Wien und Berlin – Unterwegs in Boboville!

Pieces of Berlin war auf Exkursion in Wien und hat dort Boboville entdeckt. Es läßt sich offenbar in der Innenstadt im Museumsquartier lokalisieren. Dort treffen sich die jungen Hedonist_innen der Bohème Bourgeois, die gesehen werden wollen zum chillen> und Atmosphäre genießen. Außerdem gibt, so meint Kadri, für alle Jahreszeiten ein gutes Programm. Der echte BoBo geht aber offenbar hin, weil es seine Kinder dort toll finden.

Aber nicht nur in Wien gibt es BoBos. Berlin soll, so behauptet die Metropolenseite In Berlin Brandenburg, die Hauptstadt der Bobo-Kultur sein und beschreibt diese bemerkenswert naiven, durchgehend weißen Menschen.

Der Lebensstil der Bobos eint, was bisher als unvereinbar galt: Reichtum und Rebellion. Im Prinzip ist der Bobo eine krude Kreuzung aus Hippie und Yuppie, schafft es, beruflichen Erfolg und eine nonkonformistische Haltung unter einen Hut zu bringen.

So kann Egomanie und Narzismus hedonistisch umgewertet und zum Zentrum einer alternativen Kultur erklärt werden, die sich jenseits sozialer und existenzieller Brechungen positiv überhöht. Um’s Überleben geht es BoBos eher nicht. Sie rücken das ‚Ich‘ und ihre individuelle Freiheit ins Zentrum ihrer Weltwahrnehmung. Existenzielle Gefahren werden durch Anreize und lediglich individuelle Freiräume (neoliberal) ergänzt. Ihr Nonkonformismus richtet sich nicht gegen irgendetwas – zum Beispiel den Staat, nationale Imaginationen oder soziale Exklusionen – sondern weist regelmäßig ausschließlich nach Innen und setzt sich in Abgrenzung gegen den Anderen.

Hinzu kommt, daß mit dem Begriff BoBo die negativen Zuschreibungen von Außen, wie Yuppie und rich, mit einer vermeintlich avangardesken Bohemè Attitüde abgestreift und mit selbstgemachten Designer_innen-Klamotten aufgewertet werden können. Performativ dekonstruktive Konzepte der Selbstinszenierung werden in derKonsequenz boboistisch entpolitisiert und durch eine totale Selbstbezogenheit ersetzt. Ähnlich wie Norbert Blüm Brechts Liebesgedichte ins Zentrum setzt und seine marxistischen Methoden marginalisiert, lösen Bobos ihre Bohemè von emanzipatorischen Diskursen und verdrängen so bewußt subversive Elemente. Marketing- und Kommunikationsagenturen mach(t)en es vor und die Bobo-Kultur reproduziert diese entpolitisierten Methoden.

Den theatrale Charakter der BoBo-Inszenierung, wie sie auch vorzüglich sowohl in seinen amüsanten aber auch ignoranten Ausdrucksformen der Besucher_innen des Laden Staal Plaat in der Neuköllner Flughafenstraße beobachtet werden kann, beschreibt scheinschlag in einem Text aus dem Jahr 2007.

Die Straßenzüge der Boboviertel muten wie eine frisch gestrichene Filmkulisse an. Sie sind „repräsentativ“ und sorgen für das erforderliche „Image“, doch hinter den bunten Fassaden ist das Boboleben grau. Jeder ist dazu verdammt, in einem rekonstruierten Dekor die Versöhnung des Bourgeois und des Bohemiens zu schauspielern. So zum Beispiel auf dem Bobomarkt, wo man jeden Samstag Dorf spielt und vom Biohändler vertraute Tratschimitate gegen einen entsprechenden Preiszuschlag zuzüglich des Gemüses erhält. Bezeichnend für seinen Identitätsersatz ist der Trank, den der Bobo in Heiner-Müller-Outfit an Straßenterrassen vorzüglich schlürft: leicht braungefärbter, lauwarmer Schaum zu unverschämtem Preis.

Diese Latte-Machiatto-Gesellschaft dreht sich ständig um sich selbst und negiert Emphase, außer wenn sie Wirkung erzielen soll. Status wird durch vermeintliche Freiheit und Zeit ersetzt. Kinder sind deshalb eher eine Bereicherung und Selbsterfahrung. Sie sollen wahrscheinlich Leerlaufzeiten auffüllen. Und außerdem sind sie sooooo süß.

Nur wenn aus den gestylten BoBo Schönheiten, plötzlich alleinerziehende Macchiatto Mütter werden – aus welchem Grund auch immer – platzt die Selbstüberhöhung als emanzipierte Frau, die sämtliche Emanzipationsdiskurse nicht nötig hat, sondern sich im Gegenteil bewußt wieder auf das vermeintlich vergötterte Weibchenimage zurückzieht. Und schon ist sie zurück die soziale Frage. Aber die Bobo_in reagiert keineswegs selbstkritisch und politisch, sondern heult lieber rum. Aber statt solidarisch reagieren andere BoBo-Frauen mit Häme und der Arroganz der sozial Abgesicherten. Nun ganz neoliberal und nicht mehr nonkonformistisch.

In Wien ist es bestimmt noch nicht soweit, daß die BoBos im Selbstmitleid zerfließen. Dort scheint das Phänomen noch eher jünger zu sein und vor allem katholisch entspannter angegangen zu werden. Mal sehen, wie es dort noch laufen wird. Pieces of Berlin bleibt bestimmt mit der Linse dran.