Recht auf Heimat – Für Christ_innen, Antisemit_innen, Nazis und SS-Mörder_innen

Am 5. August vor 60 Jahren wurde die Charta der Heimatvertriebenen unterschrieben und damit der völkische Nationalismus der Flüchtlinge aus dem Osten institutionalisiert. Es dauerte allerdings weitere sieben Jahre bis sich die Nationalsozialist_innen, ehemaligen SS-Angehörige und andere deutsche Nationalist_innen zusammenrauften und sich im Dachverband Bund der Vertriebenen (BdV) organisierten. Von der Nazigeschichte dieses Vereins für völkische Nostalgiker_innen und Volkstumfetischist_innen haben sich die verantwortlichen Offiziellen bis heute nicht distanziert.

Ganz im Gegenteil, die Lobbyist_innen weigern sich standhaft, wie sie es von ihren Ahnen gelernt haben, die eigene Vergangenheit und Relevanz bei der Vernichtung der Jüd_innen und anderen Menschen in Osteuropa aufzuarbeiten. Vielmehr behauptet die derzeitige Vorsitzende Erika Steinbach ganz trotzig, daß im BdV mehr Widerstandskämpfer als Nationalsozialisten aktiv sind und waren.

Die Charta findet ganz besonders pathetische Worte um die Ausnahmestellung und Herausgehobenheit der Ansprüche der Vertriebenen zu beschreiben.

Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden. Die Völker sollen handeln, wie es ihren christlichen Pflichten und ihrem Gewissen entspricht. Die Völker müssen erkennen, daß das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen, wie aller Flüchtlinge, ein Weltproblem ist, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert. Wir rufen die Völker und Menschen auf, die guten Willens sind, Hand anzulegen ans Werk, damit aus Schuld, Unglück, Leid, Armut und Elend für uns alle der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird.

Dieses leidvolle Herausheben aus dem Schicksal der anderen Flüchtlinge, diese Konstruktion einer christlich-deutschen Vertriebenen-Passion ist nicht nur widerlich, sondern funktioniert nur, wenn die anderen Völker und ihre Leiden verkleinert werden und so die deutschen Flüchtlinge gleichberechtigt behandelt werden können. Schuld muß so universell, Unglück individualisiert, Leid emotionalisiert, Armut instrumentalisiert und Elend konstruiert werden. Neuerdings werden so aus Hitlers Helfer_innen Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus. Dies funktioniert aber nur durch Relativierung und Verharmlosung der Naziverbrechen.

Mit Antifaschismus, wie Steinbach behauptet, hat der BdV und seine führenden Mitglieder_innen nun wirklich nichts gemein. Revanchismus und (imaginiert) ethnische Zuschreibungen sowie Geschichtsklitterung sind maßgebliche Bestandteile der Vertriebenen-Ideologie. Dies beweisen eindrucksvoll die zwei stellvertretenden BdV Vorsitzende Hartmut Saenger und Arnold Tölg, die am 8. Juli als Nachrücker_innen in den Stiftungsrat Flucht, Vertreibung, Versöhnung gewählt wurden. Saenger relativiert immer wieder die Schuld des Naziregimes am II. Weltkrieg. Tölg vergleicht, um die Verbrechen der Nationalsozialist_innen zu relativieren, den Vernichtungskrieg der Deutschen mit vermeintlich verbrecherischen Aktionen der Alliierten.

Hartmut Saenger schrieb in seinem Text Historischer Kontext, der in der am 29. August 2009 in der Pommerschen Zeitung und am 5. September 2009 in der Preußischen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde, daß den Ausbruch des II. Weltkrieges ein besonders kriegerischer polnischer Nationalstaat zu verantworten hätte. Seine expansiven Kriege seit 1918 und die aggressive, polnische Bündnispolitik wären Schuld am Überfall Deutschlands auf Polen.

Des Weiteren glaubt Saenger die deutsche Kriegsschuld dadurch mindern zu können, daß er England, Frankreich und vor allem Polen sowie ihre Machtansprüche in Europa der deutschen (Verteidigungs-) Doktrin entgegensetzt. Er behautet, daß die polnische Regierung 1939 sogar mit Krieg gedroht hätte, gegen Deutschland mobil machte und damit Hitler die Möglichkeit der Aufkündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes von 1934 gab.

