„Soccer is a gay sport!“

Zu Beginn des FIFA World Cup in Südafrika outete Andreas Hartmann mit homophoben Klischees und bösartig in der Jungle World das vermeintlich schwule Pärchen Joachim Löw und Manuel Neuer. Jetzt legt Michael Becker, der immer zu einer Beleidigung bereite rassistische Spielerberater von Michael Ballack, nach und droht mit einem Zwangsouting von maßgeblichen Spielern der deutschen Nationalmannschaft. Wie im Spiegel zu lesen war, soll in den nächsten Wochen die Schwulencombo und damit die schwule Verschwörung gegen Michael Ballack – den Hetero-Männlichkeitsbolzen, Knöchel der Nation und Looser der WM – aufgedeckt werden.

Das Becker offenbar selbst zuweist, wer schwul ist und wer nicht, er damit also Homosexualität eher als Auschlußmerkmal für einen guten Fußballer betrachtet, zeigt, daß es bei ihm halbschwule Menschen gibt, die nur er zu denifinieren weiß. Ein solcher soll nämlich unerwartet und spät berufen worden sein. Wer das wohl sein mag?

Die Beantwortung diese Frage ist eher uninteressant. Es macht überhaupt keinen Unterschied ob jemensch nur als halbschwul beschimpft wird oder Teil der schwulen Verschwörung ist – zur Becker’schen Schwulencombo gegen Ballack gehören sie wahrscheinlich alle! Sehr viel interessanter ist, was Osang im Spiegel über die Sportjournalist_innen schreibt.

Ein paar Tage später, am Rande des Abschiedsspiels von Bernd Schneider in Leverkusen, kündigte Becker inmitten einer Traube von Spielerberatern und Journalisten im Bayer-Clubhaus an, dass es einen ehemaligen Nationalspieler gebe, der „die Schwulencombo“ demnächst hochgehen lassen würde. Ich erwartete, dass meine Kollegen nun mit roten Ohren nachfragen würden, was das bedeuten solle, aber sie nickten nur gelassen. Alle Sportjournalisten schienen die Geschichten von der vermeintlichen großen homosexuellen Verschwörung um die Mannschaft von Joachim Löw zu kennen. Die Gerüchte sind auch mit nach Südafrika gereist. Sie gehören offenbar dazu.

So sieht Hartmanns Vorstoß in der Jungle World plötzlich ganz anders aus. Das, was in diesem Blog für haufenweise Zugriffe gesorgt hat – nämlich das vermeintliche Outing von Neuer und die Kritik daran – könnte ein verkappter Bruch mit einer eventuell existenten sportjournalistischen Schweigevereinbarung zu schwulen Fußballer_innen sein. Wenn stimmt, was Osang schreibt, dann ist es ein offenes Geheimnis, das nur nicht veröffentlicht wird, weil vermeintlich homosexuelle Fußballer_innen mit Anfeindungen und dem Karriereende rechnen müssen.

Eine solche Situation gab es aber in den 80igern auch in der Kulturindustrie. Dies wurde durch Rosa von Praunheims Zwangsouting Aktivitäten thematisiert und Homosexualität zum Alltag – zumindest in kulturellen Zusammenhängen.

Die Politik folgte später, aber ebenfalls aus einem Outing heraus. Das offene Bekenntnis zu seiner Homosexualität und seinem Partner durch den SPD Kandidaten Berlin Wowereit schadet ihm politisch überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, es brachte ihm Symphatiepunkte und ein schwules Wählerpotenzial, das zu seiner Politik in keinem Verhältnis zu setzen ist. Guido Westerwelle wäre ohne Wowereit nicht so leicht als schwuler Außerminister akzepiert worden. Nur für (rechts-) konservative Fundamentalist_innen und Kulturkämpfer_innen für ein sauberes christliches Europa polemisieren offen mit homophoben Tiraden gegen den liberalen Durchschnittsbürger Westerwelle.

Schwule Männer und lesbische Frauen sind in den Medien, der Kultur und in der Politik akzeptiert. Mit der islandischen Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurdardóttir gibt es nun auch eine homosexuelles Staatsoberhaupt, das ganz bürgerlich verheiratet ist. In Bezug auf Transgender Menschen sieht dies ganz anders aus.

Im Fußball gilt ebenfalls immer noch die Legende vom heterosexuellen Breitensport in dem Männermannschaften ihre Kraft, ihr taktisches Können, ihre mentale Stärke – die streng asexuell ist – und vor allem ihre Kondition messen. Dementsprechend spöttisch wird Frauenfußball von den meisten Fans abgelehnt. Nur die Männer, so meinen die Heterofanatiker_innen, spielen echten Fußball. Die Frauen sind qualtitativ viel schlechter. Das beides nicht vergleichbar ist, darauf kommen die wenigsten. Und, daß auch Frauen für ihren Sport Respekt gebührt interessiert noch weniger! Die Männer sind wichtig! Deshalb darf es keine schwulen Spieler geben. Und wenn der Verdacht aufkommt, ein Fußballer würde sich schwul benehmen, muß er sich sexistisch aufwerten indem er seine eigene Potenz überhöht!

Aber sonst ist alles beim Alten – in ’schland und mit den entspannt patriotischen Deutschen. Schwule werden immer noch beleidigt, zusammengeschlagen und gejagt. Homophob ist aber selbstverständlich kein_r! Aber Schwuchteln haben auf dem Platz und daneben auf keinen Fall was zu suchen. Na dann bin ich gespannt und warte bis es Outings regnet, die aber nicht öffnen, sondern diskreditieren sollen!