NGO-in-a-Box – freie Software für sozio-politische Arbeit

NGO-in-a-boxComputer-Software und das Internet sind die am weitesten entwickelten Bereiche der High-Tech-Industrie. Während andere Technologien bei progessiv und auch anarchistisch eingestellten Menschen auf wehemente Kritik stoßen, finden die meisten Erzeugnisse des IT-Sektors begeisterten Zuspruch und Anwendung. Tatsächlich ist das Internet mit seiner dezentralen Struktur sowohl für die lokale Ermächtigung als auch für die globale Vernetzung ideal geeignet und eröffnet die Möglichkeit des offenen und nichtkommerziellen Austauschs von Informationen und Programmen.

Das Internet ist eine „elekronische Allmende“ (Ira Nyman) – ein öffentliches Gut. Auf der anderen Seite darf nicht vergessen werden, dass die elekronische Infrastruktur, die Hardware, aufgrund des intensiven Ressourcenbedarfs in der Herstellung die schlimmsten kapitalistischen Auswüchse wie Umweltzerstörung und Ausbeutung der Arbeiterschaft erzeugt bzw. fortsetzt. Auch ist der Zugang zu dieser virtuellen Welt durch ökonomische Faktoren reglementiert. Für die sozio-politische Arbeit ist eine Aneignung dieser Technologie jedoch unausweichlich.

Das Tactical Technology Collective hat eine Vielzahl hochwertiger freier Software in „Kästen“ zusammengefasst. Doch es handelt sich nicht einfach nur um themenbezogene Verweise auf die Downloadmöglichkeiten. Die Programme werden erläutert, es werden teils umfangreiche Hilfen dazu angeboten oder verlinkt und es werden Fallstudien und Projekte vorgestellt, in denen die Anwendung der verschiedenen Programme in den Kontext der politischen Arbeit gestellt wird. Nicht-Regierungs-Organisationen werden hier recht weit gefasst; das ganze richtig sich an alle Menschen, die etwas verändern und verbessern möchten. AktivistInnen ohne „Breitbandzugang“ zum Internet können sich die Programme auf CD’s zusenden lassen.

Die Base Edition enthält eine Vielzahl an Büroanwendung aus den Bereichen Textverarbeitung, Finanzen, Spendenverwaltung, Projekt- und Contentmanagement, außerdem zahlreiche Online-Anwendungen wie Browser, Mail- und Chat-Clients, Programme zum Erstellen und Verwalten von Webseiten sowie Anti-Virus-Software. Bei dieser Sammlung wird die Zielgruppe der NGO’s am deutlichsten, da viele Anwendungen für die Professionalisierung politischer Arbeit gedacht sind, ohne das die AnwenderInnen dafür Experten sein müssen.

Inbesondere für klandestin arbeitende Gruppen, aber auch für investigative JournalistInnen, Menschenrechtsgruppen und Anwälte ist die Security Edition interessant. Hier werden Programme zum annoymen Surfen, chatten und mailen vorgestellt. Weitere Themen sind die Verschlüsselung von Daten, das sichere Löschen und wiederherstellen von Daten sowie der Schutz vor Viren und Spyware. Besonders die sichere Verwendung von Instant-Messaging-Programmen war mir neu – für das schnelle Übermitteln von Informationen und Absprachen ist das sehr interessant.

Die Open-Publishing Edition enthält Textverarbeitungsprogramme, Layout- und Grafikprogramme, Wiki- und Blog-Software sowie Programme zum Erstellen von statischen Webseiten. Hier habe ich das Programm Scribus kennengelernt, eine Desktop-Publishing-Software, mit der sich Flyer, Broschüren, Plakate und ganze Bücher relativ einfach in druckfertigen Formaten erstellen lassen. Scribus kann dabei mit den Marktführern Adobe Indesign und QuarkExpress – abgesehen vom Einsatz bei professionellen Grafikern vielleicht – mithalten. 2009 wurde in Belgien ein Buch, das kompett mit diesem und anderen Open-Source-Programmen erstellt wurde, als schönstes Buch ausgezeichnet. Hinzu kommt, dass dieses Programm für Windows, Linux und Mac sowie in 20 Sprachen verfügbar ist. Anders als OpenOffice ist es mit den teuren Marktführern leider nicht kompatibel. Ich hab Scribus getestet und kann es nur weiterempfehlen!

Die Audio Video Edition enthält Programme zum Abspielen von Audio- und Videodatein, Schnittsoftware sowie Podcast- und Streaming Software. Für Betreiber freier Radios und sonstige Medien-AktivistInnen, die mit bewegten Bildern und dessen Verbreitung im Netz arbeiten möchten, sind das die richtigen Werkzeuge.

Weniger mit Programmen sondern mit Taktiken beschäftigen sich die beiden Editionen Message-in-a-Box und Mobiles-in-a-box. Dort wird zum Beispiel erläuert, wie AktivistInnen mit SMS-Ketten arbeiten können, wie Handy-Kameras optimal eingesetzt werden können, wie sich eine Guerrilla marketing Aktion organisieren lässt oder wie politische Cartoons (Grassroots comics) einfach gestaltet werden. Insbesondere die Anleitungen über annonymes Bloggen sowie annonymes Hosting werde ich mir noch genauer anschauen.