Die Besetzung und Berufung der beiden Revisionist_innen Tölg und Saenger traf auf massiven Protest. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau erklärte Raphael Gross, Antisemitismusforscher und Direktor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt (Main), daß die zwei vom Bund der Vertriebenen Nominierten und vom Bundestag jetzt bestätigten stellvertretenden Mitglieder zum 2. Weltkrieg und zur Wiedergutmachung Positionen beziehen würden, die untragbar sind, und so den Wunsch nach Versöhnung geradezu verhöhnen. Gross fordert deshalb folgendes.

Es zeigt sich immer wieder, dass der Bund der Vertriebenen offenbar bis in die Spitzen hinein eine Organisation ist, der man mit großer Vorsicht begegnen muss. Sie sagen, sie möchten Versöhnung, aber sie geben jemandem Entscheidungsmacht im Stiftungsrat, der ernsthaft behauptet, der 2. Weltkrieg sei nicht von Deutschland ausgegangen. Wir brauchen eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Bundes der Vertriebenen, die sowohl die Verstrickung seiner Mitglieder in den Nationalsozialismus aufzeigt als auch das Fortwirken nationalsozialistischer Haltungen in der Nachkriegszeit. Die Ergebnisse müssten dann auch in der Ausstellung dokumentiert werden, die nun ja erarbeitet werden soll. Eine Ausstellung, die ganz abstrakt von den Beteiligten absieht, wird letztlich nie glaubwürdig sein.

Aufgrund dieser umfaßenden Kritik ist es nicht verwunderlich, daß Erika Steinbach – die imaginierte Antifaschistin – höchstpersönlich Stellung bezieht. Sie erklärt zu den Vorwürfen, daß die beiden Herren doch historisch völlig richtig argumentiert hätten. Sie relativiert den Geschichtsrevisionismus und spricht den Kritiker_innen, ob gesellschaftlich oder parteigebunden sowohl wissenschaftliche Reputation, als auch politische Glaubwürdigkeit ab.

Diese Versuche sind so durchschaubar wie untauglich, wenn man die verwendeten Argumente betrachtet.

Erika Steinbach meint die Kritik an den Revisionist_innen und rechtskonservativen Nationalist_innen, die Tölg und Saenger als Relativierer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges gegen imaginierte nichtarische Menschen weltweit erkennt und diese Verharmlosung offen attackiert. Dieses Verhalten, das die BdV Vorsitzende als untauglich und unglaubwürdig diffamiert, lobt der deutsche Historiker Peter Steinbach in einem Interview mit dem Deutschlandradio. Außerdem attestiert er der wütenden Kritik von Gross wissenschaftliche Courage. Der Historiker Steinbach sieht in der Nachnominierung zwar einen massiven Schaden für die Stiftung, negiert aber dennoch die grundsätzlich rechtsoffene und revisionistische Ideologie der Vertriebenen.

Das nationale Zentralorgan des deutschen Bildungsbürgertums ist hierbei etwas zurückhaltender und ehrte den bevorstehenden Jahrestag der Charta der Heimatvertriebenen mit einem recht guten Feature zur Genese des BdV, den Unterzeichner_innen der Charta und den Abgrenzungs- sowie Aufarbeitungsschwierigkeiten in den Vertriebenen-Organisationen. Ganz besonders beeindruckend ist die Liste und der Hintergrund der Erstunterzeichner_innen der Charta der Vertriebenen.

Erik von Witzleben unterzeichnete die Charta als Sprecher der „Landsmannschaft Westpreußen“. Er wurde 1942 zum SS-Sturmbannführer befördert, weil er sich „in der Polenzeit unter Zurückstellung eigener Interessen rückhaltlos für das Deutschtum
eingesetzt hat“.

Franz Hamm unterzeichnete die „Charta“ als Sprecher der „Heimatvertriebenen aus Jugoslawien“. Als Volksgruppenführer führte er schon vor dem damaligen deutschen Überfall auf Jugoslawien den „deutschen Gruß“ ein und stellte paramilitärische „Deutschen Mannschaften“ auf. Er war durch Denunziationen an der Vernichtung der serbischen Juden beteiligt. 1980 Großes Bundesverdienstkreuz am Bande.

