„Ich bin schwul, und das ist auch gut so“

Auf diesen Satz warten schwule Fußballfans seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten. Insbesondere in Zeiten einer heteronormativen Euphorie für männliche Nationalmannschaften, welche einer (national-) staatsbürgerlichen Biopolitik folgt, die den Körper diszipliniert und heteronormalisiert, aber explizit homoerotische Gesten sowohl auf dem Platz als auch beim Publikum entfacht, wird es endlich Zeit, daß sich ein_e aktive_r Spieler_in outet. Das dies, wenn es von außen kommt, aber auch tendenziell schwulenfeindliche Formen annehmen kann und so heteronormative Klischees über Homosexuelle bestätigt, zeigt der aktuelle Beitrag von Andreas Hartmann im WM Studio der aktuellen jungle World.

Er fand es offenbar witzg, daß der Keeper und sein Trainer Löw ein Liebespaar sein könnten. Hierzu muß aber zunächst der süsse Manuel Neuer als schwul geoutet werden, was aber eher als Stigmatisierung daher kommt. Schließlich nutzt Hartmann übliche homophobe Klischees. Er soll in Schäferstündchenpose im Gras liegen, den Arm hinter dem Kopf verschränkt. Außerdem zwinkert er den Betrachter_innen andauernd zu, so daß Hartmann ganz warm ums Herz wird. Schwul blondiert soll Neuer auch sein und sein Haar, als vermeintliches weiteres Indiz seiner Homosexualität, scheiteln. Im nächsten Schritt wird aus Manuel ein verniedlichender Manu und aus dem Trainer Joachim ein süßer Jogi. Und fertig ist das verknallte schwule Pärchen.

Die Beschreibung der Romanze und ihrer erwachenden Liebe ist weder besonders witzig, noch ist sie liebevoll geschrieben. Vielmehr wird das schriftliche Zwangsouting, das Rosa von Prauheim in den 80igern politisch und aggressiv zur Dekonstruktion einer sich als durchgehend heterosexuell inszenierenden, etablierten Kulturelite nutzte, von Hartmann denunziatorisch, klischeehaft und tendenziell bösartig getextet. Da hilft auch nicht der letzte Satz, der versucht das Geschriebene zu brechen.

Es bleibt ein ekelhaft homophober Beigeschmack. Die Klischees sind zu dämmlich aneinander gereiht. Romantik oder explizite Lust kommt nicht auf. Die schwule Romanze bleibt heterormativ hängen und die Leser_innen ahnen, daß der Text Verknallt in den Keeper nicht für, sondern (vorurteilsbesetzt) über Schwule schreibt.

Dies ist ganz besonders unerträglich, weil am vergangenen Wochenende in Treptow ein schwules Pärchen aus homophoben Motiven angegriffen und eine Person niedergestochen wurde. Außerdem findet heute der Christopher Street Day in Berlin statt, der unter dem Motto Normal ist anders, gegen Ausgrenzung demonstrieren möchte. Zwar hat diese beinah schon heterosexualisierte Love Parade zum Schwulen-und-Lesben-gaffen wenig mit den militanten Wurzeln des CSD zu tun, dennoch ist dies ein wichtiger Indikator für queere Emanzipation. Das der Übergriff und andere homophobe Gewalt beim offiziellen CSD absolut keine Rolle spielt, beweist wie wenig er heute noch mit einer politischen Demonstration zu tun hat. Glücklicherweise gibt es den transgenialen CSD, der am 26. Juni um 14 Uhr am Hermannplatz in Neukölln startet und unter dem Motto Gewaltiger queerer Widerstand gegen sexualisierte, soziale und militaristische Gewalt demonstrieren wird.

Die taz, die ich sonst eigentlich nicht so leiden kann, war übrigens einen Schritt weiter und ließ gestern einen schwulen, serbischen Fußballfan zu Wort kommen, der sehr viel interessaner und vor allem erhellender über schwule Sehnsüchte und Homophobie in Serbien schreibt. Romantik kommt dort zwar auch nicht auf, aber es bleibt auch kein schwulenfeindlicher Nachgeschmack, wie bei Hartmann.

Neben der tendenziellen Schwulenfeindlichkeit in Hartmanns Beitrag zum jungle World WM Studio kommt noch hinzu, daß er sich selbst zum Genderexperten macht und in seinem Text nicht ein Mal zur gendergerechten Sprache greift, sondern konsequent männlich und patriachal schreibt. Die ganze jungle World ist nicht gegendert. Durchgehend wird das man benutzt. Personengruppen sind zumeist männlich, auch wenn sie nicht als solche klar zu identifizieren sind. Das heißt, auch dieser Witz zündet nicht, sondern entlarvt sich eher als Verballhornung des Diskurses um Gendergerechtigkeit und eine eintsprechende Sprache!