Boom von NGOs ist, dass sie von den westlichen Regierungen finanziert werden. Hier geht es nicht um wohltätige Zwecke, sondern um Privatisierung.«

Auf der anderen Seite spalteten sich in der jüngeren Geschichte populäre Bewegungen mit der Avantgarde-Vorstellung der ›Militanz‹ in legale Gruppierungen und klandestine Zellen, was es dem Staat mit einer einfachen Kampagne ermöglichte, diese Spaltung zu vertiefen, die erstgenannten zu kooptieren und die anderen zu infiltrieren.

Auf die Eskalation staatlicher Repression mit einer Eskalation von Gewalt (wir meinen damit Aktionen, die darauf abzielen, Menschen zu töten oder zum Krüppel zu machen) zu antworten, forciert eine Öffnung zur weitreichenden Polarisierung von Taktiken, den Zusammenprall mit einem Feind, der gewaltbereiter, destruktiver und korrupter ist, als wir uns vorstellen können. Waffen der Unterdrückung anzuwenden, um den Staat zu bekämpfen, legitimiert nicht nur dessen Taktiken, es macht es auch schwer, Unterschiede zwischen diesen Gruppen und dem Staat zu erkennen. In einem solchen Szenario heiligt das Ziel nicht die Mittel, denn ein Ziel, das durch Gewalt errungen wurde, kann unmöglich Freiheit und Gerechtigkeit enthalten. Zu einer solchen Dichotomie aufzurufen und sie anzuheizen, wenn es keine solide soziale Basis gibt, die eine solche Eskalation fordert, zeigt nicht nur kein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der großen Gemeinschaft der Widerständler, sondern auch eine politische Naivität und Selbstüberschätzung, als ob die Welt eine weitere kleine Gruppe von elitären, urbanen, selbsternannten ›Militanten‹ bräuchte, die von sich denkt, sie wüsste, was für uns das Beste ist und würde uns auf den richtigen Weg der Revolution führen. Es scheint mir, dass es genügend kleine Gruppen von Eliten gibt, die für uns Entscheidungen treffen; wir brauchen diejenigen nicht mehr, die behaupten, auf unserer Seite zu stehen. Genauso wenig brauchen wir diejenigen, die wir auf der anderen Seite des Zauns in Québec, Bangkok, Genua, Cancún, São Paulo oder Davos getroffen haben.

Trotzdem, wenn wir Taktiken und deren Anwender, mit denen wir uns nicht identifizieren können, verurteilen, sie isolieren, in gewisser Weise bestimmte ›Elemente‹ aus der Bewegung ausschließen und sie enteignen, zwingt uns das, wenn auch unbeabsichtigt, zu einer Kollaboration mit dem Staat. Wenn wir wirklich an die Schaffung einer neuen Welt glauben, die Selbstbestimmung, Autonomie, direkte Demokratie und Vielfalt unterstützt, müssen wir diese Grundsätze auf unsere Bewegungen ausweiten, anerkennen, dass es Raum für Wut, für Ungestüm, für Verwegenheit und Furchtlosigkeit gibt. Wir müssen auch begreifen, dass gewaltloser ziviler Ungehorsam keine universell einsetzbare Taktik ist. Einige brasilianische Aktivisten beklagten bitterlich, dass Hunderte Aktivisten, die an einem von US-amerikanischen Aktivisten geleiteten Training für gewaltlose direkte Aktionen teilnahmen, während der Anti-FTAA-Aktionen in São Paolo 2001 zu Klump geschlagen wurden. Ein Sitzstreik vor den Einsatztruppen der brasilianischen Polizei endete in einem Blutbad – das war vorhersehbar, sagen die etwas erfahreneren Einheimischen, die noch immer versuchen, das Vertrauen derer wieder aufzubauen, die bei ihrer ersten direkten Aktion solch brutale Schläge eingesteckt haben.

