Judith Butler – Kämpferische Imperative, Abgrenzungen, Bündnisse und Netzwerke

Als Teil einer offenbar globalen, antiisraelischen, vor allem aber kritischen neuen jüdischen Linken, die das weltweit lebende jüdische Volk – ganz antinational und antiimperialistisch – in seiner Demografie verstehen und die komplexe Geschichte analysieren möchte, argumentiert Judith Butler in einem aktuellen Interview mit der Jungle World mit paradoxen und sich zum Teil widersprechenden Worthülsen. Da fließt so einiges Widerliches im Kampf gegen Rassismus, Kulturalismus und vor allem in dem gegen Diskriminierung und Gewalt zusammen. Da bleibt oft nur ein Kopfschütteln.

So glaubt Butler offenbar, daß es ganz natürlich ist, wenn diejenigen, die Israel kritisieren, manchmal antisemitisch sind. Israelkritik beinhaltet demnach, egal wie wohlwollend sie auch sein mag, immer auch – und zwar natürlich – antisemitische Elemente. Aber schließlich findet Butler einen Ausweg aus der Antisemitismusfalle. Nämlich so.

Und als Teil einer neuen jüdischen Linken bin ich sehr darauf bedacht, dass immer, wenn ich kritisch über die israelische Politik oder auch die Geschichte des Zionismus spreche, ich auch klar mache, dass ich absolut gegen jeden Antisemitismus bin.

Trotzdem muß Kritik an Israel erlaubt sein. Schließlich ist nicht jede Kritik an Israel antisemitisch. Aber die Israelkritiker_innen können manchmal gar nicht anders als antisemitisch argumentieren. Nur warum ist die jüdische Linke dann nicht antisemitisch?

Auch hier läßt sich fröhlich imaginieren und vorzüglich sprachlich konstruieren. Butler kritisiert zunächst nachvollziehbar, daß Jud_innen in erster Linie mit Loyalität mit dem Staat Israel verknüpft werden. Antisemitisch wird daraus die Formel Juden gleich Israel. Dem setzt sie eine komplexe Geschichte und Demografie des jüdischen Volkes entgegen, die heterogen Israel seit der Gründung kritisiert haben.

Nur wenn man die Ansicht teilt, dass Israel das jüdische Volk repräsentiert, kann jede Kritik an Israel eine Kritik an Juden und Jüdinnen sein. Das stimmt einfach nicht. Und nocheinmal: Diese Position negiert die lebendige Tradition der jüdischen Linken, die jede Kolonisierung, jede staatliche Gewalt und militärische Angriffe auf ZivilistInnen ablehnt. Wir in der jüdischen Linken bekämpfen Antisemitismus und die israelische Staatsgewalt.

Natürlich gewaltlos, mit reflexiven, nicht gewalttätigen Formen. Und zwar auch deshalb, weil Butler jede Form von Gewalt als ein Unterwerfen und ein Unsichtbarmachen von Minderheiten aller Art ablehnt.

Dieser kategorische, pazifistische Imperativ bedeutet allerding nicht, sich offensiv von religiösen Fundamentalist_innen und militanten Islamist_innen zu distanzieren. Eine antikoloniale und antiimperialistische Perspektive ermöglicht es Butler, die Hamas und Hisbollah als links und progressiv zu bezeichnen.

Der einzige Grund, warum ich glaube, dass, deskriptiv gesehen, diese Gruppen unter der Kategorie „links“ gehören, ist, weil sie gegen Kolonialismus und Imperialismus kämpfen.

Der Kampf für einen islamischen Staat, der die Religion zur Staatsdoktrin macht, Frauen offen marginalisiert und hinter Schleiern verschwinden läßt, sowie tödlich gegen LGBT Menschen vorgeht, muß dabei offenbar bewußt und im Sinne eines internationalen, antiimperialistischen Netzwerkes der Befreiungsbewegungen verdrängt werden. Das Adjektiv deskriptiv, also lediglich beschreibend, soll hierbei betonen, daß es sich nicht um eine Bündnisoption handelt, sondern lediglich um eine theoretisch diskursive Annäherung an die Raster des Krieges, wobei letzteres bevorzugt von westlichen Staaten geführt wird.

Indirekt und schlecht versteckt behauptet Butler so, daß Israel in den besetzten Gebieten imperial und kolonial agiert. Die sogenannten Befreiungsgruppen Hamas und Hisbollah dagegen sollen progressiv sein. Womöglich weil sie militant gegen den Staat Israel kämpfen. Daß die Hisbollah aus einem unbesetzten Libanon ihre Angriffe gegen israelische Städte weiterhin fortsetzt und die Hamas immer noch ein muslimisches Großpalästina anstrebt, was die Auslöschung des Staates Israel bedeutet, wird von Butler hierbei geflissentlich unterschlagen.