Waldemar Kraft unterschrieb für die Landsmannschaft Weichsel-Warthe. Er war vorher SS-Hauptsturmführer und NSDAP-Mitglied. 1953 bis 1956 Bundesminister für Sonderaufgaben. Und so fort. Und so fort.

Ach nein: Linus Kather unterschrieb die Charta für den Zentralverband der vertriebenen Deutschen. Er war vor 1945 nicht in der NSDAP, nicht in der SS, danach Mitbegründer der CDU. Mitglied des CDU-Bundesvorstandes. 1954 Übertritt zum Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten. 1969 zur Bundestagswahl Kandidatur für die NPD, Führer der Aktion Widerstand, die gegen die Ostverträge antrat mit der Parole „Brandt an die Wand“.

Ein widerliches Häufchen, das sich am 5. August zusammengefunden hat, die christlich-abendländische, deutsche Kultur vor der Kollektivschuld zu schützen.

Übrigens wurde unter anderem auch der Historiker Erich Später, der schon 2004 in der Konkret unter dem Titel Gez. NSDAP, SA und SS die Kontinuität nationalsozialistischer Ideologie und hochrangiger Nazis bei der Genese des BdV akribisch aufarbeitete, lobend erwähnt. Später konzentrierte sich 2004 auf die Unterzeichner der Charta und weist nach, daß sie alle schon vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen glühende Antisemit_innen und Nationalsozialist_innen waren. Der Historiker arbeitet an diesem Thema beharrlich weiter und konzentriert sich zur Zeit auf die Mitglieder_innenzahl des BdV, die immer wieder von Steinbach und anderen politisch als vermeintlich relevante Kategorie für den Vertriebenen-Diskurs genutzt wird.

Am Dienstag legte der Deutschlandfunk mit einem Interview mit Arnold Tölg (mp3), dem Vorsitzenden des Baden-Württembergischen Landesverbandes des BdV, nach und gibt so erneut die Möglichkeit die Wurzeln des Vertriebenenverbandes und ihre Ideologie kritisch zu hinterfragen.

Zu Beginn des Interview kann sich Tölg noch gut verstecken. Er zieht sich auf vermeintliche Tatsachen zurück. Aufrechnen will er auf keinen Fall. Selbst eine vermeintliche Kriegsschuld von Polen, Frankreich und England läßt er zunächst nicht zu. Aber dann verquatscht er sich doch. Erst verlangt er, daß auch deutsche Zwangsarbeiter entschädigt werden müssen, um dann aber zu seinem eigentlichen Thema zu kommen.

Es war ja ein von Polen und auch teilweise Tschechien, ein langfristiger Plan, schon 1848 wollte man die Linie Stettin-Triest herstellen. Also, da sind Dinge zusammengekommen: Auf der einen Seite war das der Krieg Hitlers, der Schreckliches in diesen Ländern angerichtet hat; auf der anderen Seite kam es auch der polnischen und wohl auch tschechischen Politik entgegen, siehe Londoner Exilregierung, die sich intensiv darum bemüht hat, die deutschen Ostgebiete in die Hand zu bekommen, sodass hier durchaus auch Schuld auf der anderen Seite zu sehen ist. Denn Polen hätte sich auch einmal überlegen müssen, was es bedeutet … Zum Beispiel, ich war gerade in Schlesien, da fährt man hunderte Kilometer durch ein Land, ein wunderbares Land mit großen Städten und Dörfern und muss sich dann vorstellen, dass all diese Menschen, die hier Jahrhunderte lebten, auf grausame Weise rausgeworfen wurden. Also, das war ein Verbrechen und da kann man nichts dran deuteln. Ich bin ja selbst betroffen gewesen.

Tölg meint mit den Rausgeworfenen wahrscheinlich seine deutschen Volksgenoss_innen. Die jüdischen Polen kann er nicht gemeint haben. Denn Jüd_innen wurden industriell ermordet. Sie wurden vernichtet. Nichts erinnert mehr an sie. Es ist mehr als zynisch in (Ost-) Polen deutsche Flüchtlinge hervorzuheben und die vergasten Jüd_innen zu verschweigen.

