Gelesen (8): Hier und Jetzt – anarchistische Praxis und Theorie (von Uri Gordon)

Uri Gordon Hier und JetztDer neue Anarchismus, eine Strömung in der politischen Kultur etwa ab den 1960er-Jahren, zeichnet sich durch seinen vorwegnehmenden Charakter – Stichwort Selbstgestaltung –, durch seine Vielfalt und Offenheit, die es nicht erlaubt ein detailiertes, anarchistisches Zukunftsmodell zu beschreiben und durch die Ablehnung von Herrschaft im allgemeinen aus. Der Anachismus der Vorgängergeneration war dagegen explizit gegen „Staat“ und „Kapital“ gerichtet. Uri Gordon, der an der Oxfort Universität über anarchistische Politik promoviert hat und selber mit zahlreichen anarchistischen und radikalen Bewegungen wie Indymedia, dem Dissent!-Netzwerk, Peoples‘ Global Action und Anarchist Against the Wall zusammengearbeitet hat, versucht mit seinem 2008 bei Pluto Press (London) erschienenen Werk Anarchy Alive! Anti-authoritarian Politics from Practice to Theory den aktuellen Forschungsstand der anarchistischen Theorie zu reflektieren.

Durch seine eigenen Erfahrungen als engagierter Aktivist ist dieses Werk jedoch nicht nur ein Glasperlenspiel der politischen Theorie, sondern versteht es die zahllosen Fäden der anarchisten Theorie mit den vielfältigen praktischen Entwürfen zu verbinden. 2010 ist das Buch auf deutsch im Hamburger Verlag Edition Nautilus erschienen.

Das Vorleben als anarchistischer Moment

Eine große Stärke von Uri Gordon ist sein souveräner Umgang mit den Begrifflichkeiten, mit denen sich die aktuellen anarchistischen Strömungen fassen lassen. Einer der wichtigsten Begriffe ist in diesem Zusammenhang der der „vorwegnehmenden Politik“, der eng mit dem der direkten Aktion verbunden ist. Im Unterschied zu anderen utopischen Entwürfen, wie wir sie im Marxismus oder im Christentum finden, soll ein gesellschaftlicher Wandel nicht in eine positiv imaginierte Zukunft oder gar im Jenseits vollendet werden, sondern im Hier und Jetzt. Das gelebte Vorbild, die Kleinteiligkeit, die Unvollständigkeit, die Unzulänglichkeit, die Ergebnisoffenheit und die Selbstbefreiung zeichnen diese „Vorwegnahme“ aus. Sowohl aktionistische Formen von Politik, wie „culture jamming“, als auch langfristige Projekte, wie selbstverwaltete Häuser und Landkommunen, funktionieren auf Basis dieser Idee. Die Vorwegnahme soll dabei als Modell für gesellschaftlich angestrebte Strukturen, also auch Staatssubstitute, dienen, die zu einer „Aushöhlung des Kapitalismus“ – weniger von Rechts- und Sozialstaat – führen. Nicht Forderungen stehen im Vordergrund, sondern die Verwirklichung.
Die Vorwegnahme als Idee der Gesellschaftstransformation war aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im anarchistischen Diskurs präsent. So lesen wir bei Emma Goldman in ihren Reflektionen über die russische Revolution:

Alle menschliche Erfahrung lehrt, dass Methoden und Mittel nicht vom angestrebten Ziel getrennt gesehen werden können. Die angewandten Mittel werden durch persönliche Gewohnheiten oder gesellschaftliche Praxis Teil des letztendlichen Zwecks; sie beieinflussen ihn, verändern ihn, und schließlich werden Mittel und Zweck eins … ethische Werte die die Revolution für die neue Gesellschaft durchsetzen soll, müssen mit den revolutionären Aktivitäten der sogenannten Übergangsperiode bereits initiiert werden. Dies kann als echte und zuverlässige Brücke zu einem besseren Leben nur dann gelten, wenn sie aus demselben Material gebaut ist wie das Leben, das über sie erreicht werden soll.

Neben der Notwendigkeit der vorwegnehmenden Praxis ist dies auch ein Plädoyer gegen die Anwendung von Gewalt zum Erreichen gesellschaftlicher Ziele.