Für Judith Butler, das ist ein roter Faden in ihrer Abrechnung mit den vermeintlich rassistischen queeren Strukturen in Berlin und der israelsolidarischen Linken, sind vor allem globale Netzwerke das Ausschlaggebende. Getreu dem Motto Global denken – Lokal handeln will sie einzelnen Gruppen vorschreiben, wogegen sie gefälligst mit wem zu kämpfen haben. Im Übrigen scheint die Pazifist_in Butler kämpfen ganz besonders zu mögen. Mal will sie für soziale Gerechtigkeit auf der Straße kämpfen. Dann glaubt sie, daß eine globale Bewegung regionale Kämpfe nur antirassistisch führen darf. Außerdem will sie den feministischen Kampf oder queeren Kampf weltweit, selbstverständlich mit regionalen Themen vorantreiben…

Aber zurück zum butler’schen glokalen Ansatz. Der geht soweit, daß die jüdische Linke selbstverständlich, heterogen wie sie nunmal ist, die israelische Siedlungspolitik, die Blockade von Gaza, die Besatzung in der Westbank und die Enteignungen palästinensisch arabischer Bauern kritisieren darf, aber EuropäerInnen sich lieber in ihren queeren Kritik der katholischen Kirche und in anderen Konfesionen widmen sollen.

Butler erlaubt Kritik an Homophobie in Minderheiten und in islamischen Nationalstaaten lediglich, wenn die Perspektive der jeweiligen Minderheiten oder regionalen Gruppen integriert und gleichzeitig gegen den Rassismus innerhalb der Mainstream-Gay-Bewegung (wiedereinmal) gekämpft wird. Sie nennt dies Doppelstrategie gegen Homonationalismus, der eine vermeintlich europäisch (weiße) kulturelle Überlegenheit unterstützen soll.

Der Homonationalismus sorgt lediglich dafür, ethnische oder religiöse Minderheiten mit aktueller Homophobie in eins zu setzen.

Genau diesen Diskurs und dieses diskrimierende Verhalten wirft Butler auch ausgerechnet der Opferinitiative Maneo vor.

Hampels Gruppe Maneo stellt Homophobie und homophober Gewalt als etwas dar, das allein in Minderheiten anzutreffen ist.

Nachdem Katharina Hamann von der Jungle World erläutert, daß Maneo schwulenfeindliche Gewalt in einen Zusammenhang mit mit patriachalen Strukturen, der Suche nach männlicher Identität und fehlender Sexualaufklärung setzt, rudert Butler zurück.

Jedenfalls habe ich nie gesagt, dass Maneo behauptet, Homophobie finde sich nur bei MigrantInnen.

Butler ergänzt ihre Anschuldigung, die sie zuerst ausformuliert und Zeilen später völlig abstrus negiert mit einen vermeintlichen Diskurs des Anti-Gewalt-Projekts aus Berlin.

Es ist nicht so wichtig, was wer wann gesagt hat, als vielmehr zu fragen, ob Maneo die Bandbreite von Menschen, die auf der Straße, bei der Arbeit oder an der Grenze diskriminiert werden, abbildet.

So paßt es dann doch wieder, daß Maneo rassistisch und imperialistisch ist. Nämlich weil die Organisation sich nicht konsequent und engagiert genug an anderen sozialen, queeren und vor allem emanzipatorischen Bündnissen beteiligt. Maneo ist nicht umfaßend genug aktiv. Die Opferinitiative, die vor allem homophobe Gewalt gegen LGBT Menschen thematisiert und den Opfern Unterstützung anbietet, muß, so glaubt offenbar Butler, eine Keimzelle für die soziale Revolution sein. Das nur so die absurde Konstruktion einer tendenziell rassistischen und kulturalistischen Maneoideologie relativiert werden kann, ist mehr als lächerlich.

Mit diesem Interview hat Judith Butler erneut bewiesen, daß sie der radikalen Linken und emanzipatorischen Bewegung nicht mehr viel zu sagen hat. Ihre Positionen sind zumeist schwammig und in den Konkretisierungen zum Teil unerträglich. Ihr neuer Fetisch scheint das glokale Netzwerk zu sein, daß reflexiv, gewaltfrei und vor allem regional gegen Diskriminierung, Marginalisierung und Rassismus kämpft. Hinzu kommt eine antikoloniale und antiimperialistische Perspektive, die es ihr erlaubt Israelkritiker_innen, Antisemit_innen und religiöse Fundamentalist_innen als progressiv und links zu bezeichnen.

Ihre Vorstellungen eines jüdischen Volkes sind ebenfalls abstrus. So konstruiert sie eine heterogene neue jüdische Linke, der sie sich zugehörig fühlt und die sich an vermeintlich jüdischen Werten wie Gerechtigkeit, ein friedliches Zusammenleben und soziale Gleichheit orientiert und eine antiisraelische Tradition hat.

Dieses ungenießbare Gebräu aus Relativierung der Shoa, zumindest theoretischen (butler’schen deskriptiven) Bündnissen mit religiösen Fundamentalist_innen und Antisemit_innen, kulturalistischen Konstruktionen und kruden homointernationalistischen Zuschreibungen sowie Zuweisungen, wer wie wen kritisieren und bekämpfen darf, beweist eindrucksvoll, daß Butler die eigene Positionslosigkeit nur noch schwer kaschieren kann. Sie ist mit den Anforderungen der globalen Bewegung und ihrer Heterogenität offenbar mehr als überfordert. Außerdem scheint Butler den Kontakt zu den emanzipatorischen Diskursen verloren zu haben.

Bilder vom Transgenialen CSD 2010