Islamophobie auf den Linken Buchtagen

In Hannover wird eine jüdische Tanzgruppe der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, die sich bezeichnenderweise Chaverim (Freunde) nennt, mit Steinen attackiert und antisemitisch beschimpft. Im Friedrichshain werden am vergangenen Wochenende junge Israelis Opfer eines antisemitischen Angriffs in einer Disko und durch deren Sicherheitspersonal. In Kreuzberg dagegen gedeihen andere Exklusionsdiskurse. Weitestgehend ungestört und unwidersprochen wird bei einer Veranstaltung im Rahmen der Linken Buchtage von Thomas Maul und einem Besucher Haß auf Muslime ausformuliert. Mit Islamophobie soll dies aber nix zu tun haben. Mit emanzipatorischen Diskursen aber ebenso wenig!

Die Angreifer in Hannover sollen junge Deutsche zwischen neun und neunzehn Jahren mit arabisch muslimischen Wurzeln gewesen sein. Der Antisemit in der Friedrichshainer Disko soll sich selbst als Palästinenser bezeichnet haben. Was die Türsteher, die den jungen Israelis Pfefferspay ins Gesicht gesprüht haben, geritten hat, ist unbekannt. Latenter Alltagsrassismus und -antisemitismus könnte eine Erklärung sein.

Thomas‘ Mauls neueste antimuslimische Propaganda dagegen flankiert bewußt und arrogant eine eurozentrische Phobie gegen alles Nicht-Westliche. Da Maul offenbar lediglich Sekundärquellen genutzt hat und sich null mit arabischen / muslimischen Diskursen auseinandersetzt, kann von einer ernsthaften Kritik an der Religion Islam und seiner politisch fundamentalistischen Instrumentalisierung keine Rede sein. Vielmehr scheint er zu versuchen dem Haß auf alles Muslimische und vor allem die muslimischen Menschen eine intellektuelle Basis geben zu wollen.

Damit liefert Maul nicht nur den Islamophobiker_innen am rechten Rand, in konservativen Kreisen und bei vermeintlichen Kulturkämpfer_innen genügend Munition, sondern bestätigt Sarazins rassistischen und xenophoben Äußerungen in der Lettre International #86 aus dem vergangenen Jahr. Besonders skandalös waren seine Äußerung zu einem vermeintlichen Geburtendjihad, den auch Maul gefunden zu haben glaubt.

Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkennen. Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin […]

Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.

Bei Maul kommt die Eroberung der westlichen Hemisphäre durch Muslime, wie im Dossier der Jungle World #20 in einer Vorabveröffentlichung seines Buches zu lesen war, geschwollener, vermeintlich kulturell immanent und muslimisch präfiguriert daher. Die Primärquellenabsente Interpretation und Bestätigung der Sarazinschen These klingt nach Maul dann so.

Der innereheliche große Jihad des Mannes besteht also zunächst in der mehr oder weniger erzwungenen koitalen Triebabfuhr mit den Zielen, Nachkommen zu produzieren, seine Sinnlichkeit zu dämpfen und Kraft zu schöpfen für das religiöse Ritual und den ökonomischen Erwerb […]

Zwar bergen die Hauptvorteile der Ehe – »die Erlangung von Nachkommenschaft und die Beruhigung der Sinnlichkeit« – auch »die Gefahr, den Unterhalt auf unerlaubte Weise beschaffen zu müssen und von Gott dem Allmächtigen abgelenkt zu werden«. Da »auf unerlaubte Weise sein Brot zu verdienen« aber »ein geringeres Übel als Unzucht zu treiben« darstellt, wird die Heirat rechtsschulenübergreifend allen Muslimen, die gesund sind, die Brautgabe entrichten und eine Frau unterhalten können, empfohlen (sunna) und zur religiösen Pflicht (Fard) für diejenigen erklärt, die zudem fürchten, sich der Unzucht schuldig zu machen (vgl. Schirrmacher, 98).

Hier wird eine direkte Linie von der eigenen Unterdrückung und Triebabfuhr, der sakral aufgeladenen frauenfeindlichen Herabwürdigung des weiblichen Körpers zum religiös gefordertem inneren Djihad vorausgesetzt, die in einer weiteren Konsequenz durchaus im inneren Reichparteitag münden kann. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit mittelalterlichen Diskursen findet nicht statt. Die Überprüfung inwieweit sich diese Vorstellungen auch heute in muslimischen Ländern anwenden lassen ist unerwünscht. Viel mehr soll eine vermeintliche kulturelle Prädestination arabisch muslimischer Gesellschaften zum autoritäten Totalitarismus sowohl kulturalistisch als auch psychologisch religiös konstruiert werden. So ist der Schritt zu den Pastör’schen Krummnasen, türkischen Samenkanonen und tamilischen biologischen Bomben nicht mehr weit.

Ob Maul mit seinem unsäglichen, kulturrelativistischen und islamophoben Pamphlet über Sex, Jihad und Despotie bei einem (nationalsozialistischen) Stürmerniveau angelangt ist, wage ich zu bezweifeln. Das Buch macht zwar (wie oben zu sehen ist) mit einer üblen Karikatur auf, die durchaus an antisemitische Stürmererzeugnisse erinnert, dennoch würde ich eine Grenze zwischen der nationalsozialistischen Vernichtungspropaganda und (anti-) deutscher Islamophobie ziehen. Die Nähe zum (eurozentrischen) Rassismus scheint mir sehr viel relevanter. Erschreckender finde ich, daß die Kritik an Maul – mit der die antideutsche Theorie einmal angetreten ist – und der Veranstaltung, die sich offenbar jeder kritischen Intervention verweigert hat, überhaupt nicht stattfindet. Solche rassistischen und menschenfeindlichen Positionen scheinen in manchen radikallinken Kreisen konsensfähig zu sein.

Das, was einmal der positive Bezug auf nationalistische Tendenzen und Diskurse in linken Aktions- und Organsiationstrukturen war, scheint heute eine islamophobe Tendenz zu sein, die sich positiv auf eine vermeintlich westliche Emanzipation, Freiheit und Demokratie beruft. Wo ist hierbei aber die Grenze zur deutschen Mehrheitsgesellschaft, die immer noch tendenziell xenophob, rassistisch und antisemitisch alles Fremde und vermeintlich Unchristliche isolieren und ausradieren möchte. Nach 9/11 und der uneingeschränkten Solidarität mit Israel gibt es mit dem Islamhaß nun eine dritte Brücke ins (völkisch) Deutsche. Diese wertkonservativ politische Trinität ermöglicht breite Bündnisse bis tief ins bürgerliche Herz und seine Ängste! Zum kotzen!