„Zweifel am sozialen Charakter dieses Spielers“

Beim schwarzen blog gibt es einen interessanten und sehr guten Artikel mit einigen Hintergründen zur tendenziell rassistisch konnotierten Berichterstattung bezüglich Boatengs Foul und Ballacks Ohrfeige.

Das Video verdeutlicht eindrucksvoll (und widerwärtig) die Konstruktion einer vermeintlichen deutschen Leidensgeschichte der Nationalmannschaft, der teutonischen Fußballseele und seines lupenreinen, schicksalhaft ausgeschiedenen Kapitäns. Die Ohrfeige von Ballack ist ca. bei 1:50 min zu sehen. Wieder wird die Revanche-Foul Mär reproduziert.

Schlimmer ist allerdings Walter M. Straten, der Bild-Sportchef, der ernsthaft meint, daß das Verhalten von Boateng auf dem Platz am sozialen Charakter dieses Spielers zweifeln lassen sollte. Damit legt er in der Stigmatisierung des Ex-Berliners und Neu-Ghanaers noch einen drauf und überträgt Boatengs sportliches Verhalten auf seinen vermeintlichen Charakter und weist im beinah schon soziopathische Exzesse zu.

Ballack ist von dieser Übertragung selbstverständlich ausgeschlossen. Er bleibt sauber. Schließlich wurde er gefoult und ist ein Opfer. Das er außerhalb des Rasens Menschen schlägt und einen gewalttätigen Charakter hat, weil er auf dem Platz gerne mit seinen Händen in den Gesichtern (bevorzugt schwarzer Spieler) rumwischt, würde wahrscheinlich jede_r als absurd bezeichnen. Nur bei Boateng ist dies wohl einleuchtend.

Naja, hier ein Auszug des Artikel des schwarzen blog, der explizit auf die Diskrepanz zwischen dem Ruf nach öffentlicher Bestrafung für weiße Spieler_innen und p.o.c. verweist.

Angesichts der Tatsache, dass Boateng sein Bedauern über Ballacks Ausfall zum Ausdruck gebracht und zudem angegeben hat, dass er nicht den Vorsatz gehabt habe Ballack zu verletzen, kann hier durchaus von Doppelmoral gesprochen werden. Auch Anzeichen für eine rassistische Motivation des Medialen Echos (inklusive Web 2.0) sind vorhanden:

Als Michael Ballack am 3. März 2010 im Länderspiel zwischen Deutschland und Argentinien den weißen argentinischen Verteidiger Demichelis bei einem Foul so schwer verletzte, dass dieser anschließend mit einem Jochbein- und Augenhöhlenbruch im Krankenhaus behandelt werden musste und eine zeitlang in seiner Vereinsmannschaft ausfiel, gab es keinerlei vergleichbares Medienecho diesbezüglich. Niemand in den deutschen Medien unterstellte Ballack damals Absicht, noch hat Ballack sich dafür offenbar entschuldigt. Ballack ist zudem in der Vergangenheit in Fußballspielen bereits durch einige schwere Fouls und Unsportlichkeiten aufgefallen, worüber deutsche Medien jedoch kaum berichten. Im besagten Finale des FA-Cups hatte Ballack Boateng sogar absichtlich ins Gesicht geschlagen, was nicht geahndet wurde und deutsche Medien kaum thematisierten.

Der ehemalige weiße deutsche Fußballnationalspieler Sebastian Deisler fiel wenige Wochen vor der Fußball-WM 2006 wegen einer Verletzung in einem vereinsinternen Trainingsspiel aus. Der weiße englische Spieler Owen Hargreaves hatte ihn in jenem Spiel gefoult. Es gab ein großes Medienecho hierzu, jedoch keine Schuldzuweisungen und Attacken gegenüber Hargreaves. Es wurde betont, dass es sich um ein „Unglück“ handele.

Der französische Spieler Franck Ribery vom FC Bayern München foulte im Champions-League-Halbfinale 2010 seinen gegnerischen Spieler von Olympique Lyon. Ribery erhielt die Rote Karte und drei Spiele Sperre. Der gegnerische Spieler verletzte sich zwar nicht schwer, doch das Foul ähnelte vom Erscheinungsbild dem von Boateng. Im Gegensatz zu Boateng wurde seitens großer Teile der Medien sogar gefordert, die Spielsperre für Ribery zu verkürzen.

Allein anhand dieser -exemplarisch aufgeführten- Sachverhalte wird ersichtlich, dass die initiale Berichterstattung zu Kevin-Prince Boateng vorurteilsbeladen und zumindest grob einseitig war.