Steckbrief-Terror, autonome Milizen und herrschsüchtige Anarchist_innen

In einer ganzen Seite hat sich die konservative Berliner Zeitung am Dienstag mit Kreuzberg, seinen autonomen Besetzer_innen und der vermeintlich sozialkritischen Kunstszene, die zur Zeit am Oranienplatz ihre industrielle Jahresvollversammlung zelebriert und sie Biennale nennt, gewidmet. In dem Leitartikel werden freiRaum Aktivist_innen als Kopfgeldjäger_innen, nationalsozialistische Schlägertrupps der SA und paramilitärische Milizen beschimpft. Außerdem wird ihren Plakataktionen Gewaltverherrlichung, Herrschaftssehnsucht und Faschismus vorgeworfen.

Harald Jähner, der Autor des Leitartikels, ambitionierter Leser der bildungsbürgerlichen Zeit, die seit Jahren ihre sozialchauvinistische Ader und bürgerlichen Exklusivitätsansprüche kultiviert, rotzt fröhlich eine dämmliche Phrase nach der anderen aus, die der Jungen Freiheit und den Herren antilinken Wissenschaftler_innen Backes und Jesse das ideologische Herz tanzen lassen. Dieser giftige Kommentar, der eher ein blindes rechtes Auge offenbart, statt sich kritisch mit den Aktionen von Gentrifizierungsverlierer_innen auseinanderzusetzen, könnte unredigiert auch in der Deutschen Stimme oder der freien Nazipostille Blaue Narzisse veröffentlicht werden.

Andererseits behauptet Jähner permanent das linke Aktionsrepertoire wäre genuin faschistischen Ursprungs. Die Methode Steckbrief soll sogar aus dem Arsenal von Neo-Nazis stammen. Allerdings frag ich mich, warum Outings, wie gerade im Breisgau geschehen, zumeist örtliche Nazis betreffen. Jähner kommt um diese Differenzierung verdammt clever herum, denn schließlich sind Steckbriefe und die Linken, sogar die Anarchist_innen, sowieso alle terroristisch.

Ganz besonders absurd wird es aber, wenn Jähner den vermeintlichen Fetisch von Autonomen konstruiert, ausgerechnet mit ausrangierten Wannen durch die Gegend zu fahren und eine Kiezmiliz aufzubauen, die eine Ordnung nach Herrenmenschenart installieren möchte.

In Kreuzberg ist das nicht neu. Unvergessen das Fäkalienattentat auf das Edel-Restaurant Maxwell 1987, das für die Geschmacksnerven der sogenannten Kübelgruppe nicht nach Kreuzberg passte und deshalb mit ausgekippter Scheiße vertrieben wurde – auch das eine Methode, die faschistischen Ursprungs ist. In den frühen Dreißigern terrorisierten SA-Truppen auf diese Weise „undeutsche“ Kinos, Kaufhäuser und Cafés.

Als ob das nicht schon widerlich genug ist, legt die Redaktion der Berliner Zeitung noch einen nach. Was sie und die CDU offenbar am meisten wurmt ist, daß der Grüne Bürgermeister Franz Schulz immer noch auf Seiten der Besetzer_innen zu stehen scheint. Die Linke Bürgermeisterin Reinauer war das ganz anders. In ihren Zeit wurde so viele Projekte geräumt, wie nur zu Zeiten der Berliner Linie und Diepgen.

Der Artikel von Kopietz, der aufgrund seiner Zusammenarbeit mit der Polizei und seinen denunziativen Beiträgen aus Antifa-Kreisen seit Jahren keine Informationen mehr bekommt, scheint sich wieder anbiedern zu wollen. Bei den freiRaum-Aktivist_innen hat seine nette Art wohl gefruchtet. Oder seine Co-Autorin Karin Schmidl hat die verstörten O-Töne der Bethanien-Besetzer_innen des New Yorck aus dem Südflügel eingesammelt.

Die vermeintlichen sozialkritischen Künstler_innen sind da sehr viel gesprächsbereiter. Schließlich brauchen sie Publicity für ihre Jahresvollversammlung. Ihre Waren sollen gekauft werden. Da kann jede_r Künstler_in eine pseudokritische (Alibi) Veranstaltung gebrauchen.

„Diskutieren ist allemal besser als attackieren“, sagten sie der Berliner Zeitung. Da ihre Mobilnummern und Mail-Adressen ja nun auf Plakaten im ganzen Stadtteil zu lesen seien, könnten die Kritiker sich melden und man werde sich verabreden. Gern zu einer großen Podiumsdiskussion, schlägt Rhomberg vor.

Übrigens fällt wieder nirgendwo der Name des ehemaligen Projektes, das widerrechtlich geräumt wurde. Mit der Räumung des Yorck 59, das im Bethanien als New Yorck wieder auferstanden ist, wäre das menschenfreundliche Bild der Künstler_innen gefährdet. Die Kunstliebhaber_innen von der Berliner Zeitung hätten ebenfalls arge Probleme bei der Wahrung ihrer Philanthropie. Wobei die ohnehin nur marginal ist. Diese haßerfüllten und bewußt antiextremistisch gleichmachenden Artikel rücken die Berliner Zeitung eher an die Seite ihrer Brüder und Schwestern in der Rudi-Duttschke-Straße!