Besonders skurril wird es aber, als sich Tölg zu seinen Kritiker_innen vom Zentralrat der Juden äußert. So glaubt er offenbar, daß die jüdischen Deutschen von irgendwo anders herkommen müßten (ganz gleich woher sie kommen). Wahrscheinlich aus Israel. Vielleicht ja auch aus den deutschen Ostgebieten, wenn sie denn überlebt haben… Offenbar kann sich Tölg nicht vorstellen, daß es deutsche Jüd_innen gibt.

Und so schließt sich der Kreis. Die Charta der Vertriebenen appelliert als christlich-abendländische Kulturgruppe im Bewußtsein ihres deutschen Volkstums ethnozentristisch an alle europäischen Völker endlich ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen anzuerkennen. Jüdisches Leben – ausgerottet und fast gänzlich in Polen vernichtet – interessiert dabei wenig. Deutsche Jüd_innen sind ebenfalls wenig von Belang.

So sieht Versöhnung auf deutsch aus. Keine Rache und Vergeltung bedeutet nach Vertriebenen Lesart, daß die anderen nur die deutsche Passionsgeschichte akzeptieren müssen.

Am heutigen 5. August wird deshalb die Kontinuität volkischer Ansprüche offiziell gefeiert, die maßgeblich aus einer nationalsozialistischen Elite wuchs und bis heute im BdV gedeiht. Saenger, Tölg und Steinbach schreiben eine revanchistische und in Teilen antisemitische Geschichte ihres Verbandes fort, der wenig mit Ausgleich und Versöhnung zu tun hat, sondern offensiv die Legende vom deutschen Leid, das anerkannt werden muß, als Standarte vor sich her trägt.

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Norbert Lammer, Vorsitzende_r des Bundestages und Festredner_in des heutigen Jubiläums, äußert sich äußerst befremdlich bei inforadio zur Charta der Vertriebenen und nennt sie ein grandioses Dokument der Einsicht über Ursache und Wirkung. Das dies weder in der Charta zu erkennen ist, noch für die maßgeblichen Funktionäre des BdV gilt, haben Saenger, Tölg und Erika Steinbach in den letzten Monaten und Jahren sowie in der Jahrzehnten zuvor ihre Vorgänger_innen eindrucksvoll bewiesen. Außerdem

Ich wundere mich manchmal über die vermeintliche Souveränität der Nachgeborenen, zu denen ich ja auch selber auch gehöre, die mit dem gehörigen zeitlichen Abstand von den Ereignissen und vor allen Dingen ohne die existenzielle Not, der sich viele damals Betroffene befunden haben, genau zu wissen, was man damals hätte noch alles erklären müssen […]

Unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse ist das ein grandioses Dokument der Einsicht auch in Ursachen und Wirkungen und, die sich daraus ja herleitenden Erklärung, übrigens mit dem ausdrücklichen Hinweis wir haben uns das sorgfältig überlegt.

Auf die Frage nach Revanchismus im BdV und Nazis bei den Erstunterzeichner_innen, verstegt sich Lammert zu folgenden verharmlosenden Erläuterungen.

Ja eine solche pauschale Wahrnehmung ist, freundlich formuliert, jedenfalls nicht hinreichend aufgeklärt. Das nicht alle späteren Erklärungen aller Funktionäre, der jeweils einzelnen Vertriebenenorganisationen sich in Form und Inhalt auf der Höhe dieser Charta von 1950 befunden haben, daß ist wohl wahr. Aber jeder faire Blick auch auf die Entwicklung der letzten 60 Jahre muß neben solchen Ausreißern eben auch einräumen, daß es immer wieder bemerkenswerte Klärungsprozesse gegeben hat. Da haben Landsmannschaften sich von ihrer eigenen Verbandszeitschrift getrennt. Oder es sind Verbandsmitglieder ausgeschlossen worden, wenn man den Eindruck hatte, daß sie offenkundig doch in einer ganz anderen Weise Ansprüche geltend machen wollten, die mit diesem Selbstverständnis der Vertriebenenorganisation nicht in Übereinstimmung zu bringen waren.