Kindstraumatisierung, Polizeigewalt und Menschenjagd

Die Berliner Polizei spricht immer noch von einem Sprengsatz. Die Agenturen wiederholen wieder besseren Wissens in unkritischem Gehorsam die Mär‘ von militanten, wenn nicht gar terroristischen Black Bloc Aktivist_innen. Der Bundestag wird heute nachmittag auf Verlangen der CDU / CSU Fraktion über Bedrohliches Anwachsen linksextremer Straftaten in Deutschland debatieren und gewohnt extremistisch gegen alles jenseits des bürgerlichen Mainstream wettern. Völlig unerwähnt in der Berichterstattung zur Krisendemo in Berlin bleibt die erneute massive Polizeigewalt und Einschüchterung friedlicher Demonstrant_innen.

Im Ost:Blog wurde ein Video veröffentlicht, daß einige Polizeiübergriffe auf friedliche Demonstrant_innen zeigt. Außerdem entsteht der Eindruck, daß behelmte Polizeieinheiten insbesondere bei der Abschlußkundgebung die Demonstration immer wieder angriffen, willkürlich Personen festnahmen und sich Verfolgungsjagden mit Teilnehmer_innen lieferten.

Wie ab ca. Minute 5:55 des Videos zu sehen ist, wird ein Mensch im Beisein seiner Kinder von behelmten Robocops zu Boden geworfen, durch mehrere Beamte festgehalten und später weggeführt. Einige der anderen uniformierten Hooligans der einschlägig bekannten 13ten Einsatzhundertschaft umringen den Menschen – mit Gas im Anschlag – und stoßen die Kinder weg. Die reagieren hysterisch, völlig verängstigt und überfordert. Sensibilität und Deeskalation, wie Glietsch so gerne seine Ausgestreckte Hand Taktik verharmlost, sieht anders aus. Ich würde es bewußte, paramilitärische Willkür mit Traumatisierungspotenzial nennen.

Die Berliner Polizei wartete – eventuell auch wegen möglicher Videos zur Polizeigewalt – einige Stunden ab, bis sie ihre Version des Tages veröffentlichte. Verletzte Demonstrant_innen, widerrechtliche Ingewahrsamnahmen, gemeinschaftliche Körperverletzung im Amt sowie Strafvereitelung kamen darin nicht vor. Wichtiger war, daß ein Böller zum Sprengsatz mutierte und durch Springer so als Splitterbombe dramatisiert werden konnte.

Warum es bei dem Anschlag auf Polizist_innen allerdings nur verletzte Beamte gab und die zahlreich in der Nähe des Böllers stehende Demonstrant_innen unversehrt blieben ist mir schleierhaft. Wie der linke Terror, der schon in Rostock mit Säure und Rasierklingenäpfeln oder in Genua mit HIV-Blutkonserven die freundlichen Polizist_innen töten wollte, scheinbar selektiv nur behelmte Berliner_innen der Einsatzhunderschaften behelligt, ist ebenfalls merkwürdig.

Die nach dem 1. Mai und den prügelnden Beamt_innen in die Kritik geratene Berliner Polizei braucht unbedingt ein uniformiertes Opfer. Schließlich ruft ihre Gewerkschaft zu den Waffen und gegen die Kennzeichnung. Glietsch, Körting und Co. müssen unbedingt verletzte Polizist_innen-Händchen schütteln. Sonst glaub ihnen vielleicht niemensch mehr, daß sie sich für ihre Beamt_innen einsetzen. Vielleicht ist die Agent Provocateure Legende doch eine Option . . .