Die Passion des Knöchels der Nation

Die dämmliche Stimme der deutschen Volksseele berichtet, daß Michael Becker, Ballacks Berater, Kevin Boateng strafrechtlich und zivilrechtlich verfolgen will. Die öffentliche Entschuldigung von Boateng reicht offenbar nicht. Notwendig wäre dies eigentlich nicht. Schließlich hat sich der Treter schon auf dem Platz entschuldigt. Boateng zeigt damit sehr viel mehr Charakter, als Ballack jemals hatte. Der schweigt nämlich weiter standhaft zu seiner ungeahndeten Tätlichkeit dei Minuten zuvor.

Dafür sprüht sein Berater weiter Gift. Er schäumt geradezu und will von Boateng Schadenersatz in siebenstelliger Höhe, weil seinem makellosen Schützling durch seine Verletzung Sponsorengelder und Prämien entgehen. Er geht sogar noch weiter und nennt Boateng einen uneinsichtigen Gewalttäter, dessen mehrfache Entschuldigung und dessen Schock über die Verletzung unehrlich wären. Gegenüber der Welt polterte er wahrhaftig rüpelhaft gegen Boateng. Schließlich entgeht auch ihm einiges an Geld.

Diese nachgeschobene Entschuldigung ist frei erfunden. Das ist eine reine Schutzbehauptung eines uneinsichtigen Gewalttäters, der schon des Öfteren in dieser Richtung auffällig geworden ist.

Becker läßt aber außer acht, daß der (rassistische) Gewalttäter Ballack nie verletzt worden wäre, wenn er für seine Tätlichkeit vom Platz gestellt worden wäre. Aber soweit kann Ballacks Berater selbstverständlich nicht denken. Er sieht nur die entgangenen Millionen seines Schützlings.

Im Übrigen sind Ballacks tätlichen Aussetzer nicht neu. Der weiße Recke und Symbol deutscher Tugendhaftigkeit reagiert nicht selten emotional und lautstark auf dem Rasen. Er pöbelt, grunzt, läuft nach umstrittenen Entscheidungen gerne dem Schiedrichter hinterher. Manchmal fuchtelt er wild mit den Armen und versucht so sein fußballerisches Unvermögen zu kaschieren. Außerdem sieht er überall Absicht, Betrug und Verschwörungen! Ganz im Sinne des modernen, deutschen Nationalismus.

Boateng war vor Jahren auch schon einmal Opfer des Cholerikers und notorischen Gewalttäters Michael Ballack. Damals hat der Chemnitzer den Berliner rüde gefoult und sich selbstverständlich nicht entschuldigt. Vielmehr legte er, wie der Vater von Boateng in der B.Z. erzählte noch eine Herabwürdigung nach die eine Kolonialherr gegenüber dem Sklaven nicht besser hätte formulieren können.

Ich erinnere mich an ein Vorkommnis aus Berliner Zeiten. Kevin hatte eine Woche vorm Spiel gegen die Bayern sein erstes Bundesliga-Tor geschossen. Im Spiel ist ihm dann Ballack auf den Fuß getreten. Als Kevin nachgefragt hat, was das soll, hat Ballack zu ihm gesagt: „Halt die Klappe! Nur weil du gegen Frankfurt ein Tor geschossen hast, musst du nicht denken, dass du der Größte bist.

Er war weder der Größte, noch wollte er ein solcher sein. Aber Ballack scheint Konkurrenz gesehen zu haben. Schließlich will er der größte Macker auf dem Feld sein. Die bösen Anderen, die Ballack sämtlichst seinen hart erarbeiteten Erfolg streitig machen wollen, watscht er deshalb gerne auch mal ab.

Insbesondere am Sonntag war er gut dabei mit Händen und Füßen gegen den Absteiger Portsmouth den Pokal zu holen. Unmittelbar vor der Ohrfeige an Boateng rangelt er im Gesicht eines anderen Spielers. Danach setzt er seinen Arm- und Handeinsatz fröhlich weiter fort. Auffällig ist, daß die Gegner, die Ballack mit einer Ohrfeige belohnt durchgehend schwarz sind.

Schon vor vier Jahren langte Ballack ordentlich zu und trat den am Boden liegenden Momo Sissoko. Ein besonderer Grund für sein rüdes Foul war nicht erkennbar. Aber schließlich braucht der Kolonialherr auch keinen besonderen Grund. Er darf jeden Sklaven so oft treten, wie er will. Auch damals gab es keine Entschuldigung.

Heute kommt allerdings eine widerliche nationale Komponente hinzu. Die ARD ließ es sich nicht nehmen einen Brennpunkt zum Ausscheiden von Ballack zu bringen. Darin wurde der alternde Ex-Mittelfeldstar zur tragischen Figur stilisiert. Die Springerpresse geht noch einen Schritt weiter und entwirft eine mythische Passion des Ballack, den der (offenbar keltische) Fußballgott nix göhnt.