»NACH ZWEI JAHREN MILITANTER WERDENDER DIREKTER AKTION IST ES NOCH IMMER NICHT MÖGLICH, EIN EINZIGES BEISPIEL VON JEMANDEM ZU NENNEN, DEM EIN USAMERIKANISCHER AKTIVIST PHYSISCHEN SCHADEN ZUGEFÜGT HÄTTE …
DIE REGIERUNGEN WISSEN EINFACH NICHT, WIE SIE MIT EINER OFFENKUNDIG REVOLUTIONÄREN BEWEGUNG UMGEHEN SOLLEN, DIE ES ABLEHNT, IN DIE BEKANNTEN MUSTER DES BEWAFFNETEN WIDERSTANDS ZU VERFALLEN.«
David Graeber, »The New Anarchists«, New Left Review

Wenn wir uns vorrangig mit unseren Taktiken (ich bin ein gewaltloser Aktivist) oder unserer Kleidung (ich gehöre zum Schwarzen Block) identifizieren anstatt mit unseren Zielen, Vorstellungen und Träumen, macht uns das starr und unflexibel, absolut berechenbar, unfähig, uns weiter zu entwickeln. Wenn wir all die komplexen Probleme der Welt auf ein einziges Ziel mit einer einzigen Lösung reduzieren, liebäugeln wir mit den Strukturen von Autorität, Avantgarde und Elite. Wie immer müssen wir Zwischenräume finden, einen Ausgang aus der Dichotomie. Wir müssen jede Taktik im Kontext einer spezifischen Lage oder Sachverhalts prüfen. Wie es Massimo de Angelis ausdrückt: »Die einzig richtige Taktik ist die, die aus einem gemeinsamen Prozess des Engagements mit dem Anderen entsteht.« Und engagieren müssen wir uns, denn davon hängt unser Überleben ab.

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»Die realistische Richtung von Aktionen ist heute, das zu fordern, was scheinbar unmöglich ist, und das heißt: etwas Neues.«
Antoni Negri und Michael Hardt

Der einzige Weg aus den gegensätzlichen Vorstellungen von Engagement, wie sie von den Mächtigen zurechtgelegt wurden, herauszukommen, ist es, zu erkennen, dass wir keine Rückzugsmöglichkeit mehr haben. Es gibt keine sicheren Orte in einer Welt, die sich beängstigend schnell erwärmt, in einer Welt, in der das saubere Trinkwasser zur Neige geht, in der wir Zeugen der größten Artenvernichtung seit dem Verschwinden der Dinosaurier werden. Wir können nicht aufs Land zurück, Gemeinschaften bilden, die vom Netz abgeschnitten sind und uns in die Sicherheit eines Subkulturnetzes zurückziehen. Wie es Naomi Klein beim Weltsozialforum 2002 ausdrückte: »Die Bewegung ist der Notausgang aus dem Krieg zwischen Gut und Böse. Wir wissen, dass wir mehr als zwei Wahlmöglichkeiten haben.« Die einzige Sicherheit besteht darin, jetzt zu handeln, mit großer Überzeugung, mit absoluter Hingabe zum verstärkten Widerstand, mit der größtmöglichen Anziehungskraft und einer erbitterten Leidenschaft für die Entwicklung von Alternativen.

Seattle Protest Wenn wir damit erfolgreich sind, wird es unmöglich sein, uns zu kriminalisieren. Während es wichtig ist, dass Menschen weiterhin speziell gegen Repression arbeiten, müssen wir auch unsere Vision erhalten und stärken, unsere Fantasie entfesseln, unsere Anhängerschaft vergrößern und Kommunikationsstrategien entwickeln, um klar zu machen, was wir bereits wissen: Unsere Ideen sind in den Köpfen aller.

Die Globalisierung der Repression zeigt uns deutlich, dass unsere Bewegungen überall auf der Welt enorm erfolgreich darin waren, Räume abzusperren, in die der Neoliberalismus vordringen möchte. Sie macht uns auch bewusst, dass, egal wie hart sie versuchen, uns zu schlagen, zu isolieren, inhaftieren, beleidigen, diffamieren, infiltrieren, auf uns zu schießen und uns zu zerstören, wir gewinnen werden. Wir sind wirklich überall und wir sind nicht allein.