Afrikaans ist keine Rassist_innensprache!?

In der kulturzeit bei 3sat gab es gestern ein ganz besonders rassistischen Leckerbissen. Mit stolzer, weißer Brust präsentierte der mehrfach ausgezeichnete evangelikale Nachwuchsjournalist Carsten Behrendt eine burische Band, die Afrikaans – die Sprache der Nasionale Party – vom Stigma der kolonialen Unterdrückersprache befreit haben soll. Und zwar indem sie Elektropop machen, den auch Nicht-weiße Afrikaner mögen.

Die Band, die Behrendt vorstellt, nennt sich Die Heuwels. Sie leben irgendwo draußen, außerhalb der Stadt, treiben sich in Strandbars rum. Ihre Eltern sind gute Menschen. Sie hatten mit dem Apartheid System nix zu tun. Sie lebten und leben immer noch in einem hübschen Haus – weiß getüncht mit Säulen vor der Tür.

Sie sprechen Afrikaans – die alte Sprache der Buren. Irgend wann, vor einigen hundert Jahren sind die protestantisch calvinistischen, weißen Kolonialist_innen nach Südafrika gekommen und haben sich angesiedelt. Irgend wann, lang ist’s her, haben sie die Sklaverei abgeschafft. Danach wanderten sie durch die Gegend, kämpften gegen Zulu, Briten und imaginierten sich selbst zur einzig weißen afrikanischen Kultur und machten sich zu Afrikaanern.

Das mit der Abschaffung der Sklaverei war schon einmal schiefgegangen und so wurde die jüngste Burenrepubblik nach dem II. Weltkrieg streng rassistisch aufgebaut. Im Apartheid System, das sich an der calvinistischen Prädestinmationslehre nachdem alles vorbestimmt wäre (eben auch vermeintliche Rassen) orientierte und diese weiterentwickelte, wurde die Rassentrennung- und Diskrimierung sowohl sozial und religiös, als auch territorial und geographisch institutionalisiert.

Mit dem Ende des Regime der nationalistischen Burenpartei Nasionale Party und der Apartheid war die Gleichbehandlung schwarzer und weißer Südafrikaner_innen noch lange nicht hergestellt. Es entstand zwar eine schmale Oberschicht und eine noch sehr viel kleinere Mittelschicht unter p.o.c., aber die weiße Hegemonie wurde nicht gebrochen. Immer noch sind Weiße die Besitzer_innen der Produktionsmittel und des Kapitals. Sie sind immer noch die Herren, die jetzt allerdings nur noch als Kapitalist_innen auftreten und nicht mehr als koloniale, rassistische Unterdrücker_innen.

Aber es gibt sie immer noch, die weißen Stadtbezirke. Und aus diesen weißen Gegenden kommen Die Heuwels, die die führenden Köpfe einer kleinen, kreativen südafrikanischen Rock-Szene sein sollen, wie Behrendt behauptet. Und sie sprechen mit Stolz das Burische. Sie haben Afrikaans, so behaupten die Protagonist_inne des weißen Pop / Rock, die steife, konservative und mit der Rassentrennung belastete Sprache erneuert. Sie haben sie entpolitisiert und aus historisch sozialen Zwängen befreit. Sie ist wieder sprechbar! Jede_r weiße Bure darf sie wieder sprechen, ohne an Apartheid, Rassentrennung und koloniale Unterdrückung denken zu müssen!

Die Heuwels singen von ihrer Trostlosigkeit, ihrem langweiligen Leben. Sie spielen seichten elektronischen Gitarrenpop. Sie erzählen in ihren Liedern, wie schlecht es ihnen geht – ohne Geld, ohne Party in ihren 2-Zimmer-Wohnungen. Die jungen weißen Buren im Publikum kennen jeden Vers. Zumindest entsteht diese Eindruck bei dem Video von einem Konzert, das den Beitrag von Behrendt beschließt.

Was der umtriebige Nachwuchsjournalist nicht erwähnt, ist daß immer noch Millionen p.o.c. in Townships leben. Eine 2-Zimmer-Wohnung wäre für sie Luxus. Völlig unreflektiert übernimmt Behrendt die Perspektive der weißen südafrikanischen Mittelschicht, für die Tschechows Langeweile interessanter ist, als politische Verantwortung. Er ignoriert die immer noch vorherrschende Rassentrennung, die allerdings zunehmend als soziale Marginalisierung und ökonomische Diskriminierung institutionalisiert wird. Er läßt Die Heuwels lieber von ihrem Schmerz singen!

Diese völlig unkritische Übernahme der weißen Perspektive durch Carsten Behrendt ist allerdings wenig verwunderlich. Schließlich engagiert er sich im evangelikalen Chrislichen Medienverbund KEP e.V., der die Christliche Medienakademie betreibt. Diese ist im evangelikalen Verband evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) organisiert. Außerdem scheint er gute Beziehungen zum teilweise rechtsoffenen, in jedem Fall rechtskonservativen und evangelikalen ProChrist Netzwerk zu haben

So ist es eben doch nicht verwunderlich, daß Behrendt es offenbar als seine Aufgabe ansieht, die darbenden und sich musikalisch völlig unkreativ in Selbstmitleid suhlenden weißen Nachwuchscalvinist_innen tatkräftig zu unterstützen und sie von der rassistischen Vergangenheit der Apartheid reinzuwaschen. So zitiert Behrendt den Bassisten der Band, der behauptet seine Eltern hätten sich selbst schon lange vom System losgesagt.

Die jungen Leute aber sind einfach aufgeschlossener gegenüber anderen Kulturen. Und wir Heuwels mit unserem Elektropop kommen nicht nur bei den weißen Afrikanern gut an.

Gemeint sind die jungen, weißen Buren, die anders sein sollen. Denn p.o.c. waren bei dem verwendeten Material eines Konzertes nicht zu sehen. Außerdem, so behauptet zumindest Behrendt würden im neuen Südafrika Menschen mit schwarzer Hautfarbe den Ton angeben.

Und so wird die selbstbewußte (Wieder-) Aneignung und Ausstellung der Apartheidsprache Afrikaans mit ein bißchen Chauvinismus und rassistischer Paranoia garniert und kann zur musikalischen Notwendigkeit mutieren. Womöglich soll auch noch ein burischer kultureller Genozid aufgehalten werden. Wer weiß.