Obwohl der Anarchismus prinzipiell philanthropisch geprägt ist, wird das Modell des „neuen Menschen“ infrage gestellt. Damit geht eine Verabschiedung von meist totalitären Ideologien der Arbeit und Erziehung einher. Es wird nicht mehr davon ausgegangen, dass das menschliche Verhalten durch die Veränderung der politischen und kulturellen Umwelt zum prinzipell Guten geändern werden kann – dieser Gedanke wurde dem französischen Poststrukturalismus entlehnt. Daraus wird gefolgert, dass es für Anarchisten wohl immer etwas zu tun gibt. Auch Noam Chomsky, der wohl bekannteste Anarchist unserer Zeit, spricht von einem „endlosen Kampf“.

Die Organisationsform anarchistischer Gemeinschaften ist netzwerkförmig. Diese Netzwerkstruktur, die mit einem Rhizom – in Ausbuchtungen wuchernde Wurzeln von Pflanzen wie Bambus – verglichen wird, ist dabei auf der Mikroebene der Bezugsgruppen (ein punktuelles Zusammengehen von Menschen) und Kollektive (dauerhafte Gruppen) als auch auf der mittleren und der Makroebene anzutreffen. Das Netzwerk wird hier als eine durchgehende kulturelle Logik begriffen.

Der neue Anarchismus sieht sich bisweilen harscher Kritik von Menschen aus traditionellen linken Strukturen ausgesetzt – neulich konnte das bei AKA nachvollzogen werden. Kritik kommt aber auch aus den eigenen Reihen. Ein typisches Beispiel dafür ist Murray Bookchins Kritik am Lifestyle-Anachismus und die Reaktion von Bob Black. Insbesondere der hohe Grad an Subjektivismus und das Fehlen einer leitenden Ideologie mit „letzten Wahrheiten“ ist für die Vertreter der alten Schule ein Ärgernis. Auch VertreterInnen einer imaginierten „realitätsnahen Weltauffassung“ macht das Fehlen komplexer und detailgetreuer Theoriegebäude oft schwer zu schaffen.

Freiwillige Assoziationen ohne Durchsetzungsmechanismen

Sehr eingängig gelingt es Uri Gordon die grundsätzliche Denkrichtung des Anarchismus zu erläuern. Der Demokratie-Diskurs geht ausnahmslos von der Prämisse aus, dass der politische Prozess letztlich in kollektiv bindende Beschlüsse resultiert. Im Anarchismus basieren die Assoziationen der Individuen auf freiwilliger Basis und es existieren keine Durchsetzungsmechanismen – also keine Exekutivorgane. Demnach ist Anarchismus nicht die radikalste Form der Demokratie, sondern folgt einem grundsätzlich anderen Paradigma kollektiven Handelns. Die Art der Entscheidungsfindung ist dabei von zweitrangiger Bedeutung – diese Prozesse können in beiden politischen Denkrichtungen durchaus ähnlich sein. Die Entscheidungsfindung im Konsens dürfte die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung ohne Zwang jedoch deutlich erhöhen.
Trotz des zentralen Unterschieds zwischen Demokratie und Anarchismus, so möchte ich ergänzen, schließen sich diese beiden Formen der Herrschaftsmanifestation nicht gegenseitig aus, da beide ihren Ursprung im Liberalismus haben und damit eine grundsätzliche Fähigkeit zur Toleranz aufweisen.

Diskurs über Gewalt und Technikkritik

Die Diskussion über Gewalt ist einerseits eine endlose, andererseits kollidiert allein schon das Nachdenken darüber mit dem hegemonialen Diskurs unhinterfragter Gewaltfreiheit. Die Tugend der Gewaltlosigkeit löst sich jedoch angesichts der wieder zunehmenden Kriege und dem Gewaltexport in postkoloniale Erdteile zunehmend auf. Im oben aufgeführten Goldman-Zitat wird bereits ein einleuchtendes Argument für anarchistische Gewaltlosigkeit deutlich, dem sich Gordon anschließt. Allerdings, so argumentiert er,

ist die vorwegnehmende Verwirklichung eines anarchistischen Modells freiwilliger Gewaltlosigkeit eindeutig nicht umzusetzen, weil der Staat dem entgegensteht und systematisch Gewalt einsetzt, die Idee einer universellen Übereinkunft über Gewaltfreiheit also ereitelt.

Für einen israelischen Anarchisten ist diese Argumentation mehr als nachvollziehbar. Gorden geht daher davon aus, dass eine grundsätzliche Gewaltlosigkeit nur zwischen anarchistischen Institutionen möglich ist.
Außerdem sieht er in der Gewaltanwendung gegen staatliche Institutionen auch eine Vorwegnahme zukünftiger Kämpfe um die herrschaftsfreie Idee – eine philosophisch nicht unbeachtliche Übung, dem Laien wohl aber nur schwer zu erläutern.

Ähnlich argumentiert er in seiner Vorstellung von drei möglichen anarchistischen Technologie-Ansätzen für eine Anwendung von Gewalt gegen neue Technologien

wenn diese darauf ausgerichtet sind, Machtkonzentration und soziale Kontrolle, Ungleichheit und Umweltzerstörung zu verstärken.

Diese Argumentation ist zunächst einleutend, jedoch muss bedacht werden, dass jede technische Innovation primär der Profitmaximierung dient, und damit Ungleichheit als Folge hat. Sinnvoller ist es – so finde ich – die innovative Stärke der Marktwirtschaft zu nutzen und die Technik als solche aus ihrer Profitlogik zu befreien. Auf alle Technologien – z.B. staatliche Überwachungstechnik – dürfte das aber nicht anwendbar sein.
Auch Gordons Gegenvorschlag zur Hochtechnologisierung erscheint schlüssig. Da Technologie allermeist dem gesellschaftlichen Projekt zum durchrationalisierten Aufbau von Überschüssen und Kapazitäten dient, schlägt er eine an die Permakultur orientierte Herangehensweise vor, deren Eckpfeiler Dezentralisierung, Kritik an Arbeitsteilung und Spezialisierung, relative Genügsamkeit und Verlangsamung sind.
Obwohl er auch die Selbstverteidigung nicht als generelles Argument der Gewaltanwendung gelten lässt, da diese den Gedanken der „präventiven Verteidigung“ in sich führt, entgleitet ihm der Gewaltdiskurs an einer Stelle jedoch vollends. So spricht er gewissen Gewalterfahrungen, z. B. während Demonstrationen, eine „belebende“ oder gar „befreiende“ Wirkung zu.

Ebenso so kritisieren ist Gordons strikte Unterscheidung zwischen „zivilem Ungehorsam“ und „direkten Aktionen“. Erstere sind ihm zufolge eine Art konfrontativer Dialog zwischen unbeugsamen BürgerInnen und dem Staat, der die staatliche Legitimität nicht grundsätzlich infrage stellt, wodurch die staatlichen Institutionen eher bestätigt als herausgefordert werden. Damit driftet Gordon in frühere Denkmuster, die die Konfronation mit dem Staat als ganzem suchten, ab und verliert die Vielfalt anarchistischer Handlungskonzepte aus dem Blick.

Moderner anarchistischer Diskurs

Die Schwächen dieses Werkes sind hauptsächlich seinem relativ geringen Umfang geschuldet. Die sehr interessanten Ansätze der Permakultur und des Bioregionalismus, in den er im letzten Kapitel über anarchistische Aktivitäten gegen die Besatzung Israels in Palästina als mögliche alternative Denkrichtung in diesem Konflikt einführt, werden nur am Rande behandelt. Auch fehlt es den praktisch versierten Lesenden an konkreteren Beispielen des gelebten Anarchismus. In den modernen anarchistischen Diskurs führt dieses Buch jedoch in klarer und prägnanter Sprache ein, ohne zunächst Ausschweifungen in die Theoriegeschichte unternehmen zu müssen. Die gründliche und praxisnahe Analyse von Machtverhältnissen und die zahlreichen Denkansätze im Technologiediskurs machen dieses Buch ebenso zu einer Bereicherung für politisch Aktive. Neben der theoretischen Einführung in diese politische Philosophie von Hans Diefenbacher, den Werken von Gabriel Kuhn zu neuen Entwicklungen der libertären Bewegung in den USA und seiner anarchistischen Textsammlung, dem Standardwerk von Horst Stowasser und der traumhaften Geschichten-Sammlung über die weltweite globalisierungskritische Bewegung, sollte dieses Buch in keinem kritischen Buchregal fehlen.

Uri Gordon: Hier und Jetzt – anarchistische Praxis und Theorie. Edition Nautilus, Hamburg 2010, 18 €