Saviano ist längst tot!

Roberto Saviano wurde mit seinem Buch Gomorrha sehr berühmt. Spätestens seit dem gleichnamigen Film ist er auch weltweit zum Helden im Kampf gegen die Mafia geworden. Sein Buch erschien 2006 in Italien. Zwei Jahre später folgte der Film. Seit sein Bekanntheitsgrad ins Unermeßliche gestiegen ist, befindet er sich auf der Flucht vor der napolitianischen Mafia. Seine inszenierte Heldengeschichte findet aber nicht nur Zustimmung. Die Kritik an ihm wächst seit einiger Zeit zu und nimmt bedrohliche Züge an. Neben den wütenden Tiraden von Berlusconi und seinen Patrones mischt nun auch der linke Soziologe Allesandro Dal Lago im Chor der Kritiker_innen mit. Seine Gedanken sind aber durchaus bedenkenswert.

In einem Interview mit der Jungle World kritisiert er die Selbstinszenierung von Roberto Saviano als Hel, der endlich gegen die Mafia die Fresse aufgerissen hat. Hinzu kommt, so Dal Lago, daß Saviano dichotomisch und biblisch überhöht zwischen der bösen Mafia und den guten Bürger_innen unterscheidet. Auch wenn die Grenzen verwischen, bleiben Landarbeiter_innen und marginalisierte Stadtbewohner_innen die Opfer der Camorra. Die kleinen Leute wollen einfach überleben. Sie suchen nach Respekt. Sie wollen stolz sein. Bösartig ist nur die Mafia.

Was Dal Lago aber vor allem und zu recht kritisiert ist die Vernachlässigung der Verbindungen zwischen Mafia und Politik. Trotzdem hat er mit seiner Kritik nur zum Teil recht. Es gibt sehr gute Bücher über das politische System Italiens. Außerdem macht es Sinn die beiden Systeme Mafia und Politik getrennt zu betrachten. Eine Ineinssetzung würdedie Unterschiede vernachlässigen, die aber wichtig sind.

Die italienischen Demokratie und seine merkwürdig verschränkten, isolierten Strukturen sowie ihre Politiker_innen werden in Italien La Casta genannt. Der Begriff eines abgeschlossenen Kastensystems, in das Menschen qua Geburt, Heirat, als Günstlinge oder Belohnungen für besondere Dienste gelangen, paßt sehr viel besser, als die Nutzung einer überfrachteten Platitüde, wie das System Mafia. Die einzelnen politischen Akteure bleiben ebenso heterogen, wie sie im System Mafia gekennzeichnet werden müssen. Nur arbeitet das politische Kastensystem anders, als die Mafia. Was richtig ist, und das sollte auch durchaus immer wieder betont werden, daß beide System eng miteinander verwoben sind, sich bedingen und so eine saubere Trennung von Außen unmöglich erscheint. Aber es gibt Unterschiede.

Die Geschichte der Mafia reicht bis ins 19. Jahrhundert und in die Zeit des Risorgimento zurück – dem Kampf um einen vereinten Nationalstaat Italien. Die erste italienische Republik war eine faschistische, die sich als sozial definierte und mit der Mafia wenig zu tun hatte. Die Macht der Mafiaclans konnte im Laufe des II. Weltkriegs gefestigt werden. Die Allierten, vor allem Amerikaner_innen, arbeiteten arbeiteten mit den lokalen Paten zusammen, die so maßgeblich an der Befreiung Italiens vor allem im Süden beteilgit waren und nach Krtiegsende von ihren Beziehungen zur neuen politischen Klasse profitieren konnte.

Erste ernsthafte Initiatven gegen die Mafia, ihre patriachalen Strukturen, antiemanzipatorischen Hierarchien und reaktionären Interventionen entstanden als die 68iger auch im Süden ankamen. Die außerparlamentarischen Initiativen wuchsen oft zunächst aus örtlichen kommunistischen Zirkeln, die patriachale Clanstrukturen überwinden wollten. Der erste Märtyrer, der vor allem aufgrund seiner Antimafiaaktivitäten und seiner Verletzung der allgmeinen Omertà sterben mußte, war Peppino Impastato. Paolo Borsellino, ein Richter, der gegen die Mafia vorging, ist ein zweiter Held. Er starb 1992 durch eine Autobombe. Er war das Opfer einer Reihe von Attentaten auf namhafte Antimafia Jurist_innen. Giovanni Falcone, ein Freund von Borsellino und besonders hartnäckiger Jurist, starb ebenfalls durch eine Bombe.Er wurde durch eien 500 kg Bombe regelrecht zerstückelt.

Die Veehrung dieser Helden im Süden Italiens hat durchaus quasireligiöse Züge. So wie Catrin Dingler in der Jungle World schreibt, werden den heiligen Antimafiamärtyrern beinah schon heilsame Attribute gegeben. Andererseits dienen sie der moralischen Absolution, um weiter halblegale Geschäfte mit Mafiaclans zu treiben.

Auf der anderen Seite gibt es zunehmend Graswurzelinitiativen, wie die mit denen Impastato begonnen hat. Dabei geht es oft um Land, seine Erzeugnisse und die Reinhaltung der Produkte. Die Helden der ersten Stunde ermöglichten hierbei erst eine breite Bewegung gegen die Mafia und ihre Netze. Die Initiativen libera terra zum Beispiel, kauft Land und gibt es an erwerbs- oder mittellose Kollektive weiter.

Ein neues Bündis ist in der Stadt entstanden. Die Gewerbetreibenden fanden sich unter dem Motto Addio Pizzo zusammen und zeigen somit offen Gesicht gegen Schutzgeld.So wurde eine kommerzielle Marke etabliert, die sich positiv vom System Mafia abgrenzt und diese Abgrenzung als Verkausargument nutzt.

Der held Roberto Saviano paßt, so wie Dal Lago und Dippler richtig beschreiben, vorzüglich in das Bild des engagierten Bürgers. Er inszeniert ein stolzes Land auf der einen Seite, daß sich gegen die zersetzende Macht – das teuflische Gomorrha System – der Mafiaclans wehrt. Er appeliert an die Scholle, an Stolz und Ehre, die durch die Camorra, Cosa Nostram, Ndrangheta usw. beschmutzt wird. Reinheit und Schmutz werden metaphoriosch und explizit zugewiesen. Die Mafia und der Norden (!) vergiften den Boden der Bauern mit Müll. Die Ghettos in den Städten werden von den Paten subventioniert und zur Züchtung ihrer Söldner_innen mißbraucht. Der einzige Ausweg, so inszeniert Saviano, ist eine moralische Verweigerung!

Der beinah schon heilige Feldzug gegen die Mafia wird von Saviano gefördert, gefordert und forciert. Sein Buch bleibt 2006 weitestgehend unrezipiert. Erst nach einem medienträchtig veröffentlichten Rap Song des Napolitaners Lucariello, in dem über den Tod Savianos aus der sicht eines Camorristi phantasiert wird, aber die Pointe eben jenen verweigert, reagiert die Mafia und ruft zur Ermordung Savianos auf. Der Film, der im selben Jahr gedreht wird, tun sein übriges um den medialen Hype um Saviano zu vergrößern.

Völlig unbeachtet und ohne Morddrohungen lebt Nanni Balestrini in Mailand. Obwohl er schon 2004 einen bitterbösen, analytischen und äußerst spannenden Roman über die Genese eines der blutrünstigsten Camorra-Clans schreibt, lebt er weitestgehend unbedrängt. Sein Buch Sandokan paßt einfach nicht in die La Repubblica Ästhetik oder zur parlamentarischen Linken. Bürger_innen fühlen sich angegriffen und pikiert. Katharsis wird verweigert. moral sowieso. Der altautonome Plebejer und avangardeske Kulturarbeiter Balestrini arbeitet ohne Punkt und Komma. Der Text entzieht sich den Leser_innen mehr, als das er sie fesselt. Er verweigert sich dem Heldenmärchen und ist doch ein Epos über einen Mafiosi . . .

Trotzdem sind die Antimafia Helden wichtig. Jede_r einzelne. Auch Saviano. Aber eine emanzipatorische Kritik muß es genauso geben. Insbesondere in Erinnerung an Impastato, der den Kampf gegen die Mafia als Teil der sozialen Revolution betrachtet hat.