Information, Aneignung und Kontrolle

Gestern trafen sich ab 20 Uhr in der Langen Nacht in der Weisestraße circa 40-50 Neuköllner_innen zur mittlerweile sechsten Stadtteilversammlung. Unter dem Motto Kreatives Chaos von unten stadt_planung von oben wurde über die Hamburger Initiative Recht auf Stadt informiert und über Interventions- und Partizipationsmöglichkeiten im (Schiller-) Kiez diskutiert.

Zu dieset Stadtteilversammlung kamen, wohl aufgrund des schönen Wetters, der Urlaubszeit und anderen ablenkenden Faktoren, sehr viel weniger Anwohner_innen, als zur letzten Veranstaltung. Dennoch würde ich behaupten, daß die Diskussion und die Ideen sehr viel Konkretes beeinhalteten und sich erstmals offen (zugezogene) Künstler_innen aus dem Kiez zu den Verdrängungsprozessen positionierten. Außerdem gingen die Teilnehmer_innen diesmal nicht resigniert und frustriert nach Hause, sondern dürfen sich als eingebunden betrachten. Wie sich die einzelnen Ideen entwickeln, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

Die Stadtteilversammlung begann diesmal relativ pünktlich, was für micht bedeutete, daß ich zu spät war. Die Vorstellung der Organisationsgruppe der Stadtteilversammlung und der Aktivitäten im Kiez hatte ich verpaßt. Aber zur Vorstellung der Hamburger Initiative Recht auf Stadt gegen Kommerzialisierungs-, Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse kam ich gerade rechtzeitig.

Von den Referent_innen wurde besonders hervorgehoben, daß sich in dieser Kampagne / Bündnis verschiedene gesellscahftliche und soziale Akteure zusammengefunden gaben, deren Anliegen es ist urbane Vermarktungsmechanismen zu benennen und diese offensiv mit verschiedenen Aktionsformen zu konfrontieren. Neben den Besetzer_innen des Gängeviertels wurde die Initiative not in our name vorgestellt. Beide Gruppen vernetzen Künstler_innen, die ihren eigenen Status als Schmiermittel der Gentrifizierung kritisch reflektieren und sich gemeinsam einer Instrumentaliserung durch die städtischen Stadtplaner_innen verweigern. In ihrem Manifest klingt dies dann so.

Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing-Kategorien zu sprechen. Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als „bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil“ zu „positionieren“, noch denken wir bei Hamburg an „Wasser, Weltoffenheit, Internationalität“ oder was euch sonst noch an „Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg“ einfällt. Wir denken an andere Sachen. An über eine Million leerstehender Büroquadratmeter zum Beispiel und daran, dass ihr die Elbe trotzdem immer weiter zubauen lasst mit Premium-Glaszähnen.

Diese eindeutige und offensive Position bestätigt eindrucksvoll das der Status von Künstler_innen im urbanen Raum als Pioniere der sozialen Verdängung festgeschrieben, sondern offensiv thematisiert und verweigert werden kann. Es bedarf aber, wie schon Andrej Holm in seinem interessanten Artikel beschreibt, eines sozialen Engagements von Künstler_innen in Stadtteilinitiativen über die künstlerische Form hinaus.

Diese Einbindung der immer zahlreicher sich im Schillerkiez und ganz Nord-Neukölln ansiedelnden sogenannten Kreativen scheint mit dieser sechsten Einwohner_innen-Versammlung begonnen zu haben. Einige Vertreter_inne des Kollektivs derkanal waren da und äußerten sich solidarisch zu den Initiativen im Kiez. Außerdem stellten sie sich explizit als Gesprächspartner_innen in der Diskussion über Verdrängungsprozesse und Kunst zur Verfügung, die in eine vorgeschlagenes Zertfikat gegen Aufwertung münden kann.

An dem Punkt der Vernetzung zu verschiedenen Themen setzte auch eine weitere Neuköllner Künstler_in an, die die Bildung von Anwohner_innen-Bündnissen anregte. Außerdem beschriebn sie, daß sie gezwungen ist den Kiez (wahrscheinlich) zu verlassen, weil die Mieten exorbitant gestiegen sind. Der letzte m² Höchstpreis soll bei 9,50 Euro liegen. Allerdings liegt der m² Preis-Durchschnitt offenbar bei Neuvermietungen nicht mehr unter 6 Euro. Die soziale Verdrängugn findet längst statt und betrifft nun auch die ersten Pioniere der Gentrifizierung.

Eine Vernetzung der Anwohner_innen ist also mehr als wichtig! Jedoch wurde mehrfach betont, daß diese von den Menschen im Kiez selbst abhängen würde. Es könnten bei der Versammlung noch so viele kämpferische Forderungen aufgestellt und an politische Akteure herangetragen werden. Wenn es keinen Druck aus dem Kiez gibt, wenn sich die Anwohner_innen nur mraginal und zurückhaltend beteiligen, läuft ein derartiger Widerstand ins Leere.

Deshalb wurde der Begriff der Kontrolle von Seiten der Anwohner_innen angesprochen und kontrovers diskutiert. In Abgrenzung zur sozialen Kontrolle von oben, die das Quartiersmanagment Schillerkiez um die Architektin und Angestellte der Brandenburgischen Stadterneurungsgesellschaft mbH (BSG) Schmiedeknecht forcieren möchte, soll die Kontrolle der Anwohner_innen Transparenz in die Förder- und Produktionsmittel bringen, die in einem zweiten Schritt mit Diskursen um Selbstorganisation sowie Aneignung verknüpft werden müssen. Es geht dieser Kontrolle also nicht um eine geheime Überwachung oder eine irgendwie geartete Kiezpolizei, sondern eher ein Monitoring der gesellschaftlichen, sozialen und kommerziellen Strukturen und Ämtervernetzungen. Die Erkenntnisse einer solchen Kontrolle soll Interventionsmöglichkeiten öffnen und verborgenen Netzwerke, wie das der BSG und anderen Sanierungs- sowie Immobilienfirmen, outen.

Also, es gibt viel zu tun, aber es finden sich immer mehr verschiedene Menschen zusammen. Forderungen, Zertifikate und Manifeste dürften womöglich in nächster Zeit folgen. Die Stadtteilversammlung hat es meines Erachtens nun geschafft in den Kiez zu wirken, Gentrifizierungsprozesse kritisch zu beleuchten und ein Forum für Ideen zu bieten. Wichtig wird nun sein sich als Vernetzungsplenum zu etablieren!