„Ich Religion dir auch gleich eine!“

Mit Religion hat der Kopftuch- und Verschleierungsfetisch im Iran wenig zu tun. Vielmehr wollen die Wächter_innen den patriachalen Machtanspruch der Mullahs repressiv und im öffentlichen Raum sichtbar sakral untermauern. Sie zementieren damit mit einem aufwendigen intellektuellen, theologischen und abergläubischen Spektakel die Entrechtung der Frau.

Die gemäßigten Parallelen in der europäischen Gesellschaft läßt sich im Fußballdiskurs, der immer noch als männliche Sportart bezüglich der Aktiven aber auch der Fankulturen gilt. Deshalb ist die Dokumentation Football under cover des Kenners des iranischen Frauenfußballs und Filmemachers Ayat Najafi und David Assmann nicht nur hinsichtlich des absurden iranischen Sexismus, sondern auch der deutschen Selbstreflexion interessant.

Die Situation des Frauenfußball in Deutschland gilt als ganz besonders progressiv und fortschrittlich. Die Fußballerinnen spielten in diesem Jahr erstmals getrennt von den Männern ihr eigenes DFB Pokal Finale in Köln aus. Turbine Potsdam hat grandios das Finale der Champions League gewonnen und durfte den UEFA Women’s Cup mit nach Hause nehmen. Im nächsten Jahr ruft die FIFA zum World Cup nach Deutschland. Der DFB erwartet ein weiteres Sommermärchen und will es mit einem Pokal im eigenen Land krönen.

Was allerdings gerne vergessen wird, der Frauenfußball in Deutschland ist relativ jung und hatte seine institutionelle Geburt in den 70igern im Unrechtsstaat DDR. Schon Ende der 60iger Jahre, so erzählt die Mutter der iranischen Nationalspielerin Narmila in der Doku von flying moon aus dem Wedding, gab es schon eine lebendige weibliche Fußballszene im Iran. Erst die Revolution und die Vermählung der Spielerinnen beendete die kurze Blüte.

Heute spielen sie wieder. Mit langen Hosen, langen Shirts, mit Kopftuch und unter der permanten Beobachtung sowie Bestrafung der schwarzgekleideten Wächterinnen, die ihre eigene (religiöse) Marginalisierung arrogant und aggressiv gegen junge Iranerinnen richten. Ungehöriges Verhalten, Haare, Haut und Emotionen sind nicht erlaubt. Übertretungen werden dokumentiert und bestraft. Aber sie spielen trotzdem und gewinnen.

Jedes Spiel wird dabei zur politischen Demonstration. Das was im vergangenen Jahr nach den Wahlfälschungen der Mullahs passierte, die Lebensfreude des Protestes und die Dominamz von Frauen, lebt schon seit Jahren im Stadion beim Frauenfußball. Die Repression der Wächter_innen greift nur marginal. Wenn beinah alle die Kleiderordnung nicht mehr einhalten, frenetisch ihre Frauschaft feiern und die Gegnerinnen kreativ beschimpfen, bleibt den entkörperlichten Schwarzverschleierten wenig Handlungsspielraum.

Auf dem Platz sieht das anders aus. Niloofar, die iranische Organisatorin des ersten Spiels der Frauenfußballnationalmannschaft gegen den BSV Al Dersimspor aus Kreuzberg wurde wahrscheinlich aus politischen Gründen, weil sie sich an der Universität zu feminstisch und emanzipativ bewegte, ausgeschlossen. Sie mußte von der Tribüne zuschauen.

Niloofar durfte nicht spielen. Die letzte Szene der Doku schließt den Kreis zum Anfang. Niloofar kickt allein auf einem Bolzplatz am Rande von Teheran. Der Sand und der Staub, der die Perspektiven verschleiert, ist die verbindende Linie im Film. Sie bleibt allein. Am Ende wird sie wortlos und dominant von Fußballspielern verdrängt und des Platzes verwiesen. Am Rand wartet sie, bis es dunkel wird.

Das Rückspiel in Kreuzberg 14 Monate nach dem Spiel in Teheran wurde von den iranischen Behörden verhindert. Selbstorganisierte Aktivitäten der Frauenfußballerinnen durfte es nicht geben. Es wäre das erste Spiel einer einer iranischen Frauennationalmannschaft im Westen gewesen. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben!

Vielleicht gibt es doch noch ein Rückspiel. Vielleicht werden in Zukunft auch arabische Frauen weltweit spielen dürfen. Eventuell unverschleiert und in Shorts. Allerdings dürften sie dann unschlagbar sein